SPORTFERIEN: Das Skilager bleibt ein wichtiger Wert

In den nächsten Wochen finden die meisten Winterlager der Schulen statt. Zwar haben sich die traditionellen Skilager gewandelt und sind nicht überall obligatorisch, doch ihre Bedeutung ist ungebrochen – und sei es für den sozialen Aspekt.

Katharina Brenner, Marcel Elsener
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Spass auf der Piste mit Mehrwert: Es geht im Skilager nicht nur um Schulsport, sondern auch um den Gemeinschaftssinn. (Bild: Jan Greune/Getty)

Spass auf der Piste mit Mehrwert: Es geht im Skilager nicht nur um Schulsport, sondern auch um den Gemeinschaftssinn. (Bild: Jan Greune/Getty)

Skilager! Sofort schneit es Erinnerungen; glückliche und weniger gute, berauschende oder auch schmerzvolle, und sicher ein paar, die man nur wenigen erzählte, vielleicht noch der älteren Schwester oder dem wilden Cousin. Denn zum Spass auf der Piste gehört im Skilager unweigerlich das Ausreizen von allerhand Grenzen, der erste Exzess in der Nacht. Anstrengend für die erwachsenen Begleiter, aber je nach Alter harmlos, wie stellvertretend für Tausende Berichte das veröffentlichte Beispiel einer Mittelstufenklasse aus der Stadt St. Gallen vom vergangenen Jahr zeigt: «Schlafen im Skilager. Wir mussten je nach Benehmen zu unterschiedlichen Zeiten ins Bett. Wir waren vor dem Einschlafen mehrheitlich laut. Wir schliefen praktisch nie direkt. Die meisten furzten herum und wir mussten lachen. In ein paar Zimmern stank es grausam. Ein paar leuchteten mit der Taschenlampe herum und mussten sie dann abgeben. Die Lehrerinnen waren immer vor der Tür, bis wir schliefen...»

In den meisten Skilagern wird noch immer Ski gefahren

Ältere Semester merken: Skilager bleibt Skilager, allzu vieles hat sich im Internet-Zeitalter nicht verändert. Wenn nicht der Sport, geben ein Fackelumzug, das Lageressen, der versteckte Kuss in der Hüttendisco oder der erste Suff lebensprägende Momente her. Ganz zu schweigen von schlimmeren Geschehnissen wie Unfällen oder Krankheiten; das wegen des Norovirus’ abgebrochene Lager einer St. Galler Oberstufenklasse wird allen Beteiligten in Erinnerung bleiben. Manchmal beschäftigen Skilager gar die Gerichte: In jüngster Zeit galt es mehrere Entscheide zu fällen, weil besonders moslemische Eltern ihre Kinder nicht ins Lager schicken wollten.

Nun ist Ski fahren längst nicht mehr der «Sport der Nation», wie er es zu Zeiten des Schlagers «Alles fährt Ski» war. Entsprechend haben die meisten Schulgemeinden das Angebot der Skilager erweitert: Wer nicht auf Ski oder Boards will, geht Langlaufen, Schlitteln, Schneewandern, Schwimmen oder Curlen. Oder sie erklären das Skilager für freiwillig und bieten, wie etwa die Oberstufen in Uzwil und Wil, für die Daheimgebliebenen Sonderwochen an. Die Teilnehmerzahlen belegen, dass Skilager kein Schnee von gestern sind: Oft nehmen 60 bis 70 Prozent der Schüler am Lager in den Bergen teil. Und in den meisten Gemeinden will die Mehrheit Ski fahren, wie das Beispiel Marbach zeigt: Von 200 Kindern verzichtet dort diesen Januar nur ein Dutzend auf den Brettersport.

Jede Schulgemeinde hat indes eine eigene Lösung; was am einen Ort noch obligatorisch ist, kann bereits im Nachbarort freiwillig sein (siehe Text unten). Die seit Jahren stabilen Zahlen der Stadt St. Gallen dürften wohl in etwa für den ganzen Kanton gelten: So führen rund drei Viertel der Mittelstufenklassen (im Jahr 2014 waren es 58 von 87 Klassen) und an der Oberstufe gar 90 Prozent (66 von 71 Klassen) ein Skilager durch. Eine kantonale Liste der Schulgemeinden mit oder ohne Skilager gibt es ebenso wenig wie eine Übersicht über die eigenen oder vorzugsweise gemieteten Schulheime. Die Skilager sind wie andere Sportwochen-Angebote jederzeit Sache der Gemeinden; sie gehören zu den zusätzlichen freiwilligen Veranstaltungen der Schulgemeinden und sind nicht Bestandteil des obligatorischen Lehrplans, wie es beim Amt für Volksschule heisst.

Kanton schätzt pädagogischen Wert

Unlängst waren Skilager Thema im Kantonsparlament. Der Toggenburger SVP-Kantonsrat Mirco Gerig erkundigte sich nach Massnahmen, um die Schulgemeinden zur Unterstützung darbender regionaler Tourismusgebiete zu bewegen. In ihrer Antwort vom April 2015 betonte die Regierung, dass die Organisation von Klassenlagern jeglicher Art in der Verantwortung der örtlichen Schulen und Gemeinden liege. Grundsätzlich geregelt sind diese in den Weisungen des Erziehungsrats «über besondere Veranstaltungen». Die Regierung unterstütze die Durchführung von Klassenlagern, «da ihr pädagogischer Wert ausser Frage steht», wie sie beschied. So förderten Klassenlager «auch überfachliche Kompetenzen wie die soziale Zusammengehörigkeit (...) Die Jugendlichen lernen nicht nur ihre eigenen Grenzen kennen, sondern haben auch die Möglichkeit, darüber hinauszuwachsen.» Zwar sollten Klassenlager «grundsätzlich im Kanton» stattfinden, so die Regierung, doch gebe es manche funktionale Gründe für Austragungen ausserhalb des Kantons.

Unterstützung gibt’s vom Bund: Er unterstützt Skilager finanziell über das nationale Sportförderprogramm Jugend und Sport (J+S). Die Anträge der Schulen werden von kantonalen Sportämtern bearbeitet. 158 Schneesportlager sind dieses Jahr über J+S im Kanton St. Gallen angemeldet worden. «Darin sind die Lager im März noch nicht eingerechnet», sagt Patrik Baumer, Leiter des St. Galler Amts für Sport. Die Zahl sei seit 2012 recht konstant geblieben, aber «natürlich auf einem tieferen Niveau als noch vor 20, 30 Jahren.»

Dem Amt für Sport liegt viel an Skilagern. «Wir möchten, dass sich Kinder in der Natur bewegen können und dass der Gemeinschaftssinn gestärkt wird.» Deshalb fördert der Kanton auch die entsprechende Ausbildung an der Pädagogischen Hochschule St. Gallen (PHSG). Lässt sich ein Student zum J+S-Ski- oder Snowboardleiter ausbilden, muss er einen Drittel der Kosten selber zahlen, die anderen Drittel übernehmen je der Kanton und der Bund.