SPORTANLÄSSE: «Eine Startlinie allein reicht nicht»

Der St. Galler Auffahrtslauf zieht Läufer aus der ganzen Ostschweiz an. Jedes Jahr werden es mehr. Die Gründe, weshalb sie am Event teilnehmen, sind unterschiedlich. Der Sport steht nicht immer im Vordergrund.

Simon Roth
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6000 Läufer sind vor einem Jahr über die Startlinie des St. Galler Auffahrtslaufs gelaufen – dieses Jahr sollen es bereits 1000 mehr sein. (Bild: Mareycke Frehner (5. Mai 2016))

6000 Läufer sind vor einem Jahr über die Startlinie des St. Galler Auffahrtslaufs gelaufen – dieses Jahr sollen es bereits 1000 mehr sein. (Bild: Mareycke Frehner (5. Mai 2016))

Simon Roth

simon.roth@tagblatt.ch

Siegfried Nagel, sportliche Anlässe sind im Aufwind. Was ist der Reiz, an einem Grossanlass teilzunehmen?

Seit Jahren steigen die Teilnehmerzahlen bei vielen Läufen. Dies ist erstaunlich, weil der Trend im Sport immer mehr in Richtung Individualisierung geht. Für Teilnehmer von Sportanlässen steht das Happening im Zentrum.

Was meinen Sie damit?

Die Leute gehen in kleinen Gruppen zum Anlass und können ohne Druck gemeinsam den Lauf absolvieren. Der Wettkampf ist nicht die Hauptattraktion. Es geht um das Erlebnis, das über den sportlichen Teil hinausgeht.

Was muss ein Sportanlass heutzutage alles bieten, um für eine möglichst breite Bevölkerungsgruppe anzusprechen?

Es braucht sicherlich mehr als nur eine Startlinie und ein Zielband. Die Teilnehmer wollen aus einem breiten Angebot von Nebenschauplätzen auswählen können. Oft ist in der Startnummer die kostenlose Anreise mit dem ÖV integriert. Weiter schätzen die Leute ein Aufwärmprogramm, geregelte Verpflegung vor und während des Laufs. Gerade Stadtläufe haben Konjunktur.

Wie wichtig ist Sport in der heutigen Gesellschaft?

Sport hat generell an Stellenwert gewonnen. Diese Bedeutungszunahme geht aber mit dem Verlust der Sportvereine an Marktanteilen einher. Die Motivation, Sport zu treiben, liegt nicht primär im Leistungsgedanken, sondern in der Erholung vom Alltag. Man will gesund und fit sein.

Die Leistung ist zweitrangig?

Nicht ganz. Vielfach wird die Teilnahme an Sportanlässen vom Umfeld positiv honoriert. Die Finisher werden für das Mitmachen gelobt und erhalten damit eine Rückmeldung, die sie bestärkt und ihnen ein gutes Gefühl vermittelt.

Wie steht es mit der Durchmischung im Teilnehmerfeld?

Früher war Wettkampfsport vor allem Männersache. Allerdings geht der Trend eindeutig dahin, dass mehr Frauen mitmachen. Je stärker aber der Wettkampfgedanke ist, desto weniger attraktiv ist es für Frauen mitzulaufen.

Sind solche Anlässe wichtig?

Die Events sind eine gute Plattform, um für Sport und Bewegung zu werben. Ich bezweifle allerdings, ob sie die Bewegung im Alltag fördern. Die wachsende Nachfrage wird wohl eher durch das steigende Angebot beeinflusst. Die wirtschaftliche Bedeutung von Lauf­events ist nicht zu unterschätzen, gerade für das regionale Gewerbe und den Tourismus.

Durch Sportanlässe treiben die Leute also nicht mehr Sport im Alltag?

Jedenfalls schaden die Anlässe nicht. An Events wie dem «SlowUp» kann man gut ohne Vorbereitung teilnehmen. Effektiver für die Bewegungsförderung sind aber Wettkämpfe. Da bereiten sich die Teilnehmer monatelang und möchten eine möglichst gute Zeit abliefern.