Spitzenort neben Stiftsbezirk: So soll es mit dem St.Galler Textilmuseum weitergehen

Das Vorzeigehaus der St.Galler Textilindustrie gehört nicht mehr der IHK, sondern einer eigenen Stiftung. Nun soll das Museumsgebäude saniert und zur zweiten Attraktion neben dem Stiftsbezirk werden.

Marcel Elsener
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Die im März eröffnete Ausstellung mit Knie-Zirkusmode aus hundert Jahren beschert dem Textilmuseum viel Publikum. (Bild: Adriana Ortiz Cardozo)

Die im März eröffnete Ausstellung mit Knie-Zirkusmode aus hundert Jahren beschert dem Textilmuseum viel Publikum. (Bild: Adriana Ortiz Cardozo)

Das Publikum strömt derzeit ins Textilmuseum St.Gallen: Allein im März und im April wurden gegen 8000 Besucherinnen und Besucher gezählt, das verspricht nach mittleren Jahren mit durchschnittlich 27000 Besuchern bis zur Finissage Mitte Januar 2020 einen Rekord, wie damals die Ausstellungen «Akris» (als Teil von «Schnittpunkt» 2006) mit 35'000 oder «Secrets» (2008) mit 37'000 Eintritten. Klar, der Knie zieht, die 90 Gewänder aus hundert Jahren Familienzirkusgeschichte sind ein prächtiger modehistorischer Schatz.

Für das Ausstellungs- und Sammlungshaus der St.Galler Textilindustrie kommt die populäre Schau zum besten Zeitpunkt: Es firmiert nicht mehr unter dem Dach der Industrie- und Handelskammer St.Gallen-Appenzell (IHK), sondern geht mit einer eigenständigen neuen Stiftung sowie dem 2011 gegründeten Verein in die Zukunft. Oder wie es Tobias Forster formuliert:

«In keinem Jahr seit der Gründung des Museums Ende des 19. Jahrhunderts haben je so wichtige Veränderungen stattgefunden wie 2018.»
Tobias Forster. (Bild: Ralph Ribi)

Tobias Forster. (Bild: Ralph Ribi)

Forster präsidiert den Verein Textilmuseum, sein Pendant als Präsident der Stiftung ist Vincenzo Montinaro, die beiden nehmen in beiden Vorständen Einsitz. Verein und Stiftung stünden als «siamesische Zwillinge» für die vereinfachten, schlanken Strukturen, mit denen sich das Textilmuseum nach der Loslösung von der IHK aufgestellt hat: «Ein gutes Fundament.»

Hotspot, Inspirationsquelle und Austauschplattform

Der Stiftung gehören das Gebäude und die Sammlungen, sie verwaltet das Stiftungsvermögen und bedient den Verein mit Infrastruktur und Mitteln; der Verein betreibt das Museum mit Ausstellungen und Bibliothek, er pflegt die Sammlungen und vertritt das Textilmuseum nach aussen.

Die gemeinsam entwickelte Zukunftsvision entspricht dem Selbstverständnis des einst wichtigsten Wirtschaftszweigs der Ostschweiz mit noch immer weltweit klingenden Namen: Das Textilmuseum soll ein «weltoffener textiler Hotspot der Schweiz» sein und als «zweites Alleinstellungsmerkmal der Stadt» ein «moderner Anziehungspunkt für St.Galler und für Touristen», komplementär zum Stiftsbezirk. Freilich versteht sich das Haus mit seiner Spitzensammlung als Inspirationsquelle für alle, die an Design interessiert sind – und als Austauschplattform zwischen Laien und Spezialistinnen.

Schöne Absichten, die in ähnlicher Form schon der Kanton hegte: 2006 musste dieser seine Pläne für ein Schweizerisches Textilmuseum aufgrund mangelnder Finanzen jedoch abbrechen. Das Thema Textil habe «ehrlich grosses Potenzial», sagte Kulturamtsleiterin Katrin Meier damals, die Vision müsse warten, bis sie «politisch und finanziell machbar» sei.

Zu 70 Prozent von Privaten finanziert

Nun bleiben die Finanzen die grösste Herausforderung: Das Textilmuseum ist zu 70 Prozent aus privaten Quellen finanziert und möchte auch die Innensanierung privat finanzieren. Die Erneuerung der veralteten Infrastruktur – das Gebäude besitzt nicht einmal eine Klimaanlage – ist nötig für ein modernes Museum, das eine attraktive Dauerausstellung und «mehr Erlebnis» bieten soll. Tobias Forster erklärt:

«Kaum ein anderes Museum unserer Grösse weist einen öffentlichen Finanzierungsanteil von lediglich 30 Prozent auf und arbeitet mit einem Mitarbeiterstab von nur acht Vollzeitstellen.»

Umso mehr sei man auf die von Kanton und Stadt erhöhten Fördergelder von jährlich je 280'000 Franken auf je 430'000 Franken angewiesen. «Wir hängen zwar nicht am Tropf der öffentlichen Hand», sagt Vincenzo Montinaro.

«Aber wir laufen auf dem Zahnfleisch.»

Kantons- und Stadtregierung unterstützen die Erhöhung, doch das Stadtparlament zögerte im November und verlangte «mehr Informationen». Die Textilmuseumsverantwortlichen sind überzeugt, ihre Hausaufgaben erledigt zu haben, und schauen dem Beschluss der Stadt – und demnach auch des Kantons - optimistisch entgegen. Schliesslich sei die Erhöhung nicht abgelehnt, sondern nur verschoben worden.

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