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Interview

«Spitalverwaltungsrat trampelt herum wie ein Elefant im Porzellanladen»: Der Wattwiler Gemeindepräsident spricht aus, was viele im Toggenburg denken

Im Spital Wattwil wird ab November nicht mehr operiert. Für Gemeindepräsident Alois Gunzenreiner offenbart dieser Entscheid, was der Spitalverwaltungsrat tatsächlich will: Wattwil aushungern, bis es nichts mehr zu schliessen gibt.
Silvan Lüchinger, Regula Weik
Alois Gunzenreiner, Gemeindepräsident von Wattwil. (Bilder: Benjamin Manser)

Alois Gunzenreiner, Gemeindepräsident von Wattwil. (Bilder: Benjamin Manser)

Wo lassen Sie sich operieren, wenn morgen Ihr Blinddarm platzt?

Alois Gunzenreiner: Im Spital Wattwil.

Und wenn Sie in einem Jahr erkranken?

Das hängt davon ab, wie es in der Auseinandersetzung ums Spital weitergeht.

Das von der Gemeinde erarbeitete Spitalmodell 2021 sieht keine Operationen mehr vor. Wo sollen sich die Toggenburger behandeln lassen?

Wenn unser Modell mit Innerer Medizin und Altersmedizin umgesetzt wird, ist ein standardmässiger OP-Betrieb verzichtbar. Für planbare oder ambulante Eingriffe wollen wir, dass die Operationssäle auch künftig genutzt werden können. Wir haben übrigens heute mehr Operationssäle als früher.

Das tönt widersinnig.

Es ist aber so. Im Spital wurde ein zweiter, neuer Operationssaal eingerichtet, er wird aber nicht in Betrieb genommen.

Was sieht Ihr Modell damit vor?

Niedergelassene Ärzte, die bereits heute hier operieren, könnten das auch in Zukunft tun. Zudem könnten auch Belegärzte die Infrastruktur nutzen.

Vom Aus bedroht: Das Spital Wattwil. (Bild: Mareycke Frehner)

Vom Aus bedroht: Das Spital Wattwil. (Bild: Mareycke Frehner)

Ist die Nachfrage denn vorhanden?

Das hängt von den möglichen Kooperationen und der Qualität des Angebots ab. Wenn sie gut ist, dann gehen Sie hin, egal wo das Spital steht. Private Kliniken beweisen das. Umgekehrt hat sich ein Arzt gemeldet, der heute in Wattwil operiert. Wenn er das künftig nicht mehr könne, müsse er sich eine Verlegung der Praxis überlegen. Eine solche Entwicklung wäre für die Region fatal.

Die Ärztedichte im Toggenburg ist tief. Erleichtert ein Spital die Suche nach Hausärzten?

Die Gesundheitsversorgung ist ein Netzwerk. Wenn Teile herausgebrochen werden, funktioniert es nicht mehr. Das hat auch Auswirkungen auf die Rekrutierung von Hausärzten. Deshalb sprechen wir in unserem Modell von «integrierter Gesundheitsversorgung» für die Region.

Ignoriert der Spitalverwaltungsrat diese Überlegungen?

Das weiss ich nicht. Wenn ich sehe, was kommuniziert wird, habe ich aber den Eindruck, im Hintergrund laufe ein klarer Plan ab.

Welcher?

Wattwil aushungern und dessen Schliessung vorantreiben. Unbesehen dessen, was links und rechts passiert und was abgemacht wurde, wie der Prozess ablaufen soll.

Was läuft schief?

Die Regierung hat einen Prozess lanciert, in dem eine Gesamtstrategie entwickelt werden soll. Dazu gehört auch, die Bedürfnisse der Bevölkerung, des Personals, der Ärzte abzuholen. Der Spitalverwaltungsrat wird seiner Verantwortung dafür nicht gerecht und trampelt herum wie ein Elefant im Porzellanladen.

Er hat doch nur entschieden, was auch Ihr Modell vorsieht: keine Operationen mehr ...

Wie erwähnt: Wir schliessen in unserem Modell die Operationssäle nicht, wir öffnen sie für Dritte. Warum soll die Region den OP-Schliessungsentscheid heute gut finden, wenn sie keinerlei Zusagen hat, wie es in Wattwil weitergehen soll, was der Region erhalten bleibt.

Also ist der Zeitpunkt falsch?

Das Vorpreschen des Verwaltungsrats ergibt keinen Sinn, es verstösst gegen Treu und Glauben. Wenn ab November nicht mehr operiert wird, ergibt sich für 2019 praktisch keine Einsparung. Nächstes Jahr entscheidet das Kantonsparlament über die neue Spitalstrategie; wenn es eine Volksabstimmung gibt, wird sie ab 2021 umgesetzt. Wir reden also von maximal zwei Jahren, in denen früher gespart werden kann.

Der Verwaltungsrat rechnet mit drei Millionen Einsparungen.
Wenn es denn tatsächlich so viel ist.

Es fallen auch Erträge weg, und von dem, was an Mehraufwand entsteht, ist keine Rede. Etwa durch die Patiententransporte nach Wil oder den Ausbau der Infrastruktur in einem anderen Spital.

Greift der Verwaltungsrat mit seinem Entscheid der Strategie vor?

Ja. An den angeblich ergebnisoffenen Prozess glaube ich nicht mehr. Warum soll ich auch? Es wurde uns mehrfach versichert, es sei noch nichts entschieden, die Standortgemeinden sollten Vorschläge einreichen. Wir taten das Ende März. Der Lenkungsausschuss sicherte uns zu, der Vorschlag töne interessant und werde geprüft. Einen Monat später, bevor die Prüfung überhaupt begonnen hat, kommt der VR mit dem Operationsstopp. Das ist nicht nachvollziehbar.

Wie hätte der Verwaltungsrat auf die schlechten Zahlen reagieren sollen?

Er will durch Optimierungen, besseren Einkauf und weitere Massnahmen, eine Million einsparen. Das ist Führungshandwerk. Dafür braucht es kein Sanierungskonzept.

Der Spitalverbund Fürstenland-Toggenburg erwartet im laufenden Jahr ein Defizit von 6,7 Millionen. Das ist weit schlechter als andere Regionen.

Das Toggenburg liegt peripher, ist eine grosse Region und dünn besiedelt. Nun kann man sagen, das interessiert uns nicht. Dann frage ich mich: Hat unsere Bevölkerung nicht das gleiche Anrecht auf eine gute Gesundheitsversorgung wie jene anderer Regionen? Hinzu kommt: Die Abschreibungen belasten das Ergebnis massgeblich. Die kommen an den anderen Standorten auch noch.

Sie wollen Wattwil aus dem ­Spitalverbund herauslösen.

Eine Stiftung oder eine Aktiengesellschaft liesse uns flexibler mit möglichen Partnern verhandeln.

Sie brauchen trotzdem einen ­Leistungsauftrag des Kantons.

Zweifellos. Den kann er uns für die Grundversorgung geben oder für eine Spezialität, die Partner mitbringen.

Wäre denn Wattwil für eine rasche Lösung in dieser Richtung parat?

Das kann ich Stand jetzt nicht sagen, weil wir ja nicht wissen, ob unsere Vorschläge nur entgegengenommen wurden oder ob sie auch ernsthaft geprüft werden.

Wie viel trägt Wattwil zum Defizit des Spitalverbunds bei?

Wir haben diese Zahlen nicht. Entweder gibt es sie nicht, und dann ist der Entscheid, keine Operationen mehr durchzuführen, willkürlich. Oder es gibt sie und man rückt sie nicht heraus, weil sie den Entscheid nicht untermauern.

Sie misstrauen den Basisdaten?

Ja, wir haben definitiv Anlass dazu.

Müsste Wil statt Wattwil ­geschlossen werden?

Wir reden für Wattwil.

Der Verwaltungsrat will Wil für 160 Millionen ausbauen.

Jetzt zieht man durchs Land und erzählt, dass man zu viele Spitäler und zu viele Betten habe. Gleichzeitig redet man am einen Ort eine 60-Millionen-Investition schlecht und verbaut am andern 160 Millionen. Das geht doch nicht auf.

Wie viele Spitäler braucht es künftig im Kanton noch?

Diese Frage treibt mich nicht um. Ich bin kein kantonaler Politiker.

Im Spätherbst soll die neue St. Galler Spitalstrategie vorliegen. Womit wäre das Toggenburg zufrieden?

Sicher darf es nicht weitergehen wie bisher – das wäre ein Sterben in Raten. Uns wäre am liebsten, wenn wir grünes Licht für die Umsetzung unseres Modells erhielten. Wir haben uns das gut überlegt; es ist kein Schnellschuss. Es wird für Regionen wie das Toggenburg empfohlen und funktioniert andernorts, etwa im Unterengadin.

Versteht der Verwaltungsrat zu wenig von der Materie und vom Toggenburg?

Er entscheidet nur betriebswirtschaftlich. Das zeigt, mit welcher Sicht er unterwegs ist.

Sie bleiben misstrauisch?

Es bleibt mir gar nichts anderes übrig. Ich bin mir inzwischen auch gar nicht mehr sicher, ob es dieser Spitalregion wirklich so schlecht geht oder ob sie ­systematisch schlechtgeredet wird, um Wattwil in Bedrängnis zu bringen.

Toggenburger durch und durch

Seit zwölf Jahren steht Alois Gunzenreiner der Gemeinde Wattwil vor. Der 47-Jährige ist Mitglied der CVP. Er hat eine klassische Politkarriere durchlaufen, startete jung mit Parteiarbeit und war als Gemeinderat in Mogelsberg tätig; von 2001 bis zum Wechsel nach Wattwil bekleidete er das Amt des Vize-Gemeindepräsidenten. Gunzenreiner absolvierte eine Lehre als Innendekorateur, die Handelsschule und mehrere Weiterbildungen. Er ist verheiratet und hat vier Kinder. In seiner Freizeit wandert er gern oder vertieft sich in ein Buch; beides komme derzeit etwas zu kurz, sagt er. (rw)

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