Spitalsituation
«Die neue St.Galler Spitalstrategie ist nicht allwettertauglich» – nun rächten sich die Spitalschliessungen, kritisiert die SP

Lange Wartezeiten auf der Notfallaufnahme, volle Intensivbetten: Die SP-Fraktion im St.Galler Kantonsparlament fordert konkrete Zahlen rund um die Notfall- und Coronaversorgung. Die aktuelle Situation überrascht die Linken nicht: Sie hätten schon früh vor Engpässen am Kantonsspital St.Gallen gewarnt.

Regula Weik
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Eingang zur Notfallaufnahme am Kantonsspital St.Gallen.

Eingang zur Notfallaufnahme am Kantonsspital St.Gallen.


Bild: Nik Roth

Sie habe mehrfach gewarnt – vergeblich, hält die SP-Fraktion im St.Galler Kantonsparlament fest. Doch all ihre Hinweise seien abgeschmettert, all ihre Bedenken von den Spitalverantwortlichen, der Regierung und dem Kantonsparlament weggewischt worden. Bereits nach wenigen Monaten zeige sich jetzt aber:

«Die neue st.-gallische Spitalstrategie ist nur eine Schönwetterstrategie und auf keinen Fall allwettertauglich.»
Bettina Surber, Fraktionspräsidentin der SP im St.Galler Kantonsparlament.

Bettina Surber, Fraktionspräsidentin der SP im St.Galler Kantonsparlament.

Bild: Benjamin Manser

Die aktuelle Situation überrascht die SP nicht. Sie habe sich abgezeichnet: Werden vier Spitäler im Kanton geschlossen, erhöhten sich die Notfälle am Kantonsspital massiv. Heute sei klar: «Die Wartezeiten in der zentralen Notfallaufnahme sind besorgniserregend und nehmen keine Rücksicht auf die vitalen Bedürfnisse der Patientinnen und Patienten», so die Fraktion in ihrem parlamentarischen Vorstoss. Vor einer Woche hatte diese Zeitung Schilderungen von Patienten und Mitarbeitenden publiziert, die von mehrstündigen Wartezeiten und einem Patientenansturm berichtet hatten, der kaum mehr zu bewältigen sei. Nun hält die SP fest:

«Ein solcher Zustand beschädigt das Ansehen der öffentlichen Gesundheitsversorgung und kann kein Dauerzustand sein.»

Darüber hinaus sei absehbar: Die Reduktion der Spitalbetten in der Grossregion zwischen Bodensee und Toggenburg werde «in kurzer Zeit zu weiteren Engpässen» führen.

An Spitzentagen bis zu 150 Patientinnen und Patienten

Philipp Lutz, Mediensprecher des Kantonsspitals St.Gallen.

Philipp Lutz, Mediensprecher des Kantonsspitals St.Gallen.

bild: PD

41'000 Notfälle bewältigt das Kantonsspital jedes Jahr – 115 Patientinnen und Patienten werden durchschnittlich jeden Tag auf der Notfallaufnahme behandelt. An Spitzentagen können es bis zu 150 Patienten sein. In den letzten Wochen sei es zu überdurchschnittlich hohen Tagesfrequenzen gekommen – und selbstverständlich seien die Spitalschliessungen spürbar, erklärte Philipp Lutz, Sprecher des Kantonsspitals St.Gallen, auf Anfrage. «Das hatten wir erwartet.» Es brauche aber noch eine längere Beobachtungsphase, um genauere Aussagen machen zu können.

Gleichzeitig bestätige sich ein schon lange anhaltender Trend: Immer mehr Menschen verzichten auf einen Hausarzt und suchten bei einer Verletzung oder Krankheit direkt das Spital auf.

«Dies trägt zum Andrang auf der Notfallaufnahme bei.»

Wie will die Regierung die Versorgung sicherstellen?

Die SP fordert in ihrem Vorstoss Zahlen zur Auslastung der Notfallaufnahme am Kantonsspital und deren Entwicklung. Gleichzeitig verlangt sie von der Regierung Auskunft darüber, wie sie die Notfallversorgung mit angemessenen Wartezeiten in der Gegend zwischen Bodensee und Toggenburg sicherstellen will.

Mitte Woche wurde bekannt: Die Notfallstation am Spital Wattwil ist bis zur Schliessung des Toggenburger Spitals Ende März 2022 gesichert. Gleichzeitig soll die Notfallaufnahme am Spital Wil ausgebaut werden.

Wo werden Coronapatienten behandelt?

Aufgeschreckt hat die SP-Fraktion eine weitere Recherche dieser Zeitung: Es gibt nur noch wenige freie Betten auf den beiden Intensivstationen am Kantonsspital St.Gallen. Es betreibt daher ab Montag 36 Intensivpflegebetten – vier mehr als diese Woche. Und auch die Zahl der Beatmungsplätze wird auf 29 aufgestockt. Das Personal leistet bereits seit Tagen erneut Extraschichten. Doch anders als zu Beginn der Pandemie kämpfen nun nicht ältere Coronapatientinnen und -patienten um ihr Leben, sondern vor allem jüngere und ungeimpfte.

In der ersten Phase der Pandemie habe noch auf Kapazitäten im Spital Flawil zugegriffen werden können, diese stünden heute nicht mehr zur Verfügung, hält die SP fest. «Bereits jetzt scheint sich zu rächen, dass das Kantonsspital schon im Normalbetrieb an der Kapazitätsgrenze – und teilweise bereits darüber – arbeitet und keine Ausweichmöglichkeiten mehr hat.»

Die SP will deshalb von der Regierung erfahren, wo die Coronapatientinnen und -patienten 2020 behandelt worden waren und wo sie im laufenden Jahr versorgt werden. Und wie hoch das Bettenangebot damals war und wie hoch es heute ist. Die Regierung hat den Vorstoss noch nicht beantwortet.

Aktuell werden insgesamt 64 Coronapatientinnen und -patienten in den St.Galler Spitälern behandelt, davon müssen 23 beatmet werden.

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