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Spitalschliessungen: «Das Papier ist eine untaugliche Grundlage»

Die Finanzen der St.Galler Spitäler laufen aus dem Ruder. Der Verwaltungsrat zieht die Notbremse und schreckt vor Schliessungen nicht zurück. Ein Gesundheitsökonom zerzaust das Konzept – und zweifelt an dessen Erfolgsaussichten.
Regula Weik
Baustelle «St. Galler Spitäler». (Bild: Benjamin Manser)

Baustelle «St. Galler Spitäler». (Bild: Benjamin Manser)

«Kosmetische Massnahmen reichen nicht mehr.» «Die Finanzierung künftiger Aufgaben ist gefährdet.» Diese Aussagen hatte der Verwaltungsrat der St.Galler Spitalverbunde im März am Rande der Jahresmedienkonferenz gemacht. Gröbere Einschnitte hatten sich damit abgezeichnet. Deren Ausmass liess gestern aufhorchen: Der Verwaltungsrat will noch an vier Spitälern im Kanton stationäre Leistungen anbieten; fünf Regionalspitälern droht die Schliessung. Als Ursachen für die Finanzmisere werden die Zunahme ambulanter Behandlungen, teure Doppelspurigkeiten und problematische Tarifstrukturen genannt. Gab es 2014 vor der Volksabstimmung über die künftige St.Galler Spitallandschaft keine Indizien, die auf diese Entwicklungen hindeuteten? Wurde dem Volk damals etwas vorgegaukelt? Musste die Regierung nicht voraussehen, das sich neun Spitäler im Kanton mittelfristig nicht finanzieren lassen? Gesundheitsökonom Willy Oggier mag nicht auf diese Fragen einsteigen.

Ihn sticht es woanders. Er zerzaust das Grobkonzept des Spitalverwaltungsrats nach Strich und Faden. «Das Papier ist eine untaugliche Grundlage, um konkrete Entscheide fällen zu können. Es fehlt an Transparenz», sagt Oggier. Auf die Frage, woran er dies festmache, antwortet er: Es fehle etwa eine Darstellung der Kostendeckungsgrade nach Spitalregionen. «Damit besteht das Risiko, dass besser dastehende Spitäler zu Lasten anderer abbauen müssen.» Die Marktanteile der Spitäler in ihren Regionen seien ebenso wenig thematisiert wie mögliche Massnahmen zur Attraktivitätssteigerung. Oggier vermisst denn auch eine «offensive Strategie», um Patientinnen und Patienten zurückzuholen, die an Kliniken in Appenzell Ausserrhoden verloren gegangen sind.

Wie steht es mit der operativen Ebene?

Oggier übt auch Kritik an der künftig angestrebten Positionierung des Kantonsspitals. «Die Strategie, das Kantonsspital St.Gallen Richtung universitäres Spital auszubauen, verkennt, dass die Schweiz im internationalen Vergleich heute schon zu viele Universitätsspitäler hat.» Aktuell sind es deren fünf: Basel, Bern, Genf, Lausanne und Zürich. Im Vergleich mit Deutschland, das «ebenfalls Überkapazitäten beklagt», würden drei Universitätsspitäler in der Schweiz genügen, sagt Oggier. Und er weist auf einen weiteren negativen Effekt dieser Entwicklung hin. Wer einen Ausbau des Kantonsspitals forciere, der riskiere eine Verteuerung der Gesundheitsversorgung im Kanton – «weil Patienten unnötig in überteuerten Strukturen behandelt werden».

Der Gesundheitsökonom bemängelt auch, dass «der Kostendeckungsgrad der Forschung» nicht offengelegt werde. «Klar ist nur, dass sie nicht kostendeckend ist.» Entsprechende Sanierungsmassnahmen fehlten aber im Papier des Verwaltungsrats. Oggier bezweifelt denn auch, dass die vom Verwaltungsrat vorgeschlagenen Massnahmen ausreichen, um die vom Kanton geforderte Gewinnmarge von zehn Prozent zu erreichen. Sie betrug im vergangenen Jahr über alle Spitäler hinweg 5,2 Prozent (Ebitda). Und sie wird gemäss Spitalverwaltungsrat in den kommenden Jahren weiter sinken auf durchschnittlich 3,5 Prozent. Für Gesundheitsökonom Oggier ist klar: Es braucht auch Massnahmen auf operativer Ebene. «Es stellt sich die Frage, weshalb der Verwaltungsrat diese Massnahmen nicht beschreibt und vor allem, weshalb er sie nicht bereits umgesetzt hat.» Oggier kritisiert weiter: «Aus gesundheitsökonomischer Sicht stellt sich die Frage, wie derart einschneidende Massnahmen wie die Spitalschliessungen umgesetzt werden sollen, wenn der Verwaltungsrat es nicht einmal schafft, die weitgehend in seiner Kompetenz liegenden operativen Massnahmen umzusetzen.»

Regierung setzt Lenkungsausschuss ein

Das Fazit des Gesundheitsökonomen fällt vernichtend aus: «Ich mag mich in meinen 25 Jahren Tätigkeit im Gesundheitswesen kaum erinnern, je eine so unreife Stellungnahme gelesen zu haben.» In den nächsten Wochen wird sich ein Lenkungsausschuss mit dem Grobkonzept «Leistungs- und Strukturentwicklung» des Spitalverwaltungsrats beschäftigen. Die Regierung hat gefordert, die Grundlage müsse vertieft und erweitert werden. Den Lenkungsausschuss bilden drei Regierungsmitglieder und zwei Spitalverwaltungsräte.

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