«Wegen der 50 Franken wird sich nicht viel ändern»: Ostschweizer Spitäler und Hausärzte kritisieren Notfallgebühr

Ostschweizer Spitäler und Hausärzte halten wenig von einer Gebühr für Bagatellfälle in der Notaufnahme.

Janina Gehrig
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Immer mehr Leute haben keinen Hausarzt mehr und landen dann mit "Bagatellen" in der Notaufnahme von Spitälern. (KEYSTONE/Jean-Christophe Bott)

Immer mehr Leute haben keinen Hausarzt mehr und landen dann mit "Bagatellen" in der Notaufnahme von Spitälern. (KEYSTONE/Jean-Christophe Bott)

Jean-Christophe Bott, KEYSTONE

Der eine hat eine Grippe erwischt, der andere hat sich am Nachmittag den Fuss verstaucht und möchte abends zum Arzt. Beide landen auf der Notfallstation. Und sollen dafür künftig eine Gebühr vor Ort bezahlen. So schlägt es die parlamentarische Initiative des ehemaligen Zürcher GLP-Nationalrats Thomas Weibel vor, die der Nationalrat diese Woche gutgeheissen hat.

Der Vorstoss möchte mit der Gebühr für Bagatellen die Notfallstationen entlasten und Gesundheitskosten sparen. Ausgenommen von der Abgabe von beispielsweise 50 Franken sollen Kinder und Jugendliche sein sowie alle Patienten, die von einem Arzt überwiesen oder später stationär behandelt werden müssen.

Abklärung in der Notaufnahme ist doppelt so teuer

Einerseits eine gute Idee, findet Raphael Stolz, St.Galler Hausarzt und Geschäftsleitungsmitglied der Ärztegesellschaft des Kantons St.Gallen. Tatsächlich sei es unglaublich, mit welchen Bagatellen die Leute die Notfallstationen aufsuchten. «Das ist gefährlich, weil sie Ressourcen binden, welche für schlimmere Notfälle dann fehlen», sagt Stolz. Hinzu kommt: Während der Grippepatient für die Konsultation beim Hausarzt etwa 50 bis 75 Franken bezahlt, kostet die Abklärung auf der Notfallstation mindestens das Doppelte. Andererseits sei es unmöglich, «den» Notfall zu definieren.

Stolz sagt:

«Ob jemand ein Notfall ist oder nicht, definiert allein der Patient. Er entscheidet, wie dringend er in Behandlung gehen möchte.»

Zwar glaubt er, dass mit der Erhebung einer Gebühr «sicher weniger Leute auf den Notfall kommen». Doch er befürchtet, dass es die falschen davon abhalten könnte. Zudem würden gerade chronisch Kranke zu Unrecht mit der Gebühr bestraft.

«Wegen der 50 Franken ändert sich nichts»

Durchschnittlich 110 Patienten suchen täglich die Notaufnahme des Kantonsspitals St. Gallen auf. Rund 45 von ihnen werden danach hospitalisiert, über die Hälfte kann ambulant behandelt werden. Zwar, sagt Mediensprecher Philipp Lutz, treffe es zu, dass immer weniger Leute einen Hausarzt hätten. «Vielleicht aus Bequemlichkeit oder in der Annahme, auf dem Notfall gebe es kürzere Wartezeiten.» Dennoch sagt er: «Wegen 50 Franken wird sich nicht viel ändern. Mit dieser Massnahme können Patientenströme auch längerfristig nicht umgepolt werden.» Das würden Erfahrungen aus dem Ausland, etwa aus Deutschland, zeigen. Zudem liege der administrative Aufwand nicht im Verhältnis zur Gebühr, die bezahlt werde.

Keinen Handlungsbedarf sieht man auch in der Hirslanden-Klinik Stephanshorn, die seit 2013 eine eigene Notfallaufnahme betreibt. «Wir sind wenig und fast ausschliesslich am Wochenende mit sogenannten Bagatellfällen konfrontiert», sagt Mediensprecherin Christina Bärtsch. Die meisten Patienten erhielten von Haus- oder Belegärzten, der Sanität oder per Telefonberatung eine erste medizinische Einschätzung, bevor sie in die Notaufnahme des Spitals kämen.

Hausarztmangel als Hauptproblem

Das Hauptproblem, sagt Stolz, liege ohnehin am Hausarztmangel, der sich mit den Pensionierungen in den nächsten Jahren noch verschärfen werde. Im Kanton St. Gallen ist die Hälfte der Ärzte, die in der Grundversorgung arbeiten, älter als 55 Jahre. Rund 44 Prozent aller in der Ostschweiz tätigen Ärzte haben ein ausländisches Diplom; gesamtschweizerisch sind es 34,4 Prozent. Mit dem Medizinstudium, dessen Master ab Herbstsemester 2020 an der Uni St.Gallen abgeschlossen werden kann, leiste man einen wichtigen Beitrag gegen den Hausarztmangel, sagt Stolz.

Lutz nennt eine weitere Massnahme. Statt einer Gebühr brauche es noch mehr niederschwellige Grundversorgungsangebote in den Zentren oder in Bahnhofsnähe, um die Notfallstationen längerfristig zu entlasten. Noch muss der Ständerat über den Vorschlag befinden. Stimmt er zu, kann eine rechtliche Grundlage geschaffen werden für Kantone, die eine Gebühr einführen möchten.

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