SPIELHÖLLEN: Zocken ennet der Grenze

In Vorarlberg gehen die Behörden rigoros gegen illegales Glücksspiel vor. Auch Schweizer besuchen die Hinterzimmer im Ausland. In der Ostschweiz wird hingegen nur vereinzelt gegen Wettlokale ermittelt – doch die Dunkelziffer ist hoch.

Michael Genova
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Immer öfter werden Glücksspiele auf Terminalsystemen in Hinterzimmern von Restaurants betrieben. (Bild: Gaëtan Bally/Keystone)

Immer öfter werden Glücksspiele auf Terminalsystemen in Hinterzimmern von Restaurants betrieben. (Bild: Gaëtan Bally/Keystone)

Michael Genova

michael.genova@ostschweiz-am-sonntag.ch

Sie heissen «Multigame II» oder «Multigame Classic XL» und füllen eine ganze Industriehalle im Bezirk Bregenz. Auf den Bildschirmen der rund 90 Geldspielautomaten kleben Zettel mit einer unmissverständlichen Botschaft: «Vernichtung». Diese «Teufelskisten», wie sie die lokale Presse nennt, hat die Vorarlberger Polizei bei Razzien in den vergangenen Monaten sichergestellt. Bald sollen sie verschrottet werden.

Die Vorarlberger Behörden gehen zurzeit massiv gegen illegale Wettlokale vor. In den Bezirken Bregenz und Bludenz wurden seit Mitte März elf Betriebe geschlossen, 19 Schliessungen angedroht und 120 Glücksspielgeräte beschlagnahmt. Das illustriert, wie stark die Spielhöllen zuletzt florierten. Frequentiert wurden sie nicht nur von Einheimischen. «Aufgrund der Nähe gibt es einen gewissen Anteil an Spielern aus der Schweiz», sagt Alwin Denz, Sprecher der Vorarlberger Landesregierung.

Behörden sind machtlos

Doch wie gross ist das Problem des illegalen Glücksspiels in den Ostschweizer Kantonen? Dazu gehen die Meinungen weit auseinander. «In der Vergangenheit konnten wir in der Ostschweiz keine Häufung von Fällen feststellen», sagt Maria Chiara Saraceni, Sprecherin der Eidgenössischen Spielbankenkommission (ESBK). Im Jahr 2015 eröffnete die ESBK insgesamt 129 neue Strafverfahren wegen illegalen Glücksspiels. Wie viele Verfahren es in der Ostschweiz waren, kann die ESBK nicht genau beziffern, da die Fälle bisher nicht nach Kantonen ausgewertet wurden. Die überwiegende Mehrheit der Verfahren werde zurzeit in den Kantonen Zürich, Bern und Aargau eröffnet, sagt Maria Chiara Saraceni.

Der St.Galler SVP-Nationalrat Lukas Reimann hingegen spricht von einer hohen Dunkelziffer. Im Vergleich zu Vorarlberg sei in der Ostschweiz das Problem des illegalen Glücksspiels noch viel grösser, da neben den Monopolanbietern wenig erlaubt sei. «Das lässt speziell illegale Wettstationen und illegale Automaten boomen», sagt Reimann. Die Strafverfolgungsbehörden sieht er in einer machtlosen Position. In den Glücksspielterminals werden laut Reimann keine Daten gespeichert, sie stellen lediglich eine Internetverbindung her. Beweise müssten folglich verdeckt während des illegalen Spiels gesammelt werden. «Mich erstaunt, dass Staatsanwaltschaften nicht selber so kreativ sind.» Reimann erachtet illegale Clubs als sehr gefährlich. Spielsüchtige würden mittels Schulden in andere illegale Tätigkeiten hineingezogen wie Drogenhandel, Menschenhandel, Geldwäsche oder Waffenbeschaffung. Auch in legalen Clubs Gesperrte landeten später in illegalen Clubs.

Hunderte Millionen fliessen ins Ausland

Seit 2009 stieg die Zahl der neu eröffneten Strafverfahren von 90 auf zuletzt 129. Maria Chiara Saraceni sieht einen der Hauptgründe im technologischen Wandel. Die heutigen Glücksspielautomaten seien kostengünstiger als früher. «Solche Geräte werden deshalb nach einer Konfiszierung schneller ersetzt», sagt Maria Chiara Saraceni. Zudem gehe die ESBK von einer hohen Dunkelziffer aus. Auch deshalb könne es sein, dass jüngst mehr Fälle entdeckt wurden.

Seit einigen Jahren betreffen rund 90 Prozent aller Strafverfahren der ESBK Online-Glücksspiele, die meist über Terminalsysteme in Hinterzimmern von Restaurants oder Vereinslokalen betrieben werden. Besonders beliebt sind auf diesen Plattformen neben den klassischen Glücksspielen vor allem Sportwetten. Daneben existieren die Internetportale ausländischer Online-Casinos, welche Schweizer Spieler von zu Hause aus nutzen. Sie sind äusserst populär: Jährlich fliessen so geschätzte 275 Millionen Franken ins Ausland. Zu diesem Schluss kam eine Studie, welche die Universität Bern im Auftrag des Bundesamts für Justiz erstellt hat. Kein Wunder, sind die ausländischen Anbieter den Schweizer Casinobetrei­bern seit längerem ein Dorn im Auge. Sie haben erfolgreich für das neue Geldspielgesetz lobbyiert, das die Konkurrenz fernhalten wird: Künftig sollen die Portale ausländischer Casinos mit Netzsperren blockiert werden. Gleichzeitig dürfen Schweizer Spielbanken neu ihre eigenen Internetspiele anbieten.

Türken und Tschetschenen kontrollieren Glücksspiel

Das grosse Geld machen aber nicht nur ausländische Online-Casinos. Auch mit Terminals in Hinterzimmern von Restaurants oder Clublokalen können Kriminelle hohe Beträge erwirtschaften. Monatliche Umsätze von 10000 Franken pro Gerät seien durchaus realistisch, sagt Maria Chiara Saraceni. Bei mehreren Lokalen mit mehreren Geräten gehe es deshalb schnell um hohe Deliktsummen. Angesichts solcher Gewinnaussichten sei die Gefahr real, dass Verbrechersyndikate ins Geschäft mit dem illegalen Glücksspiel drängten.

Auch in Vorarlberg ordnen die Behörden das Glücksspiel der organisierten Kriminalität zu. «Betreiber des illegalen Glücksspieles sind hauptsächlich Personen mit türkischen oder tsche­tschenischen Wurzeln», sagt Alwin Denz. Experten der Vorarlberger Polizei gehen davon aus, dass ein Spielautomat zwischen 10000 und 40000 Euro pro Monat abwirft. Die Geräte seien so programmiert, dass die Spieler letztlich ­immer verlieren, sagte eine Polizei­sprecherin kürzlich den «Vorarlberger Nachrichten».

«Pokerspieler sind Verlierer des neuen Gesetzes»

Eine Zeit lang ging die ESBK auch massiv gegen Pokerclubs und Pokerturniere von Privatpersonen vor. So stürmte kurz vor Weihnachten 2010 ein Kommando von 20 Polizisten den Poker-Club Gling in Herisau. Später wurden die beiden Betreiber vom Ausserrhoder Kantonsgericht zu einer Busse verurteilt, weil sie das Turnier öffentlich ausgeschrieben und eine Stuhlmiete verlangt hatten. Dabei half ihnen wenig, dass sie nur bescheidene Gewinne in Aussicht gestellt hatten. Auch Badetücher, T-Shirts und ein iPod Shuffle seien «geldwerte Vorteile», befand das Gericht.

Die Zahl der Razzien gegen grosse Pokerturniere ist in den vergangenen Jahren zurückgegangen. «Vereinzelt gibt es schon noch kleinere Pokerturniere», sagt Maria Chiara Saraceni. Sie vermutet, dass viele Pokerspieler das neue Geldspielgesetz abwarten, das zurzeit im Parlament beraten wird. Künftig sollen kleine Pokerturniere unter gewissen Bedingungen auch ausserhalb von Spielbanken zugelassen werden.

Nationalrat Lukas Reimann wehrt sich schon länger gegen die Kriminalisierung von Pokerspielern. Vom neuen Geldspielgesetz hält er dennoch wenig. Denn die entscheidenden Bedingungen dazu werde der Bundesrat erst nach Abschluss des Gesetzesentwurfs per Verordnung festlegen. Bislang sei der Bundesrat vor allem durch seine Nähe zu Casinos und Lotterien aufgefallen, die den Gesetzesentwurf gleich selber schreiben durften. «Pokerspieler sind die Verlierer dieses Gesetzes.»

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