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HSG-Spesenaffäre: Der Hauptverdächtige ist ein Rechtsprofessor

Der Fall von Spesenmissbrauch an der Universität St.Gallen betrifft das Institut für Finanzwissenschaft, Finanzrecht und Law and Economics. Im Fokus der Untersuchungen steht der am Institut inzwischen nicht mehr tätige deutsche Rechtsprofessor und Brasilien-Experte Peter Sester.
Michael Genova, Odilia Hiller
Sitz des Instituts für Finanzwissenschaft, Finanzrecht und Law and Economics: Professor Peter Sester ist bereits ausgezogen. (Bild: Benjamin Manser (St. Gallen, 18. August 2018))

Sitz des Instituts für Finanzwissenschaft, Finanzrecht und Law and Economics: Professor Peter Sester ist bereits ausgezogen. (Bild: Benjamin Manser (St. Gallen, 18. August 2018))

Dies ist ein Artikel der «Ostschweiz am Sonntag». Die ganze Ausgabe lesen Sie hier.

Die Administrativuntersuchung wegen Spesenmissbrauchs der Universität St.Gallen richtet sich gegen das Institut für Finanzwissenschaft, Finanzrecht und Law and Economics (IFF). Dies zeigen Recherchen der «Ostschweiz am Sonntag». Zudem läuft gemäss mehreren Quellen gegen den am Institut mittlerweile nicht mehr tätigen Direktor und Rechtsprofessor Peter Sester ein Disziplinarverfahren.

In vorsichtigem Juristendeutsch hatte die Universität St.Gallen die Medien Ende Juni über Unregelmässigkeiten bei Spesenbezügen an einem HSG-Institut informiert. Neben der Administrativuntersuchung laufen Disziplinarverfahren gegen insgesamt drei Mitarbeitende der Universität. Um welches Institut und welche Personen es sich handelte, hielt die HSG unter Verschluss. Der Universitätsrat bestätigte lediglich, dass es sich um einen «bedeutsamen Fall» handle.

Regierung und Universität blocken ab

Der St.Galler Regierungspräsident Stefan Kölliker kann die neuen Informationen «mit Rücksicht auf das laufende ­Verfahren und den Rechtsschutz der Betroffenen» nicht kommentieren. Als Präsident des Universitätsrats hat Kölliker den St.Galler Rechtsanwalt Walter Locher mit der Untersuchung beauftragt. Die Universität stehe mit diesem und mit den Betroffenen in Kontakt, lässt Kölliker verlauten. «Es wird allseits eine beförderliche, aber auch gründliche Erledigung angestrebt.» Die Universität sei daran interessiert, über das Ergebnis aktiv zu kommunizieren, sobald dies möglich sei.

Noch kürzer fällt die Stellungnahme der Universität aus. «Es gibt im Vergleich zur Medienmitteilung vom 21. Juni 2018 keine neuen Informationen», schreibt Jürg Roggenbauch, Leiter der Medienstelle. Der Hauptverdächtige der mutmasslichen Verfehlungen, Peter Sester, liess eine Bitte um Stellungnahme bis Redaktionsschluss unbeantwortet.

Die Identität der weiteren von den Disziplinarverfahren betroffenen Personen ist nicht bekannt. Denkbar ist, dass es sich bei einer der Personen um Sesters Vorgesetzten handelt, der die fraglichen Spesen visiert haben dürfte. Was die Universität den Beteiligten konkret vorwirft, bleibt unklar. Auch über die Höhe der strittigen Spesenbezüge gibt es keine gesicherten Informationen. Das Ausmass der finanziellen Verfehlungen sei jedoch «bedeutsam, gravierend und umfangreich». «Sonst hätten wir kein Verfahren eröffnen müssen», sagte Kölliker am 21. Juni.

Mehrere Institutionen kappen Verbindung

Peter Sester, Professor für Wirtschaftsrecht an der HSG. (Bild: Law-and-Economics-Foundation.com)

Peter Sester, Professor für Wirtschaftsrecht an der HSG.
(Bild: Law-and-Economics-Foundation.com)

Peter Sester lehrt seit vier Jahren als ordentlicher Professor an der Universität St.Gallen. Sein Lehrstuhl für Internationales Wirtschaftsrecht und Law and Economics wurde im Februar 2014 neu eingerichtet. Zuvor forschte der 50-jährige Deutsche an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main und an der Universität Karlsruhe.

Wie brisant die laufenden Untersuchungen sein dürften, zeigen weitere Indizien. Mehrere Institutionen haben offenbar vorsorglich die Verbindungen zu Sester gekappt. Mit seiner Berufung als Professor an die Universität St. Gallen wurde er im Jahr 2014 auch Direktor am IFF. Diese Position scheint er in der Zwischenzeit verloren zu haben. Zumindest wurde sein Name aus dem Organigramm auf der Website des Instituts gelöscht. Zurzeit besteht das Direktorium noch aus vier Direktoren. Vorsitzender der Direktion ist Professor Robert Waldburger. Auch im Personenverzeichnis der Uni wird Sester nicht mehr als Mitglied des IFF gelistet, sondern nur noch als Angehöriger der Law School der HSG. Zudem ist er in den vergangenen Wochen in ein anderes Büro auf dem Campus umgezogen.

Neben dem IFF geht eine weitere wichtige HSG-Institution auf Distanz. Ende Mai ist Sester aus dem Stiftungsrat der Law and Economics Foundation mit Sitz in St.Gallen ausgeschieden, wie aus einem Handelsregisterauszug hervorgeht. Zweck der Stiftung ist die Förderung des Studiengangs «Law and Economics» an der Universität St. Gallen. Die Liste der 60 Stiftungsratsmitglieder liest sich wie ein «Who is Who» der Schweizer Wirtschaftswelt. Stiftungsratspräsident ist der bekannte Zürcher Wirtschaftsanwalt Peter Nobel.

Beruflich und privat mit Brasilien verbunden

Pikantes Detail: Nobel sitzt auch im Stiftungsrat der in Zürich ansässigen Lemann Foundation, die Sesters Lehrstuhl sponsert. Peter Sesters Lehrstuhl an der Universität St.Gallen ist eng mit Brasilien verknüpft – inhaltlich wie finanziell. Die wirtschaftlichen und rechtlichen Beziehungen zwischen der Schweiz und Brasilien sind einer der Forschungsschwerpunkte Sesters. Die Fördermittel für die neue Professur kamen von der Lemann Foundation, die Bildungsinitiativen in Brasilien, den USA und der Schweiz unterstützt. Stifter ist der brasilianisch-schweizerische Milliardär Jorge Paulo Lemann, der seit mehreren Jahren in Rapperswil-Jona wohnt.

Das Sponsoring ist üppig: Die Förderung sei auf 16 Jahre ausgelegt, teilte die Universität St.Gallen vor vier Jahren mit. Anschliessend werde der Lehrstuhl in den ordentlichen Stellenplan der Universität aufgenommen.

Auch persönlich pflegt Rechtsprofessor Sester enge Beziehungen nach Brasilien. Er gilt als Kenner des brasilianischen Handels- und Wirtschaftsrechts und erwarb im vergangenen Jahr das brasilianische Anwaltspatent. Als Gastprofessor lehrte er unter anderem an Wirtschaftsuniversitäten in São Paulo und Rio de Janeiro, und als Berater war er für die brasilianische Börse tätig. Anscheinend weilt Sester auch aus privaten Gründen häufig in Brasilien, wie aus einem Youtube-Video hervorgeht. «Er verbringt zusammen mit seiner Familie die meiste Zeit des Jahres in Brasilien», sagt ein Kollege als Einleitung zu einem Referat, das Sester im Mai in einer Londoner Anwaltskanzlei gehalten hat.

Berater für die Superreichen

Peter Sester ist international bestens vernetzt, reist viel, hält Vorträge auf mehreren Kontinenten. Das hängt mit seinen Fachgebieten zusammen: internationales Finanzmarktrecht und Rechtsfragen rund um sogenannte Family Offices. Letzteres ist die Bezeichnung für Gesellschaften, mit denen Superreiche ihr Vermögen verwalten. Sester gilt als Experte auf diesem Gebiet und hat in den vergangenen Jahren als Redner am Fachkongress «Family Office Forum» teilgenommen. In einer Programmankündigung für das Forum in San Francisco im kommenden September heisst es: «Professor Sester arbeitet für den reichsten Mann Brasiliens, Jorge Paulo Lemann».

Im Frühjahr 2015 ahnte Peter Sester noch nichts vom kommenden Ungemach. Damals gab er Nachwuchsjournalisten des SRF-Wirtschaftsmagazins «Eco» am St.Gallen Symposium ein Interview über Glück und Träume. Ihre Frage an ihn: «Was würden Sie tun, wenn Sie morgen Ihren Job verlören?» Die Antwort: «Ich würde mir einen neuen Job suchen – bislang hatte ich eigentlich immer eher zu viel als zu wenig Arbeit.»

Die Strukturen an der Universität St.Gallen

Das Institut für Finanzwissenschaft, Finanzrecht und Law and Economics (IFF) ist eines von 30 Instituten und Forschungsstellen der Universität St. Gallen. Ihre Leiter kommen aus der Professorenschaft. Gleichzeitig sind die Institute weitgehend autonome, unternehmerisch geführte Einheiten, die finanziell selbsttragend sind. Das ist eine Eigenart der HSG-Kultur. Jedes Institut hat einen geschäftsleitenden Ausschuss sowie eine Direktion. Das Direktorium des IFF umfasst zurzeit vier Direktoren, darunter der Vorsitzende Professor Robert Waldburger. Neben den Instituten gibt es an der Universität St. Gallen fünf sogenannte Schools, die für die Lehre verantwortlich sind. Das IFF gehört zur Law School, die für die rechtswissenschaftlichen Studiengänge zuständig ist.

Oberstes Organ der Universität ist der Universitätsrat. Präsident ist der Vorsteher des St.Galler Bildungsdepartements, Regierungsratspräsident Stefan Kölliker. Er hat den Rechtsanwalt und St. Galler FDP-Kantonsrat Walter Locher damit beauftragt, «allfällige Unregelmässigkeiten» bei Spesenbezügen an einem HSG-Institut zu untersuchen. Bislang gibt es keine offizielle Bestätigung, dass sich die Untersuchung gegen das IFF richtet. Lediglich das von Ex-Raiffeisen-Präsident Johannes Rüegg-Stürm geleitete Institut für Systemisches Management und Public Governance wurde aus der Schusslinie genommen. (mge)

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