Spesenaffäre: HSG-Professor soll nicht für Lehrstuhlförderer gearbeitet haben

Förderer von Peter Sesters Lehrstuhl ist die Lemann Foundation. Solange die Untersuchungen gegen den HSG-Professor andauern, werde die Stiftung keine Entscheide treffen, sagt der Zürcher Wirtschaftsanwalt und Lemann-Stiftungsrat Peter Nobel. Auch Peter Sesters Anwalt meldet sich zu Wort und dementiert, dass sein Mandant für Lemann gearbeitet haben soll.

Marcel Elsener, Roman Hertler, Regula Weik
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Verschachtelt: der Campus der Universität St.Gallen. (Bild: Benjamin Manser)

Verschachtelt: der Campus der Universität St.Gallen. (Bild: Benjamin Manser)

Die laufende Untersuchung wegen möglichen Spesenmissbrauchs am Institut für Finanzwissenschaft, Finanzrecht und Law and Economics (IFF) an der Universität St. Gallen betrifft einen prominent gesponsorten Lehrstuhl: Professor Peter Sesters Lehrstuhl für Internationales Wirtschaftsrecht und Law and Economics wird von der brasilianisch-schweizerischen Stiftung Lemann Foundation finanziert. Die Stiftung wird von dem Lebensmittel-Unternehmer und Multimilliardär Jorge Paulo Lemann alimentiert und vom Zürcher Büro des bekannten Wirtschaftsanwalts und emeritierten St.Galler HSG-Titularprofessors Peter Nobel verwaltet, der auch im Stiftungsrat Einsitz nimmt. Ausserdem präsidiert Nobel die Stiftung Law and Economics Foundation, die den entsprechenden Studiengang an der St.Galler Universität fördert; dieser ist seit 2014 dem IFF angegliedert.

Was also meint Peter Nobel zu den Spesenmissbrauchsvorwürfen, die ein ungünstiges Licht auf die Universität und auf die von ihm repräsentierten Stiftungen werfen? Haben die Stiftungen aufgrund des Verfahrens gegen den unter Verdacht stehenden Rechtsprofessor Schritte unternommen? Er sei «eigentlich die falsche Ansprechperson», sagt Nobel. Die möglichen Spesenverfehlungen beträfen das IFF und nicht die Stiftung und seien damit Sache der Universität: «Die HSG muss ihre Professoren verwalten.» Von Massnahmen will Nobel derzeit nichts wissen: «Es ist viel zu früh, um irgendwelche Entscheide zu treffen. Es gibt nichts anderes, als das Ergebnis abzuwarten. So lange gilt die Unschuldsvermutung.» Dass der Fall Auswirkungen auf die Stiftungsgelder habe, bezweifelt der Wirtschaftsanwalt: «Sollte überhaupt jemand geschädigt sein, dann wäre es das Institut.»

Peter Nobel hat vor einem Monat den Stifter Jorge Paulo Lemann von der laufenden Untersuchung gegen die drei Mitarbeiter des Instituts für Finanzwissenschaften und Finanzrecht informiert. Vom Inhalt der Verfahren habe er ebenso wenig Kenntnis wie von den Namen der weiteren Betroffenen. Man könne jedenfalls davon ausgehen, dass im Rahmen der umfangreichen Untersuchung «nichts versteckt und alles abgeklärt» werde, so Nobel. Und er betont – an die Adresse der Medien und der Öffentlichkeit – eindringlich, «die Proportionen zu wahren» und «nicht alles mit allem zu verknüpfen». Der Tenor des Wirtschaftsanwalts: Man dürfe den Tatsachen nicht vorgreifen, auch wenn nun in solchen Fällen die Versuchung nahe liege, Wäsche zu waschen und alte Rechnungen zu begleichen.

Ausmass und Zeitraum der Verstösse gegen das HSG-Spesenreglement bleibt denn auch weiterhin Spekulation. Laut der Universitätsleitung sind sie «gravierend» und «bedeutsam», doch bleibt damit offen, wie vielstellig die Beträge sind und mit welchem Zweck die Spesen überzogen worden sind.

Peter Sester verzichtet auf Stellungnahme

Auf die gestrige Anfrage unserer Zeitung zu den gegen ihn erhobenen Vorwürfen lässt Peter Sester – laut Website des Instituts gehört er dem Direktorium nicht mehr an – ausrichten: Aufgrund des laufenden Verfahrens verzichte er derzeit auf eine Stellungnahme.

Gleichzeitig stellt sein Rechtsanwalt klar: Peter Sester sei weder Vermögensberater noch Verwalter des Familienvermögens des in Rapperswil wohnhaften Jorge Paulo Lemann. Die Lemann Foundation sponsort den 2014 eingerichteten HSG-Lehrstuhl des Brasilien-Spezialisten. «Darüber hinaus gibt es keinerlei Mandatsbeziehungen von Herrn Sester zur Familie Lemann», sagt sein Rechtsanwalt.

Peter Sester verfügt über ein weites internationales Netzwerk. Das hängt auch mit seinen Fachgebieten zusammen: Er ist Experte für internationales Finanzmarktrecht sowie Rechtsfragen rund um sogenannte Family Offices; letzteres ist die Bezeichnung für Gesellschaften, mit denen Superreiche ihre Vermögen verwalten. Sester ist denn auch gefragter Referent an Fachkongressen zu diesem Thema. So wird er von den Organisatoren des «Family Office Forum» auf deren Programmankündigungen wiederholt als «Advisor» (Berater) der Lemann Foundation bezeichnet. Die Veranstalter des aktuellen «Family Office Forum» vom September in San Francisco haben laut «Ostschweiz am Sonntag» Sester auf der Rednerliste aufgeführt. Sein Anwalt hingegen hält fest: «Peter Sester ist weder Referent an der Konferenz noch nimmt er daran teil.» Auf der aktuellen Liste der bestätigten Redner taucht der Name Sester nicht mehr auf.

«Die Forschungsfreiheit ist auch bei privat geförderten Lehrstühlen gesichert»

Peter Sester bekleidete einen von insgesamt sieben privat geförderten Lehrstühlen an der Universität St.Gallen. Für seinen Lehrstuhl am Institut für Finanzwissenschaft, Finanzrecht und Law and Economics kommt zu wesentlichen Teilen die Lemann Foundation auf. Allerdings nicht zu 100 Prozent, wie Sester vor einem Jahr gegenüber dem HSG-Studentenmagazin «Prisma» sagte. Ihm liege der Vertrag zwischen Uni und Stiftung zwar nicht vor, aber seinen Informationen zufolge sei es keine komplette Finanzierung. Der Homepage des Instituts ist mittlerweile zu entnehmen, dass neben der Lemann-Stiftung auch die Deutsche Asset and Wealth Management AG, eine Tochter der Deutschen Bank, beteiligt ist und eine Assistenzstelle im Bereich Family Offices finanziert.

Welche Lehrstühle sonst noch privat gefördert werden, ist den Jahresberichten der HSG zu entnehmen. Allerdings zeigt sich, dass nicht alle Institute gleich offen über ihre Förderer informieren. So ist beim Lehrstuhl für Management erneuerbarer Energien nicht ohne weiteres zu erfahren, dass nebst der Cofra Holding AG, der die C&A-Kette gehört, auch Good Energies, ein Investor im Bereich erneuerbarer Energien, Gelder einschiesst. Laut den universitätsinternen Informa­tions- und Offenlegungsrichtlinien sind die Institute zur Transparenz verpflichtet – «soweit die Verträge mit Förderern und Sponsoren gemäss Öffentlichkeitsgesetz offenzulegen sind», sagt Jürg Roggenbauch, Leiter der HSG-Medienstelle, auf Anfrage. Und weiter: «Gefördert wird der Lehrstuhl und nicht die Person, welche den Lehrstuhl innehat.» Die Berufung sämtlicher Professoren liege in der ausschliesslichen Kompetenz der Universitätsgremien respektive der St. Galler Regierung. Die Forschungsfreiheit sei auch bei privat geförderten Lehrstühlen zu jeder Zeit gesichert. In der Regel werden Verträge für geförderte Lehrstühle für die Dauer von zehn bis fünfzehn Jahren abgeschlossen. «Es wird bewusst auf langfristige Kooperation gesetzt.» (hrt)