«Spekulation kam nie in Frage»

RORSCHACH. Urs Räbsamen hat jüngst mit dem Kauf des Schlosses Wartensee Aufsehen erregt. Der Bauingenieur begeistert sich für historisch wertvolle Liegenschaften, sei es in seiner Heimatregion Rorschach oder an seinem Arbeits- und Wohnort Zürich.

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«Wartensee»-Käufer Urs Räbsamen kennt das Rorschacherberger Schloss von Kindsbeinen an. (Bild: Ralph Ribi)

«Wartensee»-Käufer Urs Räbsamen kennt das Rorschacherberger Schloss von Kindsbeinen an. (Bild: Ralph Ribi)

Im Märchen wäre es die Erzählung von den bösen Drachen und einem edlen Ritter, der sie in die Flucht schlägt. Als die Rorschacherberger vernahmen, dass einer ihrer Söhne und nicht wie befürchtet eine ausländische Bank oder Klinikgruppe das märchenhafte Schloss Wartensee gekauft habe, flossen bei älteren Dorfbewohnern Freudentränen. Vor allem, weil es der Sohn gleichsam für alle erworben hat: «Möglichst vielen Menschen» wolle er «den Genuss eines solch lieblichen Ambientes» ermöglichen. «<Wartensee> soll sich zu einem allgemeinen Begegnungsort für gross und klein entwickeln.»

Der Sohn heisst Urs Räbsamen, ist 55jährig und seit drei Jahrzehnten in Zürich wohnhaft; einen Monat nach seinem Coup freut er sich über «viele, viele positive Reaktionen» und betont, dass er das Schloss trotz markant höherer Angebote nicht weiterverkaufe: «Ich halte Wort.»

Die Werte der Mutter

Dass die Zukunft des lange Zeit kirchlichen Schlosses als Restaurant und Hotel nicht einfach ein gottgegebener Erfolg werden wird, ist ihm bewusst; ein erster Wermutstropfen war die sofortige Kündigung aller Parkplätze durch den Nachbarwirt. Nicht zu Ohren gekommen sind dem Schlosskäufer jene argwöhnischen Stimmen, die einen «Plan des Räbsamen-Clans» vermuten: Immerhin hatte seine Mutter Anna mit einer Umzonungsinitiative den Verkauf verzögert. Urs Räbsamen schüttelt den Kopf – von «Clan» könne keine Rede sein, auch wenn ihn familiäre und heimatliche Banden zum Kauf «gegen jede Vernunft» trieben.

«Gewiss war unsere Familie betrübt über die Aussicht, Wartensee als öffentlicher Ort zu verlieren.» Dass seine Mutter Anna nun mit dem «reichen Sohn» ins Gerede komme, findet er «ungemütlich»; ausgerechnet sie, die Bescheidenheit in Person, die in der Region seit Jahrzehnten als nimmermüde Leserbriefschreiberin für den sozialen Ausgleich und ein gottesfürchtiges Leben im Einklang mit der Natur bekannt ist. «Geld kann man nicht essen», gehört zu ihren Leitsprüchen.

Häuser vor Abbruch gerettet

Mit der Mutter verbindet den Wahlzürcher wenn nicht die wertkonservative Einstellung, so doch die Absage an eine Welt des Profits und des Protzes: Statt mit dem Luxusauto wie manche Immobilieninvestoren ist er in der Limmatstadt mit dem Velo unterwegs.

«Wartensee» sei eine «Spezialsituation», sagt er, eine völlig untypische und mit acht Millionen die weitaus teuerste Akquisition für den Mann, der sich mit dem Erwerb und der Sanierung von verwahrlosten Abbruchliegenschaften einen Namen im Raum Zürich gemacht hat. Nach seinen Renovationen prominenter Altbeizen wie «Nordbrücke» in Wipkingen, «Alter Löwen» in Oberstrass, «Engel» in Ottenbach und «Hecht» in Dübendorf beschrieb die NZZ Räbsamen als «bekannten Namen in der Immobilienbranche», der bemerkenswerterweise «nicht um jeden Preis die Maximalrendite erreichen will». Und der «Tages-Anzeiger» porträtierte den Rorschacherberger als «Mann, auf den die Häuser warten» und zitierte Urs Spinner vom Zürcher Hochbaudepartement: «Er ist ein Künstler des Denkmalschutzes, der es versteht, wertvolle Gebäude für die Stadt zu retten.» Die Bewunderung gilt einem Chrampfer, der nach der Bauzeichnerlehre in Goldach und einer Militärkarriere bei den Festungstruppen in Sargans (bis zum Major) nach Zürich zügelte und in seinen Lebensjahren von 20 bis 30 «praktisch alle Freizeit in Weiterbildungen steckte». Nach 15 Jahren als Beamter beim Tiefbaudepartement macht er sich selbständig und wird Mitinhaber des Ingenieur- und Immobilienbüros Zobrist & Räbsamen. Mittlerweile hat sein Büro in Zürich und Umgebung Dutzende verlotterter Häuser gekauft und renoviert; es verwaltet 1000 Mietwohnungen.

«Noch nie ein Objekt verkauft»

Kein Märchen ist, dass der Bauingenieur HTL und Betriebsökonom KSZ bereits als Bub geschichtsträchtige Häuser liebte. Aufgewachsen in einem der ältesten Bauernhäuser Rorschacherbergs, vermutlich aus dem 15. Jahrhundert, mit Plumpsklo, Badewanne in der Küche und Eisblumen an den Fenstern, erlebte er früh notgedrungene Umbauten. Und wie er als Schüler mit seinen drei Brüdern jeweils in der Stadt von Haus zu Haus Beeren, Zwetschgen oder Mispeln verkaufen ging, wuchs das Interesse für Altbauten. Wenn ein Haus zum Verkauf stand, gingen die jugendlichen Räbsamens zur Besichtigung. Mit den Worten «Was wollt ihr Buben hier?» oft nach Hause geschickt, beriefen sie sich später auf einen «Auftrag der Oma». Und die, Anna Meichtry – ihr Mann war Rorschacherberger Strassenbaumeister –, gab ihnen 1977 prompt das Geld für den ersten Hauskauf: Urs Räbsamen war 21, seine ebenfalls Bauhandwerk lernenden Brüder nur knapp jünger, als sie ein Arbeiterhaus im Roco-Viertel kauften, das sie umbauten und heute noch besitzen. Die «vielen Eigenleistungen» – «statt Ferien wurde gearbeitet» – seien letztlich das Rezept für den Aufstieg gewesen; «langsam, Haus um Haus» habe er teils mit Beteiligung seiner Geschwister, teils mit Baukollegen im Immobilienwesen Fuss gefasst, erzählt Urs Räbsamen. Und dabei «faire Lösungen mit guten, langfristigen Mietern» stets dem Renditedenken vorgezogen: «Spekulation kam für uns nie in Frage.» Wie jüngst hartnäckige Wartensee-Offerten hat er in Zürich, «wo der Markt ja heute der Wahnsinn ist, bislang jedes schöne Angebot ausgeschlagen». Er habe «noch nie ein Objekt verkauft», sagt Räbsamen – mit Ausnahme seines Einfamilienhauses im Aargau.

Bedauern über Niedergang

Auf der Spitze seines Wachstums, in den ersten 2000er-Jahren, wendet sich Räbsamen wieder der alten Heimat zu. Angestiftet von seinem Bruder Elias, damals bei der Rorschacher Brauerei Löwengarten tätig, heute im Kader der Schützengarten, kauft er mehrere Restaurantgebäude, die von den Brauereibesitzern «zu Schleuderpreisen verscherbelt» werden». «Wir wollten etwas tun gegen den bedauerlichen Niedergang im schönen Rorschach.» Mittlerweile hat er manche Lokale, wie das Mariaberg und den Schweizerhof, sorgfältig renoviert, zusätzlich zu dem von den SBB erworbenen und 2010 für fünf Millionen umgebauten Hafenbuffet.

Die kleine, vergleichsweise «tote» Hafenstadt am Bodensee liegt Räbsamen ebenso am Herzen wie das grosse Zürich. «Ich habe aber nicht die Absicht, Rorschach zusammenzukaufen», lacht er beim Treffen im italienischen Café im «Anker». Um das verwahrloste, inzwischen ausgehöhlte einstige Glanzhotel hat er sich vergeblich bemüht. Welche Häuser in Rorschach würden ihn sonst noch reizen? «Traurig» sei der Abbruch des Velo-Giger-Hauses am östlichen Stadteingang gewesen, meint er, mit dem Neubau werde wie vor dem Kornhaus «die Harmonie eines Platzes zerstört». Deshalb würde er als gutes Gegenbeispiel gern die «Schrottliegenschaft» hinter der historischen Engel-Apotheke am lauschigen Lindenplatz im Zentrum erwerben und sanieren und dort gar einen Bachabschnitt freilegen.

In Rorschach fehlt der Mut

Goldküsten- und Monaco-Träumereien, die im vielbeschworenen Aufschwung der früheren Industriestadt gedeihen, sind dem bescheidenen Baufachmann fremd. «Mir gefällt die Vielfalt, gemischtes Leben, wie im Zürcher Kreis vier.» Dazu gehörten halt auch junge Kultur und Nachtlokale. Wenn die Stadt Rorschach aus Sorge um Lärm und Sicherheit Ausgangszonen beschränke, habe er ein «komisches Gefühl». Er wünschte sich «mehr Mut und Experimentierfreudigkeit», fürs öffentliche Leben müsse man «Sachen ausprobieren».

Er sagt es mit der Weltoffenheit eines Menschen, der weitgereist ist, viele Religionen studiert hat und von Geistheilerei und Bachblüten-Medizin bis Yoga selber vieles ausprobiert hat. Wie gesagt, diesmal in seinen eigenen Worten: «Es gibt noch andere Werte als Geld.» Marcel Elsener