Speichel statt Abstrich

«Wir schätzen die Nachfrage als gross ein»: Eine St.Galler Firma vertreibt Coronatests für zu Hause – innert kurzer Zeit ist das Tageskontingent verkauft

Testpersonen entnehmen zu Hause ihren Speichel und lassen die Probe in einem Labor analysieren: Ein St.Galler Unternehmen bringt einen neuen Coronatest auf den Markt – und trifft damit auf ein Bedürfnis. Neu ist die Idee aber nicht.

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Eine Testperson spuckt ihren Speichel in ein Röhrchen mit Trichter. Der Test kann auch zu Hause vorgenommen werden.

Eine Testperson spuckt ihren Speichel in ein Röhrchen mit Trichter. Der Test kann auch zu Hause vorgenommen werden.

Bild: Alexandra Wey, Keystone
(dar/sda)

Wer sich bislang auf das Coronavirus testen lassen wollte, musste ein Testzentrum, einen Arzt oder ein Spital besuchen. Künftig kann die Testentnahme auch zu Hause erfolgen. Das St.Galler Unternehmen Home Sampling GmbH vertreibt ab sofort Selbstentnahmesets, wie die Agentur Keystone-SDA am Donnerstagmorgen vermeldete.

Das Prinzip des Tests? Spucken statt Abstriche in Nase oder Rachen. Die Testperson kann ihren Speichel zu Hause, beim Arzt oder im Testzentrum in ein Röhrchen mit Trichter spucken. Die Probe wird per Post an das Labor Ivenimus in Kloten geschickt, wo sie auf das Coronvirus analysiert wird. Noch am Tag des Eingangs erhalten die Getesteten das Resultat per verschlüsselter Email. «Eine halbe Stunde vor der Entnahme darf man weder essen noch trinken», erklärt Boris Waldvogel, Geschäftsführer von Ivenimus, gegenüber Keystone-SDA. Auch das Rauchen vor der Probenentnahme sei eine Fehlerquelle.

Potenziell Infizierte können sich ein Testkit nach hause bestellen...
5 Bilder
... und gemäss Anleitung...
... genügend Speichel in ein Röhrchen spucken.
In einem Labor in Kloten...
... werden die Proben analysiert.

Potenziell Infizierte können sich ein Testkit nach hause bestellen...

Bilder: Alexandra Wey, Keystone

Am Donnerstagnachmittag sind die Testkits bereits nicht mehr verfügbar

Nico Gächter, Geschäftsführer Home Sampling GmbH

Nico Gächter, Geschäftsführer Home Sampling GmbH

Bild: PD

Wie beurteilen die Verantwortlichen das Potenzial der Testentnahme für zu Hause ein? Geschäftsführer der Home Sampling GmbH und St.Galler Anwalt Nico Gächter sagt auf Anfrage:

«Wir schätzen die Nachfrage als gross ein und gehen auch davon aus, dass weitere Labore und Anbieter diese Form der Probenentnahme bald anbieten werden.»

Kunden des St.Galler Unternehmens seien sowohl Private als auch Unternehmen, sagt Gächter. Und Waldvogel von dem Klotener Laboratorium rechnet gegenüber Keystone-SDA mit einem Ansturm vor den Festtagen. Rund 25'000 Testkits habe das Unternehmen an Lager. Und die Nachfrage scheint tatsächlich hoch zu sein: Seit Donnerstagmorgen können die Testkits bestellt werden. Und am Donnerstagnachmittag sind die Selbstentnahmesets auf der Website bereits nicht mehr verfügbar, das Tageskontingent sei ausgeschöpft.

Die Vorteile liegen für Gächter auf der Hand: Da das Testverfahren mit der PCR-Methode dasselbe bleibe, liege der Hauptvorteil in der Probengewinnung mittels Speichel statt Stäbchen. «So setzt sich das medizinische Personal keinem erhöhtem Ansteckungsrisiko wie bei der Nasen-Rachen-Abstrichentnahme aus. Ausserdem wird weniger Schutzmaterial gebraucht», sagt Gächter. Für Waldvogel wiederum sollen die Selbstentnahmetests helfen, infizierte Personen und ihre Kontakte schneller zu erkennen und zu isolieren. Waldvogel sagt gegenüber Keystone-SDA:

«Der Test kann irgendwo durchgeführt werden. Man muss dafür nicht extra in eine Arztpraxis gehen.»

Das Verfahren wird gemäss Home-Sampling-Geschäftsführer Nico Gächter auch von anderen Unternehmen geprüft und allenfalls eingeführt. Er nennt beispielsweise das Institut für medizinische Virologie der Universität Zürich.

Keine St.Galler Erfindung

Eine St.Galler Erfindung ist das Verfahren indes nicht. Das Testverfahren mit Speichel beruht auf einer Konservierungsflüssigkeit kanadischer Forscher, die eine hohe Probenstabilität gewährleistet. Bereits im Februar 2020 zeigte eine Hongkonger Studie, dass die RNA von SARS-CoV-2 sich mit grosser Zuverlässigkeit in Speichel nachweisen lässt, wie das deutsche Online-Wissenschaftsmagazin Scinexx schreibt. Ausgehend davon haben Forscher ein Speichel-Testkit entwickelt, mit dem selbständig Speichelproben entnommen werden können. Die us-amerikanische Arzneimittelbehörde FDA hat diesen Test Anfang Mai zugelassen.

Solche Speicheltests werden in den USA und in Kanada bereits verwendet, wie das Unternehmen auf Anfrage von Keystone-SDA erklärte. So habe in den USA allein die University of Kansas 30'000 Studentinnen und Studenten auf diese Weise getestet. Die Zuverlässigkeit von Selbstentnahmen und Entnahmen durch medizinisch geschultes Personal würden sich laut Studien der Stanford University und der University of Washington auf gleichem Niveau bewegen. Zudem sei laut einer Studie der Yale University die Sensitivität des Nachweises des Sars-CoV-2 RNA im Speichel vergleichbar bis höher als beim Nasen-Rachen-Abstrich, schreibt die Home Sampling gegenüber Keystone-SDA.

Leise Skepsis bei Experten der Corona-Taskforce

Didier Trono, Leiter der Expertengruppe «Diagnostics and testing» bei der Corona-Taskforce des Bundes, widerspricht dieser Darstellung in einem Beitrag des Onlineportals «Watson». «Neue Untersuchungen zeigen, dass die Speicheltests etwas weniger empfindlich sind.» Allerdings sei der Unterschied nicht gross. So sei es möglich, die meisten Infektionen mit Speicheltests zu finden. Ebenso meint Trono, dass die Studienlage bislang zu dünn gewesen sei. «Es gab zwar Studien, aber die meisten waren nicht gut kontrolliert und basierten auf einer zu begrenzten Anzahl von Proben.» So seien sich die Wissenschaftler über die Wirksamkeit der Tests nicht einig gewesen.

Die Home Sampling hat ihrerseits eine Verifizierung durchgeführt, wie sie in einer Medienmitteilung vom 23. November mitteilt. Eine laborinterne Untersuchung habe für die Speichelproben eine überlegene Sensitivität gegenüber herkömmlichen Nasen-Rachen-Abstrichen ergeben.

157 Franken kostet ein Testkit bei der St.Galler Firma. Wer die Kosten nicht selber tragen möchte, braucht die Anordnung eines Arztes, einer Apotheke oder eines Testcenters. Auf der Website der Home Sampling GmbH wird jedoch vermerkt, dass keine Rückforderungsanträge für die Krankenkasse ausgestellt werden.