Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

SPANISCHE GRIPPE: Die poltitisch missbrauchte Epidemie

Vor 100 Jahren wütete eine Grippe, die weltweit zwischen 25 und 40 Millionen Menschen das Leben kostete. Auch die Ostschweiz verschonte diese Spanische Grippe nicht. Und sie heizte politische Konflikte weiter an.
Rolf App
Die Spanische Grippe gefährdet besonders die Schweizer Armee: Ein Truppenarzt untersucht im Jahr 1918 einen Armeeangehörigen. (Bild: Archiv Photopress)

Die Spanische Grippe gefährdet besonders die Schweizer Armee: Ein Truppenarzt untersucht im Jahr 1918 einen Armeeangehörigen. (Bild: Archiv Photopress)

Rolf App

rolf.app

@tagblatt.ch

Zwar geht der Erste Weltkrieg seinem Ende entgegen. Dennoch ist 1918 eines der härtesten Jahre in der Geschichte des Kantons St. Gallen. Da ist die vom Export lebende Stickereiindustrie, die sich seit Kriegsbeginn in einem katastrophalen Niedergang befindet. Da sind Versorgungsengpässe, die immer drückender werden, und die vor allem jenen Teil der Bevölkerung hungern lassen, der nicht in der Landwirtschaft arbeitet. Die Behörden haben nicht mit einem derart langen Kräftemessen gerechnet. Nur ­zögerlich wird deshalb die Anbaufläche für Lebensmittel ausgedehnt. Da sind die Männer, die an der Grenze Militärdienst leisten, aber vom Sold nicht leben können. Es gibt keinen Erwerbsersatz, es gibt keinen Kündigungsschutz. Und da gibt es schliesslich einen tiefen Graben in der politischen Landschaft: Auf der einen Seite die Sozialdemokraten, deren Wähleranteil wächst und wächst, die sich aber einem geschlossenen Bürgerblock gegenüber sehen.

So verlagert sich der Protest auf die Strasse. Im Frühling 1917 organisieren die Sozialdemokraten in St. Gallen, Rorschach, Uzwil, Flawil, Rheineck-Thal und Rapperswil Proteste, die sich in scharfem Ton gegen die angekündigten Brot- und Milchpreissteigerungen richten. Im Mai 1918 fordert die Linke höhere Löhne für die Stickereiindustrie. «Streiks drückten eine immer grössere Verbitterung aus», schreibt Max Lemmenmeier in der «St. Galler Geschichte». Im November 1918 wird der Landesstreik das ganze Land erschüttern.

Die Armeesanität ist vollkommen überfordert

In diese zutiefst aufgewühlte Situation nun bricht im Juli jene Grippewelle ein, die schon im übrigen Europa wütet (siehe unten), und die sich von der West- über die Zentralschweiz auch in den östlichen Teil des Landes ausbreitet. Es sind die Soldaten, mit denen das Grippevirus mitreist. Unter ihnen wütet es besonders heftig. Insgesamt werden aus allen Gemeinden zusammen 64680 Erkrankungen gemeldet, 1436 Menschen sterben. Von 1100 infizierten Soldaten erliegen 40 der Krankheit, das sind vier Prozent. Zum Vergleich: Von 20218 angesteckten Zivilpersonen in der Kantonshauptstadt sterben 327, das entspricht 1,6 Prozent der Erkrankten.

Niemand ist auf diese Grippeepidemie vorbereitet, die schon bald den ­Namen «Spanische Grippe» bekommt. Die Behörden informieren lange nur ­rudimentär, sie wiegeln ab. Die Armeesanität ist vollkommen überfordert. Und weil sich über Leserbriefe mehr und mehr Unzufriedenheit formiert, beschliesst der Bundesrat eine Unter­suchung gegen den Oberfeldarzt. Der ist aber unschuldig. Er hat schon lange Verbesserungen angestrebt, die dafür erforderlichen Mittel aber nicht bekommen.

Versammlungsverbote und Notspitäler

Medizinisch tappen die Behörden im Dunkeln. Immerhin realisieren sie, dass Menschenansammlungen hochgradig ungesund sind. Der Bundesrat entlässt die Rekruten- und Unteroffiziersschulen und ermächtigt die Kantone und Gemeinden, Versammlungsverbote zu ­erlassen. Als erster tut dies am 21. Juli der Thurgau, am 23. Juli folgen der Kanton und zwei Tage später die Stadt St. Gallen. Theateraufführungen, Tanzveranstaltungen, Kinovorstellungen und Platzkonzerte werden untersagt, die Schul­ferien mehrmals verlängert. In den katholischen Kirchen wird die Spendung der Kommunion eingestellt, an manchen Orten dürfen an Begräbnissen nur noch die engsten Angehörigen teilnehmen.

Notspitäler werden eingerichtet, in St. Gallen etwa in der Unteren Waid vor den Toren der Stadt. Dennoch wächst bis in den Oktober 1918 hinein die Zahl der Erkrankten stetig. Anfang November scheint das Schlimmste schon überstanden, da kommt es mit dem am 12. November ausgerufenen Generalstreik zum erneuten Aufflackern der Grippe. Sie trifft besonders heftig das Militär. In der Kantonshauptstadt werden die Kaserne, die Turnhalle auf der Kreuzbleiche, die Tonhalle und die Brauerei Schützengarten zu Notspitälern umfunktioniert und sind im Nu besetzt. Doch geht diese zweite Grippewelle rasch vorbei. Ende Dezember hat die Ostschweiz das Schlimmste überstanden. Nach über fünfmonatigem Unterbruch beginnt vielerorts der Schulunterricht wieder.

Doch schweisst das Erlebte nicht etwa zusammen. Im Gegenteil: Vor dem Hintergrund der politischen Spaltung wird auch die Grippe politisch ausgeschlachtet. Armeeführung und Bundesrat lasten deren Ausmass dem Landesstreik an. Wie die Grippe weltanschaulich gedeutet wurde, hat die Maturaarbeit von Thomas Sartoretti an der Kantonsschule Wattwil anhand der Berichterstattung des bürgerlichen «St. Galler Tagblatts» und der sozialdemokratischen «Volksstimme» herausgearbeitet.

«Die Grippe kommt unseren Herrschenden gelegen»

Die Arbeiterzeitung «Volksstimme» geht scharf ins Gericht mit Armeeführung und Bundesrat, wenn sie beklagt, nun zeige es sich, «wie wenig man für die kranken Tage der Proletarier im Militärgewande Vorsorge getroffen habe». Die Soldaten seien «nichts anderes als Werkzeuge des kapitalistischen Staates». Das «St. Galler Tagblatt» wiegelt ab: «Die Epidemie trat so plötzlich und so heftig auf, dass es vielleicht überhaupt nicht möglich gewesen sein dürfte, ebenso rasch ihr entgegentreten zu können.» Versammlungsverbote, die sich auch auf politische Zusammenkünfte erstrecken, werden im bürgerlichen Lager auch zum Schutz vor einem «infizierenden Bolschewismus» gelobt. Die Linke umgekehrt hält es für «sicher, dass die Grippe unseren Herrschenden schon aus politischen Gründen sehr gelegen kommt».

Wie das Anschwellen, so erfährt auch der Rückgang der Erkrankungen eine politische Einordnung. Die «Volksstimme» berichtet nur noch rudimentär darüber, denn «sie konnte den Rückgang der Erkrankungs- und Todesfälle nicht mehr für ihre Propagandazwecke verwenden», fasst Sartoretti zusammen. Das «St. Galler Tagblatt» hingegen publiziert alle verfügbaren Zahlen. Noch weit über ihr Ende hinaus wird die Spanische Grippe in einem politischen Propagandakrieg ein Streitthema bleiben.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.