Die grüne Welle als Gefahr: Verliert die SP im Thurgau ihre Verbündeten, ist der Nationalratssitz wohl Geschichte

Die Nationalratswahlen finden erst im Oktober statt. Trotzdem könnte im Kanton Thurgau schon bald die erste Verliererin feststehen: Wenn die SP die Grünen als Listenpartner an die GLP verliert, wackelt ihr Sitz gewaltig.

Christian Kamm
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Die Thurgauer SP-Nationalrätin Edith Graf-Litscher ist gefordert: Springt der grüne Partner ab? (Bild: Donato Caspari)

Die Thurgauer SP-Nationalrätin Edith Graf-Litscher ist gefordert: Springt der grüne Partner ab? (Bild: Donato Caspari)

Böse Zungen behaupten, SP-Nationalrätin Edith Graf-Litscher habe ihre Wahl bis anhin im Schlafwagen absolviert. Und das geht so: SP und Grüne schliessen jeweils eine Listenverbindung ab, und die vereinigte Stimmkraft reicht dann locker für den Sitz. Nun aber zieht ausgerechnet im politischen Schlafwagen Unruhe ein. Der grüne Höhenflug beflügelt auch die ökologischen Parteien im Thurgau. Findet der nationale Trend seine kantonale Fortsetzung, haben Grüne und Grünliberale im Oktober sehr gute Chancen, aus eigener Kraft ein Nationalratsmandat zu schaffen. Bereits mit einem Plus von gemeinsam 2,6 Prozent gegenüber 2015 hätte man einen Sitz auf sicher. Die SP bliebe in diesem Szenario aussen vor. Mehr noch: Vieles spricht dafür, dass die grüne Allianz ausgerechnet der SP den Sitz abjagen würde.

«Sehr ungemütlich, wenn wir alleine stehen»

Bei den Sozialdemokraten ist man sich dieser Gefahr bewusst. «Ich hoffe sehr, dass die bewährte Zusammenarbeit von Rot-Grün auch bei diesen Wahlen fortgesetzt wird», sagt Edith Graf-Litscher. Gleichzeitig räumt sie ein, dass ein Zweierticket GP/GLP realistischweise zu Lasten der SP gehen würde. «Und es wäre sehr ungemütlich, wenn wir plötzlich alleine dastehen würden.» Man müsse deshalb miteinander eine Lösung suchen. Für die SP könne das nur heissen: «Sicherstellen, dass Rot-Grün weiterhin in Bern vertreten ist.»

Zu diesem Zweck setzt die Partei einerseits auf Überzeugungsarbeit. «Wir kämpfen um unseren Sitz.» Kommende Woche wird eine nächste Gesprächsrunde zum Thema stattfinden. Gleichzeitig ruft Graf-Litscher in Erinnerung, dass eine Listenverbindung ohne SP ein grosses Risiko berge: «Es besteht die Gefahr, dass sämtliche sechs Thurgauer Nationalratssitze in bürgerliche Hände gelangen.» Also die SP auf sich allein gestellt ihr Mandat verliert, die beiden anderen zusammen gleichzeitig unter den Erwartungen und ebenfalls sitzlos bleiben.

Geteilte Meinungen bei den Grünen

GP-Parteipräsident Kurt Egger weiss, dass eine Allianz mit der GLP kein Selbstläufer wäre: «Wir müssten schon zulegen, wenn wir die SP überholen wollen.» Zudem könnte ein Partnerwechsel die Grünen in eine Identitätskrise stürzen, weil es in dieser Frage innerhalb der Partei verschiedene Lager gibt. Wohin das Pendel in der entscheidenden Mitgliederversammlung anfangs August ausschlagen werde, sei offen, sagt Egger. «Ich würde nicht auf eine Variante wetten.» Sicher sei aber: «Die SP muss sich anstrengen.»

Chancen stehen fifty-fifty

Für Sand im Getriebe einer grünen Listenverbindung sorgt ferner der Umstand, dass es nicht klar ist, an wen ein gewonnener Sitz gehen würde. GLP und GP trennten 2015 nur hauchdünne 0,8 Prozent. «Holen wir ihn, dann geht er in die Mitte», sagt GLP-Präsident Ueli Fisch. Wäre das in den Augen der Grünen noch ein grüner Sitz? Genau diese Abwägung müsse die Mitgliederversammlung vornehmen und dann entscheiden, hält sich Kurt Egger bedeckt.

In dieser verzwickten Situation könnte ein typischer Thurgauer Kompromiss die Lösung bringen: Eine Dreier-Listenverbindung mit GP/GLP und der SP. Wenn die Beteiligten so viel zulegen können, wie allgemein erwartet, dann müsste es auch so für zwei Sitze reichen.