Sorgentelefon
«Eine tiefe, grosse Sehnsucht nach Nähe»: Wie eine Ostschweizer Mitarbeiterin der Dargebotenen Hand ihren Dienst an Heiligabend erlebt hat

Das Fest der Nähe im Jahr der Distanz war für viele eine beachtliche Herausforderung. Was hat die Ostschweizer an Weihnachten besonders geplagt? Eine Mitarbeiterin des grössten Schweizer Beratungstelefons berichtet von ihrem Dienst an Heiligabend.

Viola Priss
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Das grösste Beratungstelefon der Schweiz – Die Dargebotene Hand – ist zu jeder Tages- und Nachtzeit von geschulten Mitarbeitern besetzt – auch an Weihnachten.

Das grösste Beratungstelefon der Schweiz – Die Dargebotene Hand – ist zu jeder Tages- und Nachtzeit von geschulten Mitarbeitern besetzt – auch an Weihnachten.

Bild: Jeremias Münch/Fotolia

Vor dem Dienst sei sie bewusst spazieren gegangen, sagt die Ostschweizer Mitarbeiterin des Beratungstelefons Die Dargebotene Hand. Zum ersten Mal übernahm sie einen Dienst an Heiligabend und rechnete mit allem Möglichen. Dass der 24. Dezember für Menschen in Krisensituationen kein x-beliebiges Datum, sondern ein besonders einsamer Tag sei, war der diensthabenden Mitarbeiterin bewusst: «Umso mehr wollte ich noch einmal tief durchatmen und Kraft schöpfen, meine eigenen Themen abschütteln, um dann am Mittag ganz für die Menschen da sein zu können.»

Auf ihrem Spaziergang in den Gassen auf dem Weg zur Arbeit habe sie den einen oder anderen Blick erhascht in erleuchtete und geschmückte Stuben und sich gefragt: «Wird darin heute gefeiert? Ist dort jemand alleine?»

Weihnachten löst Sehnsüchte aus

Ausgerüstet mit Tee und den Eindrücken vom Vormittag trat sie den Dienst an, der «einerseits war, wie an anderen Tagen auch. Andererseits aber auch nicht.» Weihnachten sei aufgeladen mit Erwartungen, Sehnsüchten und Wünschen. «Ob mit oder ohne Corona», sagt die Mitarbeiterin.

Auch in diesem Jahr sei es häufig zu Enttäuschungen gekommen, teilweise alte, tiefe Wunden wurden wieder aufgerissen und ergaben Gesprächsbedarf. Wer zählt zum engsten Familien- oder Freundeskreis und warum? Das Virus zwang zu einer Selektion. Es seien grosse Leiden sichtbar geworden, unabhängig von den Feiertagen. Andererseits sei der ganz grosse Ansturm von Anrufern an Heiligabend aber ausgeblieben. Wie sie sich die relative Ruhe am Hörer erkläre?

«Zur Last wird den Menschen häufig erst die Leere der Feiertage in der Zeit nach Heiligabend.»

«Mit der Coronasituation haben wir es nun schon Monate zu tun. Inzwischen haben viele Strategien entwickelt, die Lücken zu füllen, sich ein Netz geschaffen, das sie über herausfordernde Situationen hinweg trägt. Ich schätze, das galt auch an Heiligabend.» Dafür sei die Intensität eine andere gewesen. Das längste Gespräch habe, weil der Andrang es erlaubte, doppelt so lange gedauert wie durchschnittliche Telefonate. «Es hat Tränen, aber auch gemeinsames Lachen beinhaltet», sagt sie.

Und doch gab es Stimmen, die leise waren, sehr leise und doch laut in einem Wunsch, der, so die Mitarbeiterin, allen Anrufen gemein war:

«Eine grosse, tiefe Sehnsucht nach Nähe.»

Da seien dann Erinnerungen aufgekommen, etwa bei Singles, an glücklichere Episoden der intensiven Zweisamkeit: «Auch tiefe Trauer, beim Gedenken an Verstorbene, selbst wenn diese bereits lange gegangen waren.» Weihnachten fördere den Wunsch nach tiefer, vertrauter Verbindung.

Gemeinsam, ob am Telefon oder in Gedanken am Sternenhimmel

«Die Erfahrung allein zu sein, haben wir in diesem Jahr alle gemacht», sagt die Mitarbeiterin des Sorgentelefons. «Ich habe die Hoffnung, dass daraus etwas entsteht, was überdauert: das Wissen, dass es einsame Menschen gibt und man als Gesellschaft etwas dagegen tun kann, indem wir alle mehr auch nach diesen Menschen schauen.»

Sie selbst habe sich glücklich geschätzt, während des Dienstes Zeit zu haben für sehr persönliche, intime Gespräche mit Anrufern aus der ganzen Ostschweiz.

«Ganz für die Menschen da zu sein, das hat sich teilweise so angefühlt, als sässe ich bei ihnen am Wohnzimmertisch».

Jeder einzelne Anrufende habe seine Dankbarkeit betont, sagt sie. «Dabei habe auch ich das Vertrauen als Geschenk erlebt.» Wenn auch sonst nicht viel Weihnachtsstimmung aufgekommen sei, da in ihrer Dienststelle keine Kerzen erlaubt waren, so habe sie zwischendurch manchmal einfach die Augen geschlossen und sich dabei den Menschen am anderen Ende der Leitung ganz nah gefühlt, einfach indem sie Anteil nahm.

Während ihres Dienstes habe sie immer das erleuchtete Zimmer eines Bewohners im Haus gegenüber aus den Augenwinkeln gesehen. Irgendwann im Laufe der Schicht sei das Licht ausgegangen, sagt sie. Ob der Bewohner Heiligabend auswärts feierte, sich früh ins Bett kuschelte oder sich den Sternenhimmel anschaute und dabei an Menschen dachte, die nicht anwesend waren? Sie weiss es nicht und kann dem Unbekannten am Ende ihres Dienstes nur wünschen, dass er nicht einsam war.

Als sie zu Hause ankam, war es deshalb nicht nur die vorbereitete Suppe, die sie wärmte. Sie habe sich nicht erschöpft gefühlt, sagt sie, vielmehr erfüllt, an so vielen Leben teilgenommen zu haben. Gemeinsam etwas zu tragen, auch das sei Nähe.