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SOLIDARITÄTSBEITRAG: Verdingkinder: Spätes Pflaster für alte Wunden

Bis am vergangenen Wochenende konnten sich ehemalige Verdingkinder und Zwangsversorgte beim Bund melden. Sie haben Anspruch auf einen Solidaritätsbeitrag. Aus der Ostschweiz sind viele Gesuche erst in letzter Minute eingegangen.
Kaspar Enz
Viele Verdingkinder wurden auf Bauernhöfen ausgenutzt: ein Bild aus dem Jahr 1954. (Bild: Walter Studer/Keystone)

Viele Verdingkinder wurden auf Bauernhöfen ausgenutzt: ein Bild aus dem Jahr 1954. (Bild: Walter Studer/Keystone)

Kaspar Enz

kaspar.enz@ostschweiz-am-sonntag.ch

Dies ist ein Artikel der "Ostschweiz am Sonntag". Die ganze Ausgabe lesen Sie hier: www.tagblatt.ch/epaper

Lange sah es so aus, als bliebe der Bund auf seinem Geld sitzen. 300 Millionen hatte er auf die Seite gelegt, als Solidaritäts­beitrag an die Verdingkinder und Heiminsassen, die von den Behörden noch bis in die 1980er-Jahre zwangsversorgt wurden. Die Zahl der Gesuche blieb unter den Erwartungen. Vor Ostern zählte das Bundesamt für Justiz, das die Gesuche bearbeitet, erst 7500. Erwartet hatte man 12000 bis 15000 Gesuche um die bis zu 25000 Franken pro Person. Doch kurz vor Ablauf der Frist wurde das Bundesamt von Bewerbungen überschwemmt. Die genaue Zahl könne man erst Anfang nächster Woche bekanntgeben, sagt Sprecher Folco Galli. Bis am Freitag waren es über 8850. Auch aus den Ostschweizer Kantonen kamen viele Gesuche.

Dass die Zahl der Gesuche in der letzten Phase zunahm, be­stätigen auch die Ostschweizer Anlaufstellen, welche die Opfer beim Einreichen ihrer Gesuche unterstützten. «Auch wir bekamen in den letzten Wochen noch sehr viele Anfragen», sagt Brigitte Huber von der Opferhilfe SG-AR-AI. Dass sich viele erst spät entschieden haben, sich zu bewerben, wundert sie nicht. «Für Betroffene kann es sehr belastend sein, sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen. Oft ist es das Umfeld, das sagt: Melde dich an, du hast das Recht», sagt Huber. Manche fänden, sie hätten genug Geld und brauchten die Zahlung nicht. Andere können sich nicht vorstellen, für das erlittene Unrecht Geld anzunehmen. «Mir wurde die Kindheit gestohlen.» Diesen Satz hat Huber oft gehört.

Aufforderung mit Folgen

«Meld dich doch»: Auch im Thurgau hatten viele einstige Verdingkinder diesen Satz von Freunden gehört. «Das wird oft salopp gesagt, aber es ist ein heisser Lauf», sagt Urban Stäheli, Adjunkt des Thurgauer Staatsarchivs. «Man weiss nicht, in welchen Wunden man damit herumstochert.» Hinzu komme die Angst, das Gesuch würde abgelehnt. Denn viele Betroffene hätten zwar einen Weg gefunden, mit ihrer Vergangenheit zu leben. «Aber man tauscht sich gewöhnlich nicht darüber aus.» Für viele sei es deshalb schwer, das Erlebte in ein Verhältnis zu setzen. «Man weiss nicht: Reicht das?»

Der Thurgau hat als einer der wenigen Kantone nicht die Opferhilfe, sondern das Staatsarchiv zur direkten Anlaufstelle für die Opfer der fürsorgerischen Zwangsmassnahmen bestimmt. Hier lassen sich auch viele der Wege recherchieren, die die Betroffenen hinter sich haben. «Es gibt Akten der Vormundschaftsbehörden, Krankenakten von psychiatrischen Kliniken oder Protokolle von Heimen wie Fischingen oder Kalchrain», sagt er. Manchmal halfen auch Akten der Kirchgemeinden weiter, die lange für das Armenwesen zuständig waren. Diese Dokumente ging er mit den Opfern durch, die sich meldeten. «Die Reaktion darauf war unvorhersehbar», sagt Stäheli. Nicht nur, weil sie oft heftige Erlebnisse damit verbinden. «Die meisten dieser Dokumente sind aus einer bestimmten Perspektive geschrieben», sagt Stäheli. Es steht nichts Positives drin – man wollte die Betroffenen schliesslich versorgen. «Die Sprache ist oft sehr verletzend.»

Düstere Vergangenheit von Heimen und Anstalten

Die Zwangsversorgungen, die bis in die Achtzigerjahre praktiziert wurden, waren auch düstere Kapitel in der Geschichte vieler Ostschweizer Anstalten. Fälle, auf die auch Stäheli immer wieder stiess. «Es kamen Leute, die in Münsterlingen Opfer von Medikamentenversuchen wurden, in Fischingen oder der Arbeitserziehungsanstalt Kalchrain einsassen.» Doch viele Heime gibt es nicht mehr. Hier sei auch die ­Aktenlage schwieriger. «Auch die Fremdplatzierungen auf den Bauernhöfen sind meist spärlich dokumentiert.»

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