Die Schweiz scheint bei der Menschenkette um den Bodensee wieder dabei zu sein – noch herrscht aber Wirrwarr

Am kommenden Samstag soll eine Menschenkette rund um den Bodensee gebildet werden. In der Schweiz herrscht aber Chaos: Nachdem das Schweizer Team des Organisationskomitees zurückgetreten ist, übernimmt nun ein neues Komitee die Koordination auf der Schweizer Seite. Und wieder ist das Kernteam uneins.

Martina Eggenberger Lenz, Rosa Schmitz und Sabrina Manser
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Am 3. Oktober soll rund um den Bodensee eine Menschenkette gebildet werden.

Am 3. Oktober soll rund um den Bodensee eine Menschenkette gebildet werden.

Bild: Jens Meyer / AP

Fünf Tage vor der geplanten Menschenkette rund um den Bodensee herrscht auf der Schweizer Seeseite noch Chaos: Vor einer Woche gab das Schweizer Team des Organisationskomitees bekannt, den Bettel hinzuwerfen, weil die Organisation mit der deutschen Seite nicht wie gewünscht funktionierte. Mittlerweile hat sich ein neues Organisationskomitee gebildet, aber auch dort gibt es im Kernteam offenbar Meinungsverschiedenheiten. Hinzu kommt, dass sich nun Friedensorganisationen von der Menschenkette distanzieren.

Ursprünglich geplant war eine 150 Kilometer lange Menschenkette um den Bodensee und im unteren Rheintal. Hauptinitiant dieser selbsternannten Friedenskette ist Gerry Mayr. Er ist auch Kopf der Querdenker-Bewegung in Konstanz. Im Rahmen dieser Bewegung sind am kommenden Samstag in Konstanz und Kreuzlingen Kundgebungen geplant. In Konstanz wird gegen die Coronamassnahmen demonstriert, wie der «Südkurier» schreibt.

Das erste Schweizer Organisationskomitee distanziert sich

Ob die Menschenkette tatsächlich zu Stande kommt, ist offen. Auf der Website von Deutschland und Österreich ist die Strecke für die Menschenkette in einzelne Abschnitte aufgeteilt. Zudem ist eine Schätzung angegeben, zu wie viele Prozente ein Abschnitt besetzt ist. In Deutschland sind lediglich 2 von 37 Abschnitten durchgehend gefüllt. Die anderen Abschnitte werden nach aktuellem Stand zwischen 5 und 60 Prozent besetzt sein.

Das erste Schweizer Organisationskomitee kapitulierte, weil die Koordination mit Deutschland schwierig war. Wie das Schweizer OK letzte Woche dieser Zeitung berichtete, sei es in den drei Wochen Planungsphase den deutschen Kollegen nicht gelungen, ein Logo zu entwickeln und Werbematerial bereitzustellen. Der angekündigte Megaevent habe sich immer mehr zur «unrealisierbaren Luftblase» entwickelt. Deshalb soll die Menschenkette nun am Wochenende bloss auf der deutschen und der österreichischen Seeseite stattfinden.

Wirrwarr beim neuen Schweizer OK

Nachdem das erste Team den Bettel hinwarf, übernahm ein neues OK das Zepter für die Menschenkette auf der Schweizer Seite. Die Idee der Menschenkette sei es, «in Verbundenheit, Frieden und in Liebe zueinander» den Bodensee «zu umarmen», «unabhängig von Nationalität, Glaubensrichtung, Einstellung zu Corona usw.», heisst es auf ihrer Website.

Die Organisatoren wollen aber im Hintergrund bleiben: Sie schreiben auf ihrer Website, dass sie keinen Event planen. Wie die Menschenkette gestaltet werde, liege in der «Selbstverantwortung jedes einzelnen Menschen». Jeder Einzelne sei also zuständig für allfällige Bewilligungen.

Für Fragen steht ein Chat im Messagingdienst «Telegram» zur Verfügung. Wie das OK dort am Montag mitteilt, trennte man sich von einem Teil des Komitees. Wie sie schrieben, «gingen die Meinungen, was die Friedenskette aussagen möchte und wie sie organisiert sein soll, immer weiter auseinander». Grund sei die Aufschaltung einer Website gewesen, mit welcher nicht das ganze Kernteam einverstanden war. Nun sei eine neue Website verfügbar.

Online sind nun also zwei sich konkurrierende Websites aufgeschaltet. Bei beiden geht nicht klar hervor, wer die Zügel in die Hand nehmen will.

«Das tut den Opfern ein zweites Mal Gewalt an»

Gleichzeitig distanziert sich die Trägerorganisationen des Dreiländer-Ostermarsches am Bodensee von der Aktion. Der Ostermarsch, der ebenfalls um den Bodensee stattfindet, wird seit 1986 jedes Jahr durchgeführt. In einer Mitteilung fordert die Organisation alle friedenswilligen Menschen auf, sich von den «Querdenkern» fernzuhalten.

Ruedi Tobler, Präsident des Schweizerischen Friedensrates, schreibt in einer Mitteilung:

«Wer die Pandemie zu verharmlosen oder gar zu leugnen versucht, der tut deren Opfern ein zweites Mal Gewalt an und verhöhnt alle, die sich beruflich oder freiwillig mit unermüdlichem Engagement für die Betroffenen eingesetzt haben und immer noch einsetzen.»

Solche Menschenverachtung sei das Gegenteil von Engagement für den Frieden.

Ruedi Tobler.

Ruedi Tobler.

Bild: Michael Genova

«Dass im Zusammenhang mit der Coronapandemie den Behörden auch Fehler unterlaufen sind, ist nicht zu bestreiten», so Tobler weiter. Daraus seien auch Lehren zu ziehen. Aber, dass in der Schweiz eine Vereinigung, die sich «Freunde der Verfassung» nennt, bereits das Referendum gegen das Covid-19-Gesetz beschlossen hat, bevor es im Parlament zur Behandlung gekommen ist, zeige in aller Deutlichkeit, dass es den Pandemieleugnern um Verhinderung und nicht um konstruktive Politik gehe.

SP Kreuzlingen ruft zur Gegendemo auf

Die SP Kreuzlingen ruft auf, am kommenden Wochenende vom 3. und 4. Oktober an einer Gegendemonstration auf Klein Venedig teilzunehmen. «Die Meinungsfreiheit ist ein sehr wichtiges Gut», schreibt die Partei in einer Medienmitteilung. Die vergangenen Ereignisse, beispielsweise aus Berlin, hätten aber gezeigt, dass derartige Demonstrationen auch Rechtsradikale und andere fundamentale Gruppierungen anziehen. Wichtig und richtig seien der Einbezug unterschiedlicher Bedürfnisse und der Diskurs um die Verhältnismässigkeit der Coronamassnahmen, heisst es weiter. «Wichtig und richtig ist aber auch, sichtbar für unsere Demokratie und gegen Hass und Hetze einzustehen.»

Gemeinsam mit «Spread Love, Not Corona», einem Konstanzer Bündnis von 28 Parteien und Zivilorganisationen, werde die SP Kreuzlingen am 3. und 4. Oktober ein starkes Signal für Demokratie und Solidarität senden.

Die genauen Orts- und Zeitangaben werden am Freitag, 2.10., ab 17.00 Uhr auf der Website www.sp-kreuzlingen.ch bekanntgegeben.

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