«Solche Bauten sind die Zukunft»

Ein Architekturbüro aus Muolen hat den Schweizer Solarpreis erhalten – für ein Wohngebäude in Abtwil, das mehr Energie produziert als es verbraucht. Das Beispiel sollte Schule machen, hofft die Energieagentur St.Gallen.

Marcel Elsener
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Das vorbildhafte Sechsfamilienhaus am Sonnenberg in Abtwil – mit optimal nach Süden und Südosten ausgerichteten Gebäudeflügeln und Satteldach für Photovoltaik. (Bild: Visiobau)

Das vorbildhafte Sechsfamilienhaus am Sonnenberg in Abtwil – mit optimal nach Süden und Südosten ausgerichteten Gebäudeflügeln und Satteldach für Photovoltaik. (Bild: Visiobau)

ST.GALLEN. Als Ostschweizer «Energiewunder» hat es in Fachkreisen bereits Aufsehen erregt, und nun ist es am Montag in Genf mit dem Schweizer Solarpreis in der Kategorie Neubau ausgezeichnet worden: das Mehrfamilienhaus «Am Sonnenberg» in Abtwil, entwickelt und realisiert vom Architekturbüro Visiobau aus Muolen.

Die preisgekrönte Leistung: Passenderweise am Sonnenberg deckt der kühne Bau mit Photovoltaikzellen und Vakuumkollektoren 106 Prozent des gesamten Energiebedarfs des Gebäudes. Damit erfüllt es die Anforderungen an ein Plusenergie-Gebäude – ein Haus, das mehr Energie liefert als es braucht. Für die Jury ausschlaggebend war das durchdachte energetische Konzept. «Das MFH mit effizienten Elektrogeräten nutzt die Sonne aktiv und passiv», schreibt sie in ihrem Bericht. Die Reglements-Voraussetzungen für Plusenergie-Bauten seien für ein Durchschnittsjahr «mehr als erfüllt». Von Januar bis Mai 2013 waren die Einstrahlungswerte unterdurchschnittlich – im Normalfall dürfte das Haus bis zu 110 Prozent des Energiebedarfs decken.

Inspirierendes Pionierprojekt

Der Preis ist für die Visiobau ein Beleg, dass das Familienunternehmen mit seiner Philosophie auf dem richtigen Weg ist. Neben der alltäglichen Arbeit hat sich das Muoler Büro laut Architekt Stefan Truog zur Aufgabe gemacht, Innovationen zu entwickeln, die in künftige Projekte einfliessen: «In diesem Fall war es unser Ziel, ein Gebäude zu realisieren, das mehr Energie produziert, als für Heizung, Lüftung, Wassererwärmung und Haushaltsstrom benötigt wird.»

Und diese Massnahmen sollten so umgesetzt werden, dass das architektonische Konzept nicht tangiert wird. Wie geglückt das ist, zeigen die positiven Reaktionen in der Nachbarschaft – und die Würdigungen in Fachblättern. «Es ist erfreulich, dass Architekten aus einem Projekt eine Art <Laboratorium> machen, in dem sie ihre Ideen und Konzepte auf deren Realisierungstauglichkeit prüfen», lobt das Heft «architektur+technik». Man merke dem «anmutigen» Gebäude an, dass es «das Resultat von umfassenden Überlegungen zum Wohnen der Zukunft» sei, und wünsche ihm «den nachhaltigen Erfolg, den es verdient».

Freude über die Pionierleistung herrscht auch bei der Energieagentur St. Gallen. «Wir hoffen, dass bald noch mehr solche Bauten im Kanton entstehen», sagt Geschäftsleiter Philipp Egger. «Gebäude, die mehr Energie produzieren als sie selbst verbrauchen, sind die Zukunft.» Bei der Energieagentur bestätigt man, dass das Gebäude in Abtwil das erste gemäss Minergie-Baustandards A und Eco zertifizierte Gebäude im Kanton sei – laut Mitteilung der Visiobau ist es «das erste in der Ostschweiz überhaupt». Ähnlich wie bei (Bio-)Lebensmitteln gibt es im Hinblick auf die Energiewende unzählige Labels, wie das «Plusenergie-Gebäude» der Schweizer Solaragentur. Die Energiebehörden halten sich indes an die von den Kantonen beschlossenen Minergie-Standards.

Weitere Minergie-A-Bauten

Nebst dem Minergie-Label P (für passiv) wird seit 2011 auch das A (für aktiv, mit erneuerbaren Energien) verwendet; die Energieagentur will die entsprechende Prüfung demnächst anbieten. Laut Philipp Egger wurden im Kanton St.Gallen bereits 1284 Minergie-Zertifikate ausgestellt, davon 90 Minergie-P. Rund 400 weitere Gebäude mit Minergie-Zertifikaten seien «in Planung oder Bau, darunter auch vier Minergie-A Bauten.»

«Wir freuen uns sehr, dass wir so viele engagierte Bauherren im Kanton haben», sagt Egger. «Es zeigt, dass jeder Gebäudeeigentümer einen namhaften Beitrag zur Energiewende leisten kann.» St.Gallen fördert seit 2008 die Installation von thermischen Sonnenkollektoren für Warmwasser und Heizungsunterstützung. Derzeit läuft die Aktion «Sonnenduscher», die Hausbesitzer zur Montage von Sonnenkollektoren bewegen will. «Viele haben bereits ihre eigene Anlage installiert», sagt Egger und hofft, dass es besonders auf Mehrfamilienhäusern noch mehr würden.

Seit Januar 2013 wurden Förderbeiträge für 250 Sonnenkollektor-Anlagen zugesichert. Der Betrag von 600 000 Franken habe «Investitionen von mehreren Millionen Franken ausgelöst, die zu einem sehr hohen Anteil in die lokale Wirtschaft geflossen sind». Erfreulich auch die Bemühungen mehrerer Solarverbunde im Kanton – erst letzte Woche stellte die junge Solargenossenschaft Rheintal ihr «Leuchtturm-Projekt» vor (Köppel AG).

Die preisgekrönte Visiobau in Muolen plant derweil die nächste Premiere: In Tägerwilen soll die erste Wohnüberbauung im Thurgau entstehen, die nach dem Standard Minergie-A-Eco konzipiert ist. Weil Architekt Stefan Truog an der Baukaderschule St.Gallen als Dozent und Lehrgangsleiter des Nachdiplomstudiums HF Bau-Energie-Umwelt sein Wissen weiter gibt, könnte das ausgezeichnete Beispiel dereinst erst recht Schule machen.

Philipp Egger Geschäftsleiter Energieagentur St. Gallen (Bild: pd)

Philipp Egger Geschäftsleiter Energieagentur St. Gallen (Bild: pd)

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