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Kohlensäure aus dem Kamin: Wie ein Thurgauer Unternehmen aus Abgas CO2 für den Zapfhahn macht

Ohne Kohlendioxid gibt es keine Kohlensäure. Doch gerade im Sommer wird diese rar. Ein Thurgauer Unternehmen zapft das CO2 nun direkt vom Industriekamin ab – und kann so das ganze Jahr liefern. Noch ist die Anlage in Sulgen aber ein Pilotbetrieb.
Kaspar Enz

Dies ist ein Artikel der "Ostschweiz am Sonntag". Die ganze Ausgabe lesen Sie hier.

Damit das Bier in den Becher fliesst, braucht es Kohlendioxid. (Bild: Andrea Stalder)

Damit das Bier in den Becher fliesst, braucht es Kohlendioxid. (Bild: Andrea Stalder)

Dem eigenen Team beim Rausfliegen zuzusehen, ist eines der schlimmeren Erlebnisse während einer Fussballweltmeisterschaft. Ähnlich schlimm wäre es nur, wenn das Bier ausgehen würde. Genau das scheint in Teilen Europas zu drohen, wie vergangene Woche berichtet wurde, vor allem in England – ausgerechnet jetzt, wo die Three Lions endlich einmal weiterkommen.

Grund für die drohende ­Trockenheit: In Nordeuropa mangelt es an CO2. Nicht in der Luft, sondern in den Tanks und Flaschen, die die Getränkeindustrie braucht, um Kohlensäure ins Mineralwasser zu bringen. Und erst wenn eine Flasche davon am Zapfhahn hängt, schäumt das Bier ins Glas. CO2-Knappheit, obwohl Kamine und Auspuffe viel zu viel in die Atmosphäre blasen: Das Gas ist hauptverantwortlich für den Treibhauseffekt.

Pro Stunde fliessen 100 Kilogramm Kohlendioxid

Ein Kamin ragt auch in Sulgen bei der Milchpulverfabrik des Nahrungsmittelkonzerns Hochdorf in die Höhe. Um die Milch zu trocknen, verheizt ein Ofen Erdgas oder Biogas aus der hauseigenen Anlage. Etwas mehr als zehn Prozent des Abgases fliesst durch eine dicke Röhre in den Raum neben den Öfen, voll gestellt mit Kesseln und Rohren. «Hier findet die Übergabe statt», sagt Heiko Blumentritt. Er ist Prozesstechniker bei der Romanshorner Asco AG. Das Unternehmen gewinnt hier seit rund einem Jahr CO2 aus den Abgasen der Hochdorf. 2000 Kilogramm gehen stündlich durch das Rohr. «Etwa fünf bis acht Prozent davon ist CO2», sagt Blumentritt.

Der Kaminrauch wird nun abgekühlt und unter Druck gesetzt, er blubbert durch Laugen und wird mit Chemikalien traktiert, bis am Ende des Chromstahllabyrinths verflüssigtes Kohlendioxid in die Tanks läuft (siehe Grafik ganz unten). Einen Teil davon braucht Hochdorf an Ort und Stelle. Was übrig ist, verkauft die Messer Group, der Mutterkonzern der Asco, vor allem an Abnehmer aus der Region und auf dem freien Markt.

Bei der Produktion von Dünger entsteht reines CO2

Dass dort im Moment Mangel herrscht, ist nicht ungewöhnlich. «Das geschieht jedes Jahr», sagt Reiner Knittel, Sprecher von Messer Schweiz. Meist im Sommer, wenn die Getränkeindustrie am meisten CO2 braucht. Das Gas wird in der Regel in Chemiefabriken gewonnen. Am besten zapfe man es bei Prozessen ab, wo es möglichst rein entstehe, sagt Knittel. Das ist gerade bei der Düngerproduktion der Fall, die im Frühling und Herbst auf Hochtouren läuft. Im Sommer werden die Anlagen revidiert, das CO2 bleibt aus. Weshalb Messer Schweiz auch schon Anfragen aus Schottland bekommt oder selber das Gas von weit her beschaffen muss, «was es schnell viel teurer macht». Diesem Zyklus ist die Anlage in Sulgen nicht unterworfen. Doch ist sie mit 2000 Tonnen im Jahr relativ klein und die erste ihrer Art in der Schweiz.

Dass die Romanshorner Asco die Anlage betreibt, ist ungewöhnlich: Zwar baut Asco Anlagen auf der ganzen Welt, den Betrieb aber überlässt sie ihren Kunden. Ob sich die CO2-Gewinnung aus Kaminen hier durchsetzt, sei noch unklar, sagt Prozesstechniker Blumentritt. «Im Gegensatz zu Prozessen, in denen reineres CO2 anfällt, ist das teurer.» Solche Anlagen baut die Asco eher ausserhalb Europas: «Gerade in Afrika fehlen die chemischen Fabriken, die CO2 als Abfall produzieren.» Aus diesem Grund wird dort oft Gas verbrannt, nur um Kohlendioxid zu gewinnen. «Wir versuchen deshalb vermehrt, die Kunden zu überzeugen, die Anlage an einen bestehenden Kamin anzuhängen», sagt Blumentritt. Die Anlage selbst sei zwar etwas teurer. «Aber der gesparte Brennstoff rechnet sich in ein paar Monaten.»

Ein Gas, das auch Salat frisch hält

Der grösste Teil des Kohlendioxids, das in Europa verwendet wird, stammt aus chemischen Prozessen. Gerade bei der Produktion von Dünger fällt es beinahe rein als Nebenprodukt an, was das Gewinnen einfach macht.

Wird das CO2 aus Abgas hergestellt, ist der Prozess trotzdem derselbe. Nachdem das Abgas verdichtet wurde, wird es gereinigt: In Wasser gelöste Chemikalien lösen die unerwünschten Komponenten heraus. Übrig bleibt «feuchtes», beinahe reines CO2. Im Trockner wird dem Gas das Wasser entzogen, bevor es abgekühlt und so verflüssigt wird. Am Ende wird das Kohlendioxid noch einmal gereinigt, bevor es im Tank endet.

Dieses reine CO2 wird nicht nur von der Getränkeindustrie verwendet, die es zur Herstellung von Kohlensäure braucht. Damit werden auch Schlachttiere betäubt und Lebensmittel wie Salate abgepackt: Werden sie mit Kohlendioxid oder Stickstoff statt Luft verpackt, bleiben sie länger frisch, da Bakterien in dieser Atmosphäre nicht wachsen können. (ken)

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