So machen Händler an Ostschweizer Weihnachtsmärkten das grosse Geschäft

Ein Weihnachtsmarkt ist ein Bombengeschäft – besonders für Imbiss- und Glühweinverkäufer. Deutlich weniger Gewinn machen Kunsthandwerker und Verkäufer von Geschenkartikeln. Trotzdem geht die Rechnung für alle auf.

Ursula Wegstein
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Glühwein-und Imbissbuden sind beliebte Treffpunkte auf dem Weihnachtsmarkt. (Bild: Alamy)

Glühwein-und Imbissbuden sind beliebte Treffpunkte auf dem Weihnachtsmarkt. (Bild: Alamy)

Dies ist ein Artikel der «Ostschweiz am Sonntag». Die ganze Ausgabe lesen Sie hier.

Das Geschäft mit der Nostalgie ist lukrativ. Darum finden sich Weihnachtsmärkte inzwischen landauf landab – beinahe überall. 107 in der Ostschweiz. Manche dauern mehrere Wochen, wie jener in St.Gallen. Andere finden nur an einem Wochenende oder an einem Tag statt, wie jener in Romanshorn.

Bewerben kann sich jeder

Für ein Markthäuschen bewerben kann sich grundsätzlich jeder. Den Zuschlag bekommt allerdings zuerst, wer sich langjährig bewährt hat – ein allgemein übliches Vergabeprinzip. Wenig frischer Wind weht darum zwischen den Weihnachtsmarkt-Häuschen in der Ostschweiz. «Wir haben praktisch keine Fluktuation», sagt Walter Flury, Marktchef des Frauenfelder Weihnachtsmarktes. Etwa 90 Prozent der Anbieter blieben stets dieselben. Noch krasser ist die Situation in St.Gallen: Von den 53 Markthäuschen werden jährlich zwei bis drei an Neubewerber vergeben – bei 15 bis 20 Interessierten auf der Warteliste, so Marktchef Bernhard Steffen. Gute Chancen für Neubewerber bestehen hingegen in Wil: Jährlich vergibt die Stadt etwa 50 von 120 Marktständen neu.

Wenig Wechsel beim Glühwein

Anwärter für den Ausschank von Glühwein haben besonders schlechte Chancen, kommt es doch äusserst selten vor, dass jemand dieses Geschäft aufgibt. Zudem ist der Glühweinausschank generell limitiert: In Wil auf maximal 40 Prozent der Markthäuschen, in Bischofszell auf 25 Prozent des Gesamtangebotes. Für den Marktchef des St.Galler Weihnachtsmarktes sind bereits zehn Prozent das Maximum: «Mit dem Ausschank auf dem Weihnachtsmarkt möchten wir nicht die umliegenden Restaurants konkurrenzieren», sagt Steffen. Auf dem St.Galler Weihnachtsmarkt gibt es aktuell vier Glühweinstände – einen davon betreibt Steffen selbst.

Guter Gesamtmix

Wer als Neubewerber einen Zuschlag bekommt, hängt vom Sortiment ab. Die grösstmögliche Vielfalt auf dem Weihnachtsmarkt ist das Ziel. «Wir möchten keine Anbieter von Handyhüllen am Weihnachtsmarkt oder sieben Crêpes-Stände», sagen die Organisatoren. «Ein Weihnachtsmarkt ist dann gelungen, wenn der Angebotsmix stimmt», so die Organisatoren unisono. Aber auch die Qualität des Angebots muss stimmen. «Dann bleiben die Konsumenten auch stehen, begutachten die Ware. Und kaufen ab und zu auch etwas», sagt Peter Hutter, Sekretär der Sektion Ostschweiz des Schweizerischen Marktverbandes.

Essen und Trinken bringt Geld

Dass sich mit Essen und Glühwein per se mehr Umsatz machen lässt, als etwa mit selbst gestrickten Mützen oder handgemachten Seifen ist ein offenes Geheimnis. Hutter, mit seiner Confiserie selbst auf vielen Weihnachtsmärkten präsent, bestätigt: «Stände mit Esswaren und Getränken sind sehr gut besucht. Gut läuft es aber auch für Gewürz- und Dufthändler». Sahnen also die alteingesessenen Glühweinverkäufer auf Kosten der Hobby-Bastler und Weihnachtsschmuck-Verkäufer ab? «Sicher macht man mit Glühwein mehr Geschäft. Damit müssen wir leben», sagt Irma-Schläpfer-Schweizer, die seit etlichen Jahren eigene Honig- und Bienenwachsprodukte auf dem Weihnachtsmarkt St.Gallen verkauft. Sie steht hinter ihren Produkten und das strahlt sie auch aus. Der Markt lohne sich aber auch für sie. Sie schätze es, wenn sie ihre Verbundenheit mit Bienen und der Natur im direkten Kontakt weitergeben könne. «Jemandem zu erklären, wie Honig entsteht, freut mich mehr, als wenn ich den ganzen Tag Glühwein ausschenke. Und abends die Besoffenen sehe».

Rolf Schmid verkauft seit den Anfängen des St.Galler Weihnachtsmarkt Felle und Felltiere. Zwar habe sich das Kaufverhalten in den letzen zwanzig Jahren schon verändert. Das Geschäft laufe aber immer noch gut. «Wir profitieren vom Weihnachtsgeld», sagt er. «Im Dezember sitzt das Geld lockerer, als in den anderen Monaten.» Er brauche den Weihnachtsmarkt. Zwischen August und Dezember mache er 80 Prozent seines Jahresumsatzes.

Zustupf für die Vereinskasse

Doch nicht jedem Anbieter geht es in erster Linie um das Geschäft. «Geld verdienen ist relativ», sagt Flury, Marktchef des Frauenfelder Weihnachtsmarktes. «Manche freuen sich einfach, wenn ihr Kunstwerk jemandem gefällt.» Mit den Einnahmen auf dem Weihnachtsmarkt finanzierten sie sich das Material, das sie das Jahr über für ihr Hobby benötigten. Andere besserten ihre Vereinskasse auf. Oder benutzen ihr Präsens als Werbeplattform für ihre Produkte und für ihr Onlinegeschäft.

Quersubventionierung

Damit die Rechnung am Schluss für alle stimmt, erheben die Organisatoren für ein Glühwein- oder Imbisshäuschen deutlich höhere Standgebühren, als für die sonstigen Marktstände. Dadurch erfolgt letztlich eine Art Quersubventionierung der Kunstschaffenden durch die Glühwein- und Imbissverkäufer. Bei einem Weihnachtsmarkt seien alle aufeinander angewiesen, so Flury. Es sei ein Geben und Nehmen. «Schliesslich brauche es für die Atmosphäre sowohl Glühwein und Marroni als auch Kunsthandwerk und originelle Weihnachtsgeschenke. «Im Grunde genommen lebt der Weihnachtsmarkt von all den Hobbykünstlern und jenen, die sich das ganze Jahr hindurch mit Idealismus und Leidenschaft ihrem Hobby widmen», sagt Stefan Sieber, Marktchef vom Wiler Weihnachtsmarkt.

Alles über Glühwein, was Sie wissen müssen

Dass Glühwein rascher ins Blut geht und schneller betrunken macht, liegt an der Erhitzung: Durch die Erwärmung verdampft der flüchtige Alkohol und wird direkt eingeatmet. Über die Lunge gelangt er sofort in die Blutbahn. Beim Trinken von Rotwein hingegen gelangt der Alkohol über Magen und Leber langsamer ins Blut. Zudem wird er über diese Organe zum Teil bereits abgebaut, so dass er auch in geringerer Konzentration ins Blut gelangt.

Heute ist Glühwein kein geschützter Begriff. Im neuen Lebensmittelrecht, das seit 2017 gilt, existiert keine Definition für Glühwein. «Was als Glühwein verkauft wird, ist daher ein weites Feld», sagt Pius Kölbener, Kantons-Chemiker des Kantons St.Gallen. Die einzigen Vorgaben sind, dass der Konsument nicht getäuscht werden darf und dass der Glühwein keine gesundheitsgefährdenden Stoffe enthält. «Glühwein muss Wein enthalten und geglüht, also erhitzt sein», so der Kantons-Chemiker. Was der Glühwein ausser Wein sonst alles enthält, wie viel Zucker oder andere Süssstoffe, Gewürze oder Hochprozentiges bleibt das Geheimnis des einzelnen Anbieters. Industriell vorproduzierter Glühwein kann sein Aroma von Gewürzen wie Zimt, Nelken, Sternanis und Koriander oder durch standardisierte Aromastoffe enthalten.

Auch zum Alkoholgehalt existieren keine Bestimmungen, ausser, dass der enthaltene Alkohol mehrheitlich vom Wein stammen muss. Der Alkoholgehalt liegt zwischen 7 und 14 Prozent. Bei Glühwein handele es sich meist um billigen Wein, der für deutlich weniger als 50 Cent pro Liter (Insiderschätzungen) in Italien oder Spanien eingekauft, mit Gewürzen fragwürdiger Herkunft und Industriezucker angereichert wird, wie das Deutsche Handelsblatt diese Woche schreibt. (uw)

Die Wunderwelt von Weihnachten entdecken

Sie gehören wie das Amen in der Kirche zum Kanon der schönen, lieb gewonnenen Traditionen: die Weihnachtsmärkte. Auch in unserer Region gibt es etliche. Und einige davon sind wunderschön. Wie beispielsweise jene in Wil und Rickenbach.
Christof Lampart