«So konnten und wollten wir nicht mehr auftreten»: Findet die fünfte Jahreszeit in der Ostschweiz bald ohne Guggenmusiken statt?

«So konnten und wollten wir nicht mehr auftreten»: Findet die fünfte Jahreszeit in der Ostschweiz bald ohne Guggenmusiken statt?

Bild: Urs Bucher

Vermehrt ist die Rede von einem Fasnachts- beziehungsweise Guggensterben. Während sich in Rorschach schon einige Guggen auflösen mussten, bleibt die Mitgliederzahl bei den Vereinigten Guggen St.Gallen konstant.

Eva Wenaweser
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«Es fehlt an Nachwuchs bei den Guggern.» So betitelt das «Liechtensteiner Vaterland» einen Artikel vom 14. Januar. Es sei im Rheintal und im Liechtenstein immer schwieriger geworden, neue Leute für die Guggenmusik zu begeistern. Ist das überall in der Region so? Bereits vor einigen Jahren war die Problematik ein Gesprächsthema. Ist es gleich geblieben oder schlimmer geworden? Laut der Internetseite fasnacht-portal.ch gibt es zurzeit 56 Guggenmusiken in der Ostschweiz. Wie lange noch?

Röräheizär Rorschach: Dieses Jahr mehr Neumitglieder als sonst

Simon Mayr, Präsident der Guggämusik Röräheizär aus Rorschach.

Simon Mayr, Präsident der Guggämusik Röräheizär aus Rorschach.

Bild: PD

Simon Mayr ist Präsident von der Guggämusik «Röräheizär» aus Rorschach und bereits seit 16 Jahren dabei. Laut Mayr hatten sie in den vergangenen Jahren durchschnittlich immer etwa 30 Mitglieder. «Vor ein paar Jahren gab es einen Generationswechsel. Allerdings hatten wir das Glück, dass es zu einer Zeit war, in der man noch besser Mitglieder für den Verein gefunden hatte.» Dieses Jahr sei mit drei Neumitgliedern ein gutes Jahr.

«Wir konnten die drei Austritte der vergangenen Saison so wieder kompensieren. Sonst schwankt die Zahl der Neueintritte zwischen null und eins.»

«Meiner Meinung nach gibt es definitiv ein Guggensterben», sagt Mayr. Mittlerweile seien sie die einzige Guggenmusik in Rorschach. «Innerhalb sehr kurzer Zeit mussten sich vier Guggen aus Rorschach auflösen.» Als Grund dafür sieht Mayr, dass viele Leute die Guggenmusik nur nach Klischees beurteilen. «Daher darf bei uns jeder unverbindlich mitkommen und sich selber ein Bild machen, wie wir die Fasnacht leben.» In Alarmbereitschaft seien sie als Verein auf jeden Fall, aber sie würden nicht zwanghaft nach Neumitgliedern suchen.

«Es ist die beste Werbung, wenn wir in der Nähe auftreten und so für uns werben.»

Laut Mayr sind die verschiedenen Register noch gut besetzt. Somit könne man in dieser Form weiterhin gut auftreten. Problematisch werde es dann, wenn – wie dieses Jahr – vier Dispensen dazukommen und noch unerwartet Leute bei den Auftritten fehlen.

Die «Röhräheizär» aus Rorschach mit ihrem aktuellen Motto «It's magic».

Die «Röhräheizär» aus Rorschach mit ihrem aktuellen Motto «It's magic».

Bild: PD

Arbor Felix Hüüler: Mitgliederzahl innert zehn Jahren fast halbiert

René Bacher, Tourmanager der Arbor Felix Hüüler aus Arbon.

René Bacher, Tourmanager der Arbor Felix Hüüler aus Arbon.

Bild: PD

Alles in allem ist René Bacher bereits seit rund 24 Jahren in der Guggenmusik. Die letzten zehn Jahre davon auf der Posaune bei den «Arbor Felix Hüüler» – dort ist er zusätzlich auch noch für das Tourenmanagement verantwortlich. Auch seiner Meinung nach gebe es «leider auf jeden Fall» ein Guggensterben. Bacher erinnert sich daran zurück, als er vor zehn Jahren zu den «Arbon Felix Hüülern» dazugekommen ist.

«Damals hatten wir 50 Mitglieder, jetzt sind es 26.»

Mit einem Mal seien viele Mitglieder gegangen. Aber nicht weil es etwa Streit gegeben hätte. «Es hat ein Generationenwechsel stattgefunden und Kollegencliquen, die zusammen gegangen sind», sagt Bacher. Mit den ganzen Dispensen und den jeweiligen Abmeldungen für Auftritte aus anderen Gründen, seien sie aber immer noch etwa 20 Leute wenn sie auftreten. «Mit allem über 15 können wir gut auftreten.» In jedem Register gebe es Mitglieder, die tragend seien und so funktioniere das dann auch immer recht gut.

Die kleine Anzahl an Aktivmitgliedern habe auch seine Vorteile: «Der Zusammenhalt im Verein ist sehr gut. Jeder wird gebraucht und alle ziehen an einem Strang.» Vereinsintern gebe es aber vermehrt Diskussionen darüber, wie wichtig es wäre, aktiver Werbung zu machen. Allenfalls müsse man dann auch auf Ressourcen zurückgreifen, die man in der Vergangenheit vernachlässigt habe. Wie beispielsweise bei anderen Musikvereinen aktiver anzufragen.

«Der Vorteil ist, dass diese Leute bereits eine musikalische Ausbildung haben.»

Ein Nachteil seien aber sicher die Proben, die sie dann zusätzlich zu den Musikproben auch noch mit der Guggenmusik hätten. «Über Lösungsvorschläge dazu sind wir noch im Gespräch.»

Vereine für junge Leute oft mit zu viel Aufwand verbunden

Laut Bacher sind viele junge Leute nicht mehr bereit, so viel in einen Verein zu investieren wie es früher der Fall war. Oft sei es den Leuten auch nicht bewusst, wie viel zum Vereinsleben dazugehört – die Proben, die Kosten, Veranstaltungen während der Fasnacht und auch sonst.

«Den Spass während der Fasnacht hätten alle gerne, aber der Aufwand, der zu einem Verein dazugehört, ist für die meisten zu viel.»

Auch bei der Hüülernacht, welche die «Arbor Felix Hüüler» jedes Jahr organisieren seien die Besucherzahlen rückläufig. «Anfangs hatten wir uns 1000 zahlende Besucher zum Ziel gesetzt.» In den ersten Jahren sei dieses Ziel auch immer mehr oder weniger erreicht worden. Mittlerweile bewegt man sich aber laut Bacher zwischen immer noch erfreulichen 300 bis 400 zahlenden Gästen, dazu jeweils zehn bis zwölf Gastguggen. Dafür sei die Kinderfasnacht, die sie seit drei Jahren wieder organisieren, immer sehr gut besucht.

So sind die «Arbor Felix Hüüler» aus Arbon dieses Jahr unterwegs.

So sind die «Arbor Felix Hüüler» aus Arbon dieses Jahr unterwegs.

Bild: PD

Tüüfner Südwörscht: «Das Generationenverhalten hat sich verändert.»

Nicolas Steiner, Mitglied der Tüüfner Südwörscht und im Vorstand der Vereinigten Guggen St.Gallen.

Nicolas Steiner, Mitglied der Tüüfner Südwörscht und im Vorstand der Vereinigten Guggen St.Gallen.

Bild: PD

Nicolas Steiner ist gleich doppelt in der Guggenmusikwelt verankert. Zum einen ist er im Vorstand der «Vereinigten Guggen St.Gallen» und zum andern ist er Mitglied der «Tüüfner Südwörscht». Bereits seit 25 Jahren ist er ein begeisterter Gugger und teilt diese Leidenschaft auch mit seiner Frau. «Es ist nochmal eine andere Situation, dass wir beide in der gleichen Guggenmusik sind. Jedes Mal einen Babysitter zu finden, ist nicht einfach, obwohl uns die Familie enorm unterstützt.»

Die «Tüüfner Südwörscht» zählen momentan 25 Mitglieder und hatten in der Vergangenheit auch mit Austrittswellen zu kämpfen. Generell von einem Guggensterben möchte Steiner aber nicht sprechen.

«Die Guggenmusiken machen einen Wandel durch.»

Dies sei aber auch in Sport-, Musik- und anderen Freizeitvereinen der Fall. Das habe mit dem Generationenverhalten zu tun. «Ich meine das überhaupt nicht wertend, aber die Interessen sind einfach nicht mehr die gleichen.» Die Millennials wollten sich häufig nicht verpflichten und ihre Freiheiten geniessen.

Laut Steiner funktioniert auch bei ihnen die Mund-zu-Mund-Propaganda am besten. Die Neumitglieder seien häufig Leute, die schon jemanden in der Guggenmusik kennen.

«Das ist auch für sie einfacher. Wenn man alleine neu in einer Gugge ist, kann das beängstigend sein. Man kennt noch niemanden und muss allenfalls noch ein Instrument lernen.»

Als Dorfgugge ist eine Anzahl ihrer Auftritt bereits gesetzt, wie beispielsweise in den Schulen und dem Altersheim. «Es ist immer wieder schön zu sehen, wie sehr sich dieses Publikum über unsere Auftritte freut», sagt Steiner.

So sind die «Tüüfner Südwörscht» in dieser Saison anzutreffen.

So sind die «Tüüfner Südwörscht» in dieser Saison anzutreffen.

Bild: PD

Vereinigte Guggen St.Gallen: Konstante Mitgliederzahlen

Als Vorstandsmitglied der Vereinigten Guggen St.Gallen, welche dieses Jahr bereits ihr 30-jähriges Jubiläum feiern, sehe Steiner sowieso nichts von einem Guggensterben. «Die Mitgliederzahl bleibt eigentlich immer stabil bei 30.» Natürlich gebe es solche, die irgendwann nicht mehr existieren, aber dann kämen neue nach. Dadurch, dass sie ein relativ grosses Einzugsgebiet repräsentieren, sei es aber auch etwas anderes, als wenn man nur von einem Dorf oder einer Stadt spreche.

Auflösung der Rorschacher Gassärassler

Severin Piller, ehemaliger Präsident der Gassärassler aus Rorschach.

Severin Piller, ehemaliger Präsident der Gassärassler aus Rorschach.

Bild: PD

Einer, der auf jeden Fall ein Lied vom Guggensterben singen kann, ist Severin Piller, der ehemalige Präsident der «Rorschacher Gassärassler». Ehemalig darum, weil sich diese Guggenmusik im vergangenen Jahr auflösen musste. Das hat sie am 11.11.2019 bekanntgegeben. Piller hat bei den «Gassärasslern» Posaune gespielt. «Als ich vor zwanzig Jahren angefangen hatte, gab es noch fünf Guggen im Rorschach», sagt Piller. Normalerweise seien sie mit 40 bis 50 Mitglieder aufgetreten, doch am Ende waren sie gerade noch 12 Mitglieder.

«So konnten und wollten wir nicht mehr auftreten.»

Schliesslich sei man sich vereinsintern einig gewesen, dass es so keinen Sinn mehr ergebe. Man habe in den vergangenen Jahren generell die meisten Entscheidungen mit der Mehrheit des Vereins zusammen getroffen – so nun auch diese: «Es war allen bewusst, dass wir so nicht weitermachen können.» Er wolle aber nicht direkt von einem Guggensterben reden.

«Es ist ein regionales Phänomen.»

In Luzern sei es zum Beispiel ganz anders: «Da ist in vielen Fällen die ganze Familie im gleichen Verein, dann hört man nicht so schnell auf. Oder zumindest kommt man nach einer Dispens eher wieder, als es bei uns der Fall ist», sagt Piller. Allgemein sei Guggenmusik dort kulturell anders verankert.

Gemeinsame Ausflüge gibt es nach wie vor

Doch obwohl die «Gassärassler» die Fasnacht nicht mehr zusammen bestreiten, mache der Kern der letzten Mitgliedern immer noch Ausflüge zusammen. Laut Piller sei man wie eine kleine Familie. «In einer Guggenmusik ist es allgemein anders als beispielsweise in einem Fussballverein.» Man sei sehr mit dem Verein verbunden und ein Wechsel zu einer anderen Guggenmusik gebe es sehr selten.

«Natürlich war das mit der Situation in unserem Verein ein bisschen anders. »

Einige der Mitglieder haben laut Piller nach der Auflösung in eine andere Guggenmusik gewechselt. «Wir wollten aber auch allen die Freiheit lassen, unter diesen Umständen den Verein zu wechseln.» Schliesslich sei es etwas anderes, wenn man den Verein wechsle, weil man keine andere Wahl habe.

Mit einem «Jein» beantwortet Piller die Frage, ob er die Guggenmusik vermisse. In der letzten Zeit sei der Aufwand im Verein eher gewachsen, weil wegen der sinkenden Mitgliederzahlen jeder noch mehr machen musste. Und schliesslich sehe man sich immer noch bei den Ausflügen.

Die «Gassärassler» aus Rorschach.

Die «Gassärassler» aus Rorschach.

Bild: PD