«So etwas habe ich noch nie erlebt»: Ostschweizer Bademeister arbeiten für ihre Gäste – ohne zu wissen, ob die Saison wegen Corona ins Wasser fällt

Becken putzen, Garderobenkästchen flicken, Wasser einlaufen lassen: Die Bademeister in der Ostschweiz bereiten sich auf die Eröffnung vor, wie wenn es keine Coronakrise gäbe. Doch ob und wenn ja wann die Badis aufmachen, ist völlig unklar.

Daniel Walt
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«Es ist tragisch, diese Badi ist alles für mich»: Vuko Ratkovic, Bademeister im Schwimmbad Wattwil.

«Es ist tragisch, diese Badi ist alles für mich»: Vuko Ratkovic, Bademeister im Schwimmbad Wattwil.

Bild: Michel Canonica

Seit 28 Jahren ist Vuko Ratkovic Bademeister im Schwimmbad Wattwil. «Doch so etwas habe ich noch nie erlebt», sagt er. Am 1. Mai sollte Ratkovic eigentlich in seine zweitletzte Saison in der Wattwiler Badi starten. Doch aufgrund der Coronakrise ist derzeit völlig unklar, ob und wenn ja wann die Ostschweizer Schwimmbäder ihre Türen öffnen können. 

Trotz der Ungewissheit: Seit Ende März ist Vuko Ratkovic damit beschäftigt, das Wattwiler Schwimmbad zu reinigen und zu desinfizieren. Auch Reparaturarbeiten stehen auf seinem Tagesplan:

22 Bilder

¨Bild: Michel Canonica

Der einzige Unterschied zu den vergangenen Jahren: Die Hilfskraft, welche Ratkovic normalerweise zur Hand geht, fehlt. «Dies, weil wir derzeit nicht davon ausgehen, am 1. Mai tatsächlich in die Saison starten zu können. Von daher pressiert es nicht so», sagt er. Man werde sich aber auf jeden Fall so vorbereiten, dass man innerhalb weniger Tage öffnen könne, wenn es dann tatsächlich soweit sei.

«Es ist tragisch, diese Badi ist alles für mich»

Geht die Wattwiler Badi überhaupt auf? Und wenn ja, wann? Trifft Vuko Ratkovic zufällig Stammgäste, wird er immer wieder mit denselben Fragen konfrontiert. Ohne darauf freilich Antworten zu haben. «Es ist tragisch, diese Badi ist alles für mich», fasst er seine persönliche Stimmungslage zusammen. Doch die Gesundheit gehe selbstverständlich vor.

Mit dem Gedanken, dass es dieses Jahr vielleicht gar keine Badesaison geben könnte, will sich Ratkovic derzeit noch gar nicht gross beschäftigen. «Hoffentlich kommt es nicht so – aber man weiss es nicht. Möglich ist es», sagt er.

Stadt St.Gallen: Noch kein Aboverkauf

Roland Hofer, Leiter Bad- und Eisanlagen bei der Stadt St.Gallen.

Roland Hofer, Leiter Bad- und Eisanlagen bei der Stadt St.Gallen.

Bild: Benjamin Manser

«Wir bleiben ruhig und machen unsere Arbeit»: Das sagt Roland Hofer, Leiter Bad- und Eisanlagen bei der Stadt St.Gallen, zur ungewissen Situation rund um die Freibäder. Derzeit laufen erste Reinigungs- und Instandhaltungsarbeiten. Das Ziel: Die Badis sind am Samstag, 9. Mai, bereit, wenn sie theoretisch öffnen sollten.

Vorerst noch nicht gestartet wurde hingegen der Verkauf von Badi-Abonnements. «Damit warten wir zu, und zwar bis bekannt ist, wann die Sport- und Freizeitanlagen wieder geöffnet werden dürfen», sagt Roland Hofer.

Wann wieder? Eine Fahrt auf der Rutsche im St.Galler Lerchenfeld.

Wann wieder? Eine Fahrt auf der Rutsche im St.Galler Lerchenfeld.

Archivbild: Ralph Ribi

Was, wenn sich die St.Galler Badesaison nach hinten verschiebt oder dieses Jahr sogar ganz ins Wasser fällt? Dann stehen die Mitarbeitenden der Schwimmbäder anderen städtischen Dienststellen zur Verfügung. «Falls dort kein oder nur wenig Bedarf besteht, suchen wir für das Personal nach anderen sinnvollen Beschäftigungen», sagt Roland Hofer.

Bei einem Totalausfall der Badesaison droht mehr Defizit

Noch ist es bloss ein Schreckgespenst. Doch je nach Entwicklung an der Coronafront droht den Ostschweizinnen und Ostschweizern ein Sommer ohne Badibesuch. Das wäre für das Schwimmbad Appenzell gleichbedeutend mit einem grösseren Defizit, als es ohnehin schon die Regel ist – Bademeister Karl Inauen: «Es entstünden zwar tiefere Kosten beim Einsatz von Chemikalien sowie beim Stromverbrauch. Aber auch ohne Badebetrieb fallen viele Kosten an – so zum Beispiel für Servicearbeiten an Anlagen, die teils bereits erledigt worden sind.»

Roland Hofer, Leiter Bad- und Eisanlagen bei der Stadt St.Gallen, sagt: «Bei den Freibädern handelt es sich grundsätzlich um defizitäre Betriebe. Im Wesentlichen würden natürlich die Einnahmen aus Eintritten und Vermietungen wegfallen.» Beziffern liessen sich die Ausfälle, die bei einer kompletten Streichung der Badesaison anfallen würden, derzeit nicht, so Hofer.

Rolf Müller von der Stadt Romanshorn sagt zur Kostenfrage: «Sie steht für uns derzeit nicht im Vordergrund. Wir sind mit einer Pandemie konfrontiert, und die Stadt Romanshorn kooperiert bestmöglich. Mit den finanziellen Folgen beschäftigen wir uns dann, wenn sie da sind.» (dwa)

Appenzell: Die Hoffnung stirbt zuletzt

«Ich bin ein Optimist», sagt Karl Inauen. Er hat im Sprungbecken der Badi Appenzell das Wasser der letzten Saison abgelassen. Viel Laub habe sich im Becken befunden, und Frösche hätten sogar gelaicht, sagt der Bademeister. Von daher sei es höchste Zeit, dass die Becken nun gereinigt und mit frischem Wasser gefüllt würden. Denn zu lange leer sollten sie laut den Vorgaben der Hersteller nicht sein. 

Karl Inauen, Bademeister in Appenzell.

Karl Inauen, Bademeister in Appenzell.

Bild: pd

Ob und wenn ja wann sich die Appenzellerinnen und Appenzeller dieses Jahr ins kühle Nass stürzen können, steht aufgrund der Coronakrise in den Sternen. Karl Inauen sagt dazu: «Ich weiss nicht, ob wir in der Schweiz bezüglich der Coronamassnahmen wirklich so weit gehen mussten. Wenn sich die Bevölkerung aber weiterhin an die Vorgaben des Bundesrates hält, könnte es mit der Eröffnung am 9. Mai klappen.»

Kurs wegen neuem Kassensystem verschoben

Auch abgesehen vom Reinigen der Becken und dem Auffüllen mit frischem Wasser herrscht in der Appenzeller Badi Normalbetrieb: Der für Anfang Mai vorgesehene Saisonabo-Verkauf soll wie geplant stattfinden, und die Dienstpläne für das Personal stehen. Einzig ein Kurs wegen der Einführung eines neuen Kassensystems wurde verschoben, und die Badeaufsichten der Schweizerischen Lebensrettungs-Gesellschaft sollen erst im Juni statt wie geplant bereits im Mai zum Einsatz kommen. 

Blick in die Appenzeller Badi.

Blick in die Appenzeller Badi.

Archivbild: Roger Fuchs

Was, wenn es trotz Karl Inauens Optimismus doch nicht am 9. Mai, sondern erst später losgeht? «Dann drosseln wir vorläufig den Einsatz von Chemikalien sowie die Pumpenleistung. Sobald grünes Licht kommt, sind wir aber innert weniger Tage betriebsbereit.» Sollte Corona den Appenzeller Badesommer vollständig verhindern, würde Karl Inauen wie jeweils den Winter über im Appenzeller Ordnungsdienst arbeiten und auch für andere Verwaltungsarbeiten eingesetzt. Kontrollgänge in seiner Badi müsste er auch ohne Gäste weiterhin erledigen.

Romanshorn: «Einen Sololauf wird es nicht geben»

Rolf Müller, Kommunikationsverantwortlicher der Stadt Romanshorn.

Rolf Müller, Kommunikationsverantwortlicher der Stadt Romanshorn.

Bild: pd

Am 1. Mai würde das Romanshorner Seebad seine Tore öffnen. «Dieses Datum ist nicht realistisch, weshalb wir die Seebad-Eröffnung auf unbestimmte Zeit verschoben haben», sagt Rolf Müller, Kommunikationsverantwortlicher der Stadt. Trotzdem nehmen auch in der Hafenstadt-Badi die Unterhalts- und Pflegearbeiten ihren gewohnten Gang. Die Stadt wolle das Seebad möglichst bald öffnen, wenn es unter Berücksichtigung der Coronalage und der Bundesvorgaben möglich sei, so Müller. Er betont allerdings:

«Einen Sololauf wird es nicht geben. Die Sicherheit geht vor, zumal in einer Badi viele Leute zusammenkommen.»

Der Saisonabo-Verkauf wurde in Romanshorn vor einiger Zeit gestartet –und wegen Corona bislang nicht gestoppt. Die Schalter der Stadtverwaltung könnten aktuell ohnehin bloss auf Voranmeldung aufgesucht werden, sagt Müller. Auch deshalb geht er nicht davon aus, dass der Kauf eines Badi-Abos im Moment ein Thema für die Menschen ist – «sie haben andere Sorgen».

Derzeit undenkbar: Hochbetrieb im Romanshorner Seebad.

Derzeit undenkbar: Hochbetrieb im Romanshorner Seebad.

Archivbild: Reto Martin
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