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«Wir duschen und benutzen Zahnbürsten»: Sinti und ihr Kampf gegen Vorurteile – ein Besuch in Wil

Mit einer Wanderausstellung über ihre Geschichte und Kultur wollen die Sinti sichtbarer werden. Doch der Kampf um mehr Anerkennung und Akzeptanz ist noch lange nicht ausgestanden, wie ein Besuch auf dem Platz in Wil zeigt.
Janina Gehrig
Mit ihrer Ausstellung erhoffen sie sich mehr Akzeptanz bei der sesshaften Bevölkerung. Die Sinti Romilda Lehmann (am Tisch in der Mitte) und ihre Verwandten in ihrem Haus auf dem Standplatz in Wil. (Bild: Thomas Hary)

Mit ihrer Ausstellung erhoffen sie sich mehr Akzeptanz bei der sesshaften Bevölkerung. Die Sinti Romilda Lehmann (am Tisch in der Mitte) und ihre Verwandten in ihrem Haus auf dem Standplatz in Wil. (Bild: Thomas Hary)

Dies ist ein Artikel der «Ostschweiz am Sonntag». Die ganze Ausgabe lesen Sie hier.

4745. Die Nummer, mit blauer Tinte in die Haut geritzt, ist noch immer gut lesbar. Die betagte Frau zieht ihre Jackenärmel wieder zurecht. Sie erzählt von den toten Kindern, die wie Holzscheite aufeinanderlagen. Ihre Stimme bricht. Dann redet sie weiter, erzählt, wie sie mit ansehen musste, wie Wächter des Konzentrationslagers Auschwitz ihre Mutter totknüppelten.

Romilda Lehmann steht im Ausstellungsraum neben dem Bildschirm, der den Filmausschnitt mit ihrer Grossmutter zeigt. Lehmann hat ihn schon mehrmals gesehen. Jedes Mal treibt es ihr die Tränen in die Augen. «Der Schmerz ist bei uns», sagt die Sintezza. Und: «Ein Fluch lastet auf uns.»

Vor zwei Jahren als Minderheit mit eigenem Namen anerkannt

Kurz zuvor hat Romilda Lehmann in ihr Haus geladen, wo sie während der Wintermonate mit ihrer Familie lebt. Es ist eines von elf Fahrnisbauten auf dem Standplatz hinter der Abwasserreinigungsanlage in Wil. Eine Heizung auf Rollen wärmt das Wohnzimmer, in dem sich drei ihrer acht Geschwister, der Schwager und einer ihrer Söhne versammelt haben.

Der Fernseher läuft, in den Vitrinen stehen Kerzen, Plastikblumen und fein säuberlich gestapelte Porzellantassen. In der Ecke breitet eine Marienstatue ihre Hände aus, als würde sie über sie alle wachen.

Vieles, was ihrer Grossmutter und anderen Verwandten widerfahren ist, weiss Lehmann erst seit kurzem. Zwei Jahre ist es her, dass ihrem Volk der Name zurückgegeben wurde. 2016 hat Bundesrat Alain Berset die Sinti, aber auch die Jenischen offiziell als Minderheiten anerkannt. Zwar gelten die Völker schon länger als anerkannte Minderheiten, aber nur unter dem Sammelbegriff «Fahrende», der eine Mehrheit der mittlerweile sesshaften Jenischen und Sinti ausschliesst.

Eugen Reinhardt, der sich zu Lehmann an den Tisch gesetzt hat, sagt:

«Für diese Anerkennung haben wir jahrelang gekämpft.»

«Es war wie ein Wunder», sagt Lehmann, und lächelt. Und es war der Startschuss dafür, sich zu öffnen. Die Sinti gründeten einen eigenen Verein und stellten die Wanderausstellung «Latscho Diwes» auf die Beine, die derzeit in Wil Halt macht.

«Wir sind stolz darauf»

Für die Ausstellung setzten sie sich in den Sommermonaten, während derer sie mit ihren Wohnwagen durch die Schweiz reisten, immer wieder an die Campingtische. In stundenlanger Arbeit brachten sie, die teils nie eine Schule besucht haben, ihre Geschichte, Kultur und ihre Traditionen auf Papier und schliesslich auf Plakatwände.

«Die Ausstellung ist etwas Grosses für uns. Wir sind stolz darauf», sagt Romilda Lehmann. Der Prozess habe ihnen Kraft gegeben, sie aber auch traurig gemacht. Sie deutet auf das Bild ihres Grossvaters, das neben einer Geige an der Wand hängt. Dessen Familie sei fast gänzlich ausgelöscht worden.

Pfarrer verweigert Taufe

«Wir wollten schon immer vogelfrei sein. Aber Rehe, Hasen und Zigeuner durfte man schiessen», sagt Eugen Reinhardt. Und dann erzählen sie, die sich mittlerweile alle um den Tisch versammelt haben. Jeder hat eine eigene Geschichte über Vorurteile und Ausgrenzung parat. Bis heute halten diese an. Da ist der Ladendetektiv, der ihr folgt, wenn sie einkaufen geht. Da sind die Nachbarskinder, die Schneebälle ans Fenster werfen, die Schulkinder, die ihre Jacken aus Angst vor Läusen nicht an die gleichen Haken hängen.

Da ist der Bauer, der ihnen nach einem Halt auf seiner Wiese positiv überrascht erklärt: «Ich hätte gar nicht gedacht, dass ihr so seid.» Da ist der Pfarrer, der eines ihrer Enkelkinder nicht taufen will. Da sind die Fragen auf der Behörde, oder die Feststellung «Ah, Sie sind ein Zigeuner».

Das Gefühl, sich rechtfertigen zu müssen, sitzt tief. «Wir sind Menschen wie andere auch», sagt Lehmann. «Wir duschen und benutzen Zahnbürsten», sagt Ruth Reinhardt, und dann, eher ungläubig, zu sich selbst: «Dass wir das noch immer sagen müssen.»

Ihre Geschichte steht in keinem Schulbuch

Der Kampf um Anerkennung ist noch nicht zu Ende. Noch immer steht die Geschichte von Jenischen, Sinti und Roma in keinem Schulbuch der Volksschule. Und es bleibt der Kampf um Plätze. Gerade in der Ostschweiz hat sich trotz Vorgaben des Bundes in den letzten zwölf Jahren nichts getan. Es fehlt an Durchgangsplätzen, auf denen die Fahrenden zwischen April und September halten können. Der Standplatz in Wil ist zu klein, um allen Familien als Winterquartier zu dienen.

Ruth Reinhardt sagt, sie habe mit ihren Kindern in eine Wohnung ziehen müssen. «Zwangssesshaft» nennt sie das. Die Miete sei dreimal so hoch wie jene des Standplatzes. Deshalb sei sie nun auf Sozialhilfe angewiesen, was für eine Sintezza «die grösste Schande» sei. Reinhardt geht für eine Zigarette raus. Eine andere Schwester setzt sich auf ihren Stuhl.

Zusammenhalt als grösster Reichtum

Nun hat Lehmann, die Älteste, wieder das Wort. Sie sagt, mit der Ausstellung würden sie das Leben anderer Sinti erleichtern. Man wolle sich nicht weiter verstecken. Mittlerweile ist ein kleines Mädchen zur Runde im Wohnzimmer gestossen. «Unsere Jungen sollen eine Zukunft haben», sagt Lehmann. Ihr grösster Reichtum sei ohnehin der Zusammenhalt. Abends, wenn sie um ein Feuer zusammensitzen, tauschen sie sich darüber aus, was sie an diesem Tag mit dem Scheren- und Messerschleifen, dem Altmetallhandel und Handwerkerarbeiten verdient haben. «Wenn es bei mir weniger war, gehe ich zu meiner Tante essen», sagt Lehmann und lacht.

«Wir bleiben immer das, was wir sind. Nicht für ­einen Königstitel würden wir tauschen wollen.» Einer ihrer Söhne steht hinter ihr, zupft ihr das Kleid zurecht.

«Latscho Diwes» – Sinti, die unbekannteste Minderheit der Schweiz
Wanderausstellung in der «Zwischennutzung Hof zu Wil», noch bis
22. November, 10 bis 18 Uhr. www.sinti-schweiz.ch

Sinti, Jenische und Roma

In der Schweiz gibt es nur wenige Tausend Sinti. Sie gehören damit zur kleinsten und wohl unbekanntesten Minderheit. Wie auch die Roma sind sie ursprünglich von Indien aus westwärts gewandert. Während sich die Roma überwiegend in Osteuropa und im Balkan niederliessen, sind die Sinti (in der Westschweiz Manouches) seit dem 15. Jahrhundert in Westeuropa heimisch. Die Sinti haben ihre Sprache (Sintitikes oder Romenes) den jeweiligen Landessprachen angepasst. Die meisten sind der fahrenden Lebensweise treu geblieben: Sie sind im Sommer mit dem Wohnwagen unterwegs, im Winter leben sie auf einem Standplatz. Das verbindet sie mit den Jenischen, von denen rund 35'000 in der Schweiz leben, deren Mehrheit jedoch sesshaft ist.

Die Geschichte der Roma, Sinti und Jenischen in Europa ist geprägt von Unterdrückung und Verfolgung. 1911 führte der Bund ein nationales «Zigeunerregister» ein. Bis in die 1970er-Jahre haben die Schweizer Behörden versucht, die Fahrenden sesshaft zu machen, indem sie ihnen die Kinder wegnahmen. Zwischen 1935 und 1945 wurden 1,5 Millionen Sinti und Roma in den Konzentrationslagern der Nazis ermordet. (jan)

Plätze scheitern am Widerstand der Bevölkerung

1995 trat die Schweiz dem Rahmenübereinkommen des Europarats zum Schutz nationaler Minderheiten bei. Im Zuge dessen anerkannte die Schweiz die Jenischen und Sinti als eine nationale Minderheit – unabhängig davon, ob sie fahrend oder sesshaft leben. Damit hat sich der Bund auch verpflichtet, die für die nomadische Lebensweise erforderlichen Stand- und Durchgangsplätze zu schaffen und die Lebensbedingungen der kulturellen Minderheiten zu verbessern.

Immer wieder scheitern die Pläne jedoch am Widerstand der Bevölkerung. So hat die Zahl der Plätze in den letzten Jahren ab- statt zugenommen. Im Kanton St.Gallen gibt es vier Standplätze (Uznach, St.Gallen, zwei in Wil), auf denen die Fahrenden während der Wintermonate leben. Erforderlich wäre ein weiterer, sagt Simon Röthlisberger, Geschäftsführer der Stiftung Zukunft für Schweizer Fahrende. Gemäss Vorgaben des Bundes müsste der Kanton zudem seit 2006 sechs Durchgangsplätze für die Reisezeit im Sommer zur Verfügung stellen. Bis heute gibt es keinen. In Thal und Gossau scheiterten die geplanten Plätze an der Urne. Dass man es nicht fertigbringe, Durchgangsplätze zu schaffen, hat der abtretende Kantonsplaner Ueli Strauss vergangene Woche als Frust bezeichnet. «Mich ärgern diese Vorurteile gegenüber den Fahrenden», sagte er, der sich jahrelang für das Anliegen engagiert hatte.

Im Thurgau gibt es zwar Durchgangsplätze in Frauenfeld und Weinfelden, jedoch keinen einzigen Standplatz. Grössere Transitplätze für ausländische Fahrende (Roma) fehlen in der Ostschweiz gänzlich. Zur fahrenden Lebensweise gehören auch Spontanhalte auf Wiesen von Bauern, die den Jenischen und Sinti Gastrecht gewähren. «Die Fahrenden sind darauf angewiesen, dort halten zu können, wo sie ihre Kunden haben. Auf regionaler Ebene wird ihnen dies aber zunehmend erschwert, indem Gemeinden etwa Campingverbote erlassen», sagt Röthlisberger. Er spricht von einer «besorgniserregenden Tendenz». (jan)

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