Interview
Sind Kinder derzeit besonders von Gewalt betroffen? – Zwei Ostschweizer Experten über das Familienleben in Zeiten von Corona

Josef Laimbacher, Chefarzt Ostschweizer Kinderspital, und André Baeriswyl, Leiter Beratungsstelle Kinderschutzzentrum, über das Familienleben in Zeiten von Corona, die Angst vor Einmischung und rote Zeiten.

Regula Weik
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Hielten im Gespräch die sichere Distanz an: Josef Leimbacher (links) und André Baeriswyl.

Hielten im Gespräch die sichere Distanz an: Josef Leimbacher (links) und André Baeriswyl.

Bild: Ralph Ribi

Die Stube wird zum Schulzimmer, der Esszimmertisch zum Büropult. Birgt das Zusammenrücken, das Leben auf engem Raum Gefahren?

André Baeriswyl: Nicht grundsätzlich. Viele Familien managen die neue Situation gut und finden Lösungen, wie sie das ungewohnt häufige Zusammensein konfliktfrei organisieren.

Josef Laimbacher: Es sind vielmehr zusätzliche Belastungen wie finanzielle Not, Angst um den Arbeitsplatz oder generelle Zukunftsängste, die zu Stress und Spannungen führen können. Diese Unsicherheiten der Eltern können sich auf die Kinder übertragen.

Sind Kinder derzeit gefährdeter?

Josef Laimbacher: Das lässt sich so pauschal nicht sagen. Es kommt stark auf die Familienkonstellation und das engere Umfeld an. Und, wie gesagt, es müssen zusätzliche Belastungen hinzukommen.

Ist die Beratungsstelle des Kinderschutzzentrums gefragter als üblich?

André Baeriswyl: Die Anfragen bewegen sich im langjährigen Schnitt. Sie sind in den letzten Wochen nicht auffällig angestiegen.

Gab es Anfragen, die Sie auf die aktuelle Situation zurückführen?

André Baeriswyl, Leiter Beratungsstelle Kinderschutzzentrum.

André Baeriswyl, Leiter Beratungsstelle Kinderschutzzentrum.

Bild: Ralph Ribi

André Baeriswyl: Es gab zwei Situationen, bei denen ich sagen kann, da steckt etwas Corona drin. So bei einer Familie mit zwei Kindern, die eine Sonderbeschulung haben und viel Betreuung benötigen. Nun fiel beides von einem Tag auf den andern weg und die Kinder sind zu Hause. Eine solche Situation kann sehr belastend für eine Familie sein. Die andere Anfrage betraf eine junge, alleinerziehende Mutter mit drei kleinen Kindern, die ab und zu laut wird und dann auch die Kinder schlug. Das nahmen die Nachbarn wahr und fragten sich, wie sie reagieren sollen.

Kommt die kritische Zeit erst?

André Baeriswyl: Auf Ostern hin zieht es an.

Wie kommen Sie zu dieser Prognose?

André Baeriswyl: Wir haben 18 Jahre Erfahrung. Wir wissen: Vor Ostern klingelt das Beratungstelefon häufiger. Da nehmen wir täglich bis zu acht Neuanmeldungen entgegen, bei denen Kinder von Gewalt betroffen sind oder dies vermutet wird, und viele weitere Anrufe. Wir reden vor und nach Feiertagen von roten Zeiten. Derzeit stecken wir in einer solchen roten Zeit. Auch vor und nach Ferienzeiten haben wir immer einen Anstieg.

Wie erklären Sie das? Da müsste doch die Vorfreude auf die freie, gemeinsame Zeit überwiegen?

Josef Laimbacher: Die Erwartungen an die Ferien sind oft derart hochgeschraubt, dass es im Vorfeld zu Stress und im Nachhinein zu Enttäuschungen kommen kann.

André Baeriswyl: Die mittleren zwei, drei Sommerferienwochen sind in der Regel ruhig. Gegen Ferienende nehmen die Anrufe wieder zu. Da stellt sich langsam die Ernüchterung ein, dass der normale Alltag noch derselbe ist und allfällige Probleme ungelöst sind.

Haben Sie aktuell mehr Beraterinnen im Einsatz?

André Baeriswyl: Ja, derzeit müssen täglich drei Beraterinnen anwesend sein. Es ist wichtig, dass wir das Angebot gerade jetzt aufrechterhalten können.

Haben Sie sich wegen Corona speziell gewappnet?

André Baeriswyl: Wir sind dran. Wir haben auf unserer Website Informationen zur Entlastung von Eltern aufgeschaltet. Wenn das Wetter jetzt drei Wochen lang schlecht sein sollte, werden die Fälle ansteigen. Doch welche sind corona-, welche wetter-, welche saisonbedingt? Das ist schwierig auszumachen.

Der Schulunterricht fand zwar auf Distanz statt. Er bot Familien aber dennoch eine gewisse Struktur. Wie wichtig ist ein Tagesrhythmus?

André Baeriswyl: Er ist ein entscheidender Faktor, dass das Zusammenleben nun gelingt und funktioniert. Es ist enorm wichtig, eine gewisse Normalität in der Besonderheit zu leben.

Die Ferien stehen vor der Tür. Fernunterricht gibt es nicht mehr, wegfahren geht nicht. Verschärft dies die Situation der Familien?

André Baeriswyl: So seriös wie Familien die Ferien planen, wenn sie wegfahren, so wichtig ist es jetzt, dass sie die Ferien zu Hause angehen. Ich empfehle Familien, ein Tagesprogramm zu machen – von Tag zu Tag oder für eine Woche.

Josef Leimbacher, Chefarzt Ostschweizer Kinderspital.

Josef Leimbacher, Chefarzt Ostschweizer Kinderspital.

Bild: Ralph Ribi

Josef Laimbacher: Eltern und Kinder sollten sich jetzt überlegen, worauf sie Lust haben, was sie unternehmen wollen und nicht erst dann, wenn nach vier, fünf Ferientagen der Frust über die ins Wasser gefallenen Reisepläne ausbricht. Kinder können besondere Situationen oft gut akzeptieren und finden kreative Alternativen, aber man muss mit ihnen reden und ihnen die besondere Lage erklären.

Haben Sie Tipps, wie Familien das enge Zusammenleben längere Zeit gut ertragen?

André Baeriswyl: Versuchen, nun ständig zusammen zu sein und alles gemeinsam zu machen, ist nicht die Lösung. Jeder braucht Zeit für sich. Kinder für sich, Geschwister untereinander, Eltern für sich, jeder Erwachsene für sich. Es braucht diese individuellen Zeiten.

Josef Laimbacher: Das ist ganz wichtig. Es braucht Raum für die eigenen Bedürfnisse. Diese Zeiten sollen in einen Tages- oder Wochenplan integriert werden. Struktur ist jetzt wirklich das A und O, nicht nur für die Kinder, auch für die Erwachsenen.

André Baeriswyl: Kurz rausgehen, unter Einhaltung der Regeln, einen Spaziergang machen, frische Luft schnappen kann helfen, brenzlige Situationen zu entspannen.

Wenn einem trotzdem die Decke auf den Kopf fällt und die Nerven blank liegen?

André Baeriswyl: Unsere Beratungsstelle steht auch Eltern offen, nicht nur Kindern und Jugendlichen. Auch sie können sich Hilfe holen, wenn es daheim eskaliert. Es ist oft mit Scham behaftet, zu erzählen, dass man in der einen oder anderen Situation unangemessen reagiert hat, sei es mit Liebesentzug, einsperren oder gar Schlägen, obwohl man dies gar nicht wollte. Wir unterstehen der strengen Schweigepflicht. Eltern haben also nichts zu befürchten und können sich anonym beraten lassen. Wichtig ist, dass sie sich rechtzeitig melden und wir sie bei Suche einer Lösung unterstützen können, denn: 80 Prozent der Gewalt passiert in der Familie und im nahen Umfeld.

Bleiben nun viele Konflikte unbemerkt und kommen erst zum Vorschein, wenn die Normalität zurückkehrt?

André Baeriswyl.

André Baeriswyl.

Bild: Ralph Ribi

André Baeriswyl: Nein. Wenn es kracht, dann kracht es. Konflikte in Familien lassen sich nicht aufschieben, sie brechen auf. Eine andere Sache ist natürlich, dass Konflikte oft in der Anonymität der Familie ausgetragen werden, die Kinder nicht geschützt sind und aus Scham auch keine Hilfe holen oder dies schlicht verhindert wird. Oft wenden sich Kinder dann an eine Vertrauensperson, die Lehrerin, die Schulsozialarbeiterin, den Jugendgruppenleiter.

Das ist im Moment schwierig oder gar unmöglich. Kann dies Kinder in kritischen Familiensituationen zusätzlich belasten?

Josef Laimbacher: Kindergärtnerinnen, Lehrer oder auch Sporttrainer kennen die Kinder und ihre Familien gut und wissen, wo es Probleme geben könnte. Ich weiss von einigen Lehrkräften, die nun ein-, zweimal pro Woche bei diesen Familien nachfragen, wie es geht – präventiv sozusagen. Das hilft enorm.

André Baeriswyl: Es war für Nachbarn noch nie so unverfänglich, auf eine Familie zuzugehen, wenn sie Unruhe oder Streitigkeiten wahrnehmen. Und sei es mit dem Satz: Gell, es ist derzeit anstrengend, wenn die Kinder nicht raus und in die Schule können.

Sie würden einfach bei Familie nebenan klingeln?

André Baeriswyl: Ja, wir müssen wegkommen vom Gedanken, dass es dabei um soziale Kontrolle geht. Es geht vielmehr darum, dass wir einen sozialen Umgang miteinander pflegen, dass wir aufeinander zugehen, uns gegenseitig unterstützen, sei es beim Einkaufen oder Kinderhüten.

Josef Laimbacher: Es geht schlicht darum, solidarisch zu sein mit jenen, die stärker belastet sind.

André Baeriswyl: Die Familie gilt als unantastbar. Die Angst, ihre Autonomie zu verletzen und sich einzumischen, ist in normalen Zeiten riesig. Es mag paradox klingen, aber da hat die Coronazeit etwas Gutes: Es ist jetzt legitim Hilfe anzubieten.

Wie sehr prägt Corona den Betrieb im Kinderspital?

Josef Leimbacher.

Josef Leimbacher.

Bild: Ralph Ribi

Josef Laimbacher: Es ist deutlich ruhiger. Die Ruhe vor dem Sturm? Wir spüren, dass Kindergärten und Schulen geschlossen sind. Wir sehen weniger Kinder mit Infektionskrankheiten, indirekt auch ein Indiz dafür, dass die empfohlenen Hygienemassnahmen eingehalten werden. Und es kommen weniger Unfälle auf den Notfall, da die Kinder weniger draussen herumtoben. Viele Eltern sagen zudem Termine ab. Da sind wir als Ärztinnen und Ärzte gefordert. Wir müssen auf der Hut sein, wichtige Behandlungen jetzt nicht zu verpassen.

Wie meinen Sie das?

Josef Laimbacher: Dringlich ist nicht nur ein Notfall oder ein unaufschiebbarer operativer Eingriff. Dringlich sind auch Krankheiten, die weiter behandelt und weiter therapiert werden müssen, damit sie nicht eskalieren oder gravierende Folgeprobleme nach sich ziehen.

Ein Beispiel?

Josef Laimbacher: Wenn wir bei einem Jugendlichen mit einer schwer einzustellenden Zuckerkrankheit und schwieriger psychosozialer Situation nicht eng dranbleiben, droht eine Nothospitalisation. Oder eine Patientin mit Magersucht, die ohne Schulstruktur und belasteten Familienverhältnissen nun zusätzlich unter Druck steht. Diese müssen wir eng betreuen, um eine Krisensituation zu vermeiden.

Werden Termine auch aus Angst abgesagt, jetzt ins Spital zu gehen?

Josef Laimbacher: Diese Angst ist weit verbreitet. Bei problematischen Fällen nehmen wir Kontakt mit den Familien auf und ermutigen sie, die Sprechstundentermine wahrzunehmen. Das ist Teil unserer Coronaplanung – aktiv auf Eltern mit Kindern zuzugehen, deren Zustand sich ohne adäquate Behandlung derart verschlechtern könnte, dass wir sie notfallmässig stationär aufnehmen müssen.

Stellt das Kinderspital wie die Privatspitäler Kapazitäten zur Bewältigung der Coronakrise zur Verfügung?

Josef Laimbacher: Wir werden bei Bedarf und in Absprache mit dem Kantonsspital Patienten aufnehmen. Primär junge Erwachsene, die auf einer Intensivstation betreut werden müssen. Das ist mit dem Kanton so abgesprochen. Bislang gab es keine Anfrage und auch keine Erkrankungen bei uns im Spital.

Information, Beratung, Hotline für Eltern, Kinder, Jugendliche: www.kispisg.ch/ksz.

Kinder- und Krisenexperten

Als Spezialist für Kinder- und Jugendmedizin hat sich Josef Laimbacher weit über die Kantonsgrenze und weit über das Einzugsgebiet des Ostschweizer Kinderspitals hinaus einen Namen geschaffen. Ende Jahr geht der Chefarzt Jugendmedizin – er ist auch Mitglied der Spitalleitung – in Pension. Auch André Baeriswyl erwischt die Coronakrise in einer Veränderungsphase: Das Kinderschutzzentrum St. Gallen – Baeriswyl leitet dessen Beratungsstelle In Via – wird organisatorisch ins Kinderspital integriert. Die beiden waren vor bald 20 Jahren massgeblich am Aufbau des Zentrums beteiligt.