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Sind die Lehrlinge von heute faul und verwöhnt? Was Ostschweizer Betriebe über den Nachwuchs sagen

Gute Lehrlinge zu finden, ist schwieriger geworden – vielen Jugendlichen fehlt die Ausdauer: Diese Nachricht machte vor kurzem die Runde. Ostschweizer Betriebe widersprechen.
Adrian Vögele
Müssen sich die Jugendlichen zu früh für einen Beruf entscheiden? Diese Frage beschäftigt auch die St. Galler Politik. (Bild: Frank May/Picture Alliance)

Müssen sich die Jugendlichen zu früh für einen Beruf entscheiden? Diese Frage beschäftigt auch die St. Galler Politik. (Bild: Frank May/Picture Alliance)

Die Schlagzeile war happig. «Schlecht, faul, verwöhnt», titelte der «Sonntagsblick» vor einer Woche – und meinte damit die Lehrlinge im Land. Die Lehrmeister seien alles andere als begeistert über die Jugendlichen, schrieb das Blatt und berief sich auf eine Umfrage der Lehrstellenbörse Yousty bei 800 Betrieben in 15 Kantonen. Knapp 60 Prozent der befragten Unternehmen gaben demnach an, die Rekrutierung sei schwierig. Die Jugendlichen hätten immer weniger Ausdauer, immer öfter würden Ausbildungen abgebrochen. Mitschuldig sei das Handy, das die Teenager teils zu «interesselosen Menschen» gemacht habe.

In der Ostschweiz zeigte sich vor kurzem, dass die wenigsten Jugendlichen den Ehrgeiz haben, Macht und Einfluss zu erreichen. Die Arbeit muss Spass machen, den eigenen Interessen entsprechen und genügend Zeit für Hobbys lassen: Dies ergab eine Befragung der Pädagogischen Hochschule St. Gallen bei 1000 Lehrlingen. Doch führt dieses Streben nach einer guten Work-Life-Balance tatsächlich zu Rekrutierungsproblemen und schlechteren Leistungen?

Auf Anfrage antworten grosse Ostschweizer Lehrbetriebe unterschiedlich. Kritisch äussert sich Franz Fritschi, Betriebsleiter und Ausbildner bei den Larag Nutzfahrzeugwerken in Wil.

«Die Lehrstellenbesetzung wird immer schwieriger. Das Interesse der leistungsstarken Schüler an einer handwerklichen Ausbildung ist kleiner geworden.»

Zugleich seien viele Schüler mit der Berufswahl überfordert, aufgrund ihres jungen Alters hätten sie nicht die nötige Reife. «Dann wählen sie eventuell einen ungeeigneten Beruf, sind enttäuscht – und anschliessend fehlen das Interesse und die Freude am Ausbildungsberuf.» Einsatzwille und Ausdauer der Lehrlinge hätten in den letzten Jahren abgenommen, auch aufgrund attraktiver Freizeitaktivitäten.

Entscheidungsprobleme und Generationenkonflikte

Die Personalabteilung des Kantonsspitals St.Gallen hat ebenfalls den Eindruck, dass manche Jugendliche überfordert sind. «Sie haben diverse Unterstützungsangebote zur Verfügung und allgemein eine viel grössere Auswahl sowie grössere Freiräume für die Freizeitgestaltung. Das erleichtert die Entscheidungsfindung nicht unbedingt», sagt Birgit Contreras-Molinero, Leiterin Personalentwicklung am Kantonsspital. «Wir stellen aber nicht per se fest, dass es den Jugendlichen zunehmend an Einsatzwille und Ausdauer fehlt.» Vielmehr hätten die jungen Berufsleute einen breiten Fokus und würden diesen nicht ausschliesslich auf die Ausbildung richten. Freizeitgestaltung und soziale Integration seien ihnen ebenso wichtig.

«Hier entstehen teils Generationenkonflikte.»

Diese seien für die Zusammenarbeit einerseits herausfordernd, andererseits aber auch spannend und bereichernd. Für die Verwendung von Handys am Arbeitsplatz gelten am Kantonsspital klare Vorgaben. «Die Verfügbarkeit der Smartphones ist dadurch automatisch eingeschränkt und die Lernenden richten ihre volle Aufmerksamkeit auf ihre Aufgaben und ihre Lernumgebung», so Contreras-Molinero. Hingegen würden Rückmeldungen aus den Schulen und den überbetrieblichen schon vermehrt auf Ablenkung durch Smartphones im Unterricht hindeuten. Bei der Rekrutierung der Lehrlinge bekommt das Kantonsspital zu spüren, dass andere Betriebe ihr Ausbildungsangebot hochgefahren haben – unter anderem infolge von Massnahmenpaketen gegen den Fachkräftemangel im Gesundheitswesen. Die Zahl der Bewerbungen für die Ausbildung zur Fachfrau oder zum Fachmann Gesundheit (FaGe) am Kantonsspital ist rückläufig.

Die SFS-Gruppe mit Sitz in Heerbrugg bestätigt, dass die Besetzung der Lehrstellen «herausfordernder» werde. «Wir sehen den Hauptgrund in den geburtenschwachen Jahrgängen, was auch Auswirkungen auf die Anzahl an Schnupperlehren und Bewerbungen hat», sagt Mediensprecherin Yvonne Geiling. Man erhalte aber nach wie vor Bewerbungen von Schülern mit herausragenden Leistungen. Auch treffe es nicht zu, dass die Lehrlinge immer weniger Einsatz zeigen würden:

«Wir stellen vielmehr fest, dass sich die Werte und Fähigkeiten von Jugendlichen verändert haben. Viele Lernende treten heute selbstbewusster auf, sie trauen sich mehr zu und lernen frei zu sprechen.»

Davon könne das Unternehmen profitieren. Für den Gebrauch von Smartphones gelten auch bei SFS Regeln, relevante negative Erfahrungen mit der Handynutzung habe man bislang nicht gemacht.

Viele punkten im Digitalen, doch mit der Sprache hapert es

Bei der Migros Ostschweiz, die über 550 Lehrlinge in 28 Berufen ausbildet, sind Handys während der Arbeitszeit tabu – «und der allergrösste Teil unserer Lernenden ist mit grossem Einsatz und Lernwillen bei der Arbeit», sagt Kommunikationschef Andreas Bühler. Auch er sieht aber eine Veränderung bei den Jugendlichen:

«Sie hören heute verstärkt auf sich selbst und erfüllen nicht mehr alle Erwartungen, die von aussen an sie herangetragen werden.»

Das sei nicht generell negativ. Zugleich seien die Fähigkeiten nicht mehr dieselben wie früher: Während der grosse Teil der Jugendlichen sehr fit sei im Umgang mit digitalen Anwendungen, nehme die Sprachkompetenz ab. «In den sozialen Medien wird weniger Wert auf eine korrekte Schriftsprache gelegt.» Dass die Rekrutierung von Lehrlingen anspruchsvoller geworden ist, erklärt Bühler einerseits mit der demografischen Entwicklung – andererseits habe Migros Ostschweiz in den vergangenen Jahren das Lehrstellenangebot ausgebaut.

Die Bischofszell Nahrungsmittel AG (Bina) hat bis Juni alle 17 Lehrstellen vergeben. Laut Daniele Santi, Leiter Berufsbildung, nimmt der Aufwand für die Nachwuchssuche seit einigen Jahren zu – aber nicht nur wegen der Bevölkerungsentwicklung: So seien beispielsweise auch die Anforderungen an die Berufslehre gestiegen. Dass diesen Sommer alle Lernenden der Bina ihre Lehrabschlussprüfung bestanden hätten, sei ein Beweis für ihren grossen Einsatzwillen und für die professionelle Betreuung. Die Bina-Lehrlinge übernähmen sehr früh verantwortungsvolle Aufgaben, Lehrabbrüche kämen nur selten vor. Und Smartphones sind im Betrieb verboten, nur schon wegen der Hygiene.

Kantonsräte orten Probleme bei früher Berufswahl

Trotz aller positiven Rückmeldungen: Die Lehrstellensituation – und die Überforderung mancher Jugendlicher bei der Berufswahl – beschäftigt auch die Politik. Im St.Galler Kantonsrat ist eine Interpellation dreier Rheintaler CVP-Parlamentarier hängig. Sandro Hess, Patrick Dürr und Andreas Broger orten Probleme bei der Lehrstellenbesetzung. Der Nachwuchs werde früher eingeschult, darum stünden die Jugendlichen heute früher vor der Berufswahl als noch vor einigen Jahren. Die sinkende Zahl der Schulabgänger aufgrund der Demografie führe ausserdem dazu, dass in Branchen mit Lehrlingsmangel die Lehrstellen immer früher vergeben würden.

Die Interpellanten äussern die Vermutung, dass aufgrund der frühen Lehrstellenvergabe die Lehrabbrüche zunehmen – weil die Jugendlichen den falschen Beruf erwischt hätten, sich unwohl fühlten und sich nicht gemäss ihren Neigungen und Fähigkeiten entfalten könnten. Die Vermutung müsse allerdings eingehend geprüft werden. Die CVP-Kantonsräte fordern eine Auswertung zur zahlenmässigen Entwicklung und den Gründen der Lehrabbrüche. Die Antwort der Regierung steht noch aus.

Abbrüche nehmen leicht zu

Etwa jeder zehnte Lehrvertrag in der Ostschweiz wird aufgelöst. Im Kanton St.Gallen hat der Wert im vergangenen Jahr von 8,9 auf 9,8 Prozent zugenommen. Die Zahl befinde sich aber innerhalb der üblichen Schwankungen, teilt das Amt für Berufsbildung mit. Manche Jugendliche würden zudem ihre Lehre bei einem anderen Betrieb fortsetzen, allenfalls auch in einem anderen Kanton. Darum sei die Vertragsauflösung nicht in jedem Fall mit einem Lehrabbruch gleichzusetzen. Im Kanton Thurgau liegt die Quote bei 9 Prozent und ist laut dem Amt für Berufsbildung und Berufsberatung seit Jahren stabil. Eigentliche Lehrabbrüche ohne Anschlusslösung seien selten. (av)

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