Simpler Regen wird zur Naturgefahr: Akutspitäler in der Ostschweiz sind von Oberflächenabfluss bedroht

Klimaszenarien gehen von heftigeren Niederschlägen aus. Nun zeigt eine neue, im Geoportal frei verfügbare Gefahrenkarte des Bundesamts für Umwelt, dass zwei Drittel der Gebäude von Oberflächenabfluss bedroht sind. Unsere Auswertung zeigt aber auch: Alle Ostschweizer Akutspitäler stehen in einem Starkregenrisikogebiet.

Christoph Zweili
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Die Bafu-Karte weist für den Kantonsspital-Campus in St.Gallen eine mittlere Gefährdung durch Oberflächenabfluss aus. Mit Farbtönen wird dargestellt, wie hoch das Wasser stehen kann. Dabei steht Helllila für unter 10 Zentimeter, Lila für 10 bis 25 und Dunkellila für über 25 Zentimeter. (Bild: Geoportal Kanton St.Gallen)

Die Bafu-Karte weist für den Kantonsspital-Campus in St.Gallen eine mittlere Gefährdung durch Oberflächenabfluss aus. Mit Farbtönen wird dargestellt, wie hoch das Wasser stehen kann. Dabei steht Helllila für unter 10 Zentimeter, Lila für 10 bis 25 und Dunkellila für über 25 Zentimeter. (Bild: Geoportal Kanton St.Gallen)

Starke Niederschläge verursachen am 1. August 2018 nach der anhaltenden Trockenperiode im Sommer in St.Gallen und Umgebung grössere Schäden. Die Steinach schwillt innert Minuten zu einem reissenden Fluss an und tritt über die Ufer. Tiefgaragen und Keller von Wohnsiedlungen werden überflutet, die Feuerwehr pumpt Wasser aus Untergeschossen, Liftschächten, Garagen und Parterrewohnungen. Der Boden oberhalb der Hirslandenklinik Stephanshorn kann die Wassermengen nicht mehr aufnehmen: Die Gebärabteilung, Liftschächte und Teile des Kellers werden überschwemmt. Die von der Gebäudeversicherung zugesprochene Schadensumme beträgt 170300 Franken. Über 800 000 Franken sind es im ganzen Stadtgebiet.

Die Feuerwehr pumpt am 2. August 2018 im Schulhaus Zil Zimmer und Gänge ab. Weit schlimmer waren die Folgen des Starkregens in der unweit entfernten Klinik Stephanshorn. (Bild: Urs Bucher)

Die Feuerwehr pumpt am 2. August 2018 im Schulhaus Zil Zimmer und Gänge ab. Weit schlimmer waren die Folgen des Starkregens in der unweit entfernten Klinik Stephanshorn. (Bild: Urs Bucher)

Der Kanton St.Gallen kennt zwar kein besonderes Naturgefahrengesetz, aber der grösste Ostschweizer Kanton hat seine Hausaufgaben gemacht. Für vier Fünftel des Siedlungsgebiets existieren behördenverbindliche Gefahrenkarten, die aufzeigen, wie stark ein Gebiet durch Naturereignisse gefährdet ist. Rund neun Prozent der bewohnten Bauten und zwei Prozent der Arbeitsplätze sind nicht abgeklärt. Dass aber auch simpler Regen zur Naturgefahr werden kann, ist vielen nicht bewusst.

Fachleute sprechen vom sogenannten Oberflächenabfluss: Es fällt so viel Niederschlag in kurzer Zeit, dass sich der Regen auf dem Boden ansammelt und über freies Gelände oder Strassen zu einem Gewässer oder einer Mulde abfliesst. Gemäss Bund hat die Niederschlagsmenge bei einzelnen Starkniederschlägen in der Schweiz seit 1901 um 12 Prozent zugenommen. Laut den Klimaszenarien werden die Sommer trockener, es gibt mehr Hitzetage und die Winter werden schneeärmer – es gibt heftigere Niederschläge und die Einzelereignisse werden stärker.

Tommy Winiger, Leiter Schadendienst bei der Gebäudeversicherung (GVA) des Kantons St.Gallen, sagt:

«Stürme, Hagel, Hochwasser, Überschwemmungen, Erdrutsche, Steinschläge, Schneedruck und Lawinen haben von 2009 bis 2019 Elementarschäden von 125 Millionen Franken verursacht.»

Eine separate Auswertung für Oberflächenabfluss hat sie nicht. Auch die Eidgenössische Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft WSL wertet jedes Jahr die Unwetterschäden aus. Mit 79 Prozent wird der grösste Anteil der Schadenkosten im Jahr 2018 auf Hochwasser, Oberflächenabfluss und Murgänge zurückgeführt.

Zwei Drittel der Gebäude sind potenziell gefährdet

Hubert Meusburger.

Hubert Meusburger.

«Das Gefahrenpotenzial von Oberflächenabfluss ist riesig», sagt Hubert Meusburger, Leiter der Abteilung Naturgefahren im kantonalen Amt für Wasser und Energie. «Aufgrund der fortschreitenden Versiegelung des Bodens und des Klimawandels muss vermehrt mit Oberflächenabfluss gerechnet werden.» Rund zwei Drittel der Gebäude seien potenziell gefährdet, teilten das Baudepartement und die Gebäudeversicherung des Kantons St.Gallen den Gemeinden im Juni mit.

2018 hatte das Bundesamt für Umwelt (Bafu) zusammen mit dem Schweizerischen Versicherungsverband und den kantonalen Gebäudeversicherungen erstmals eine Gefährdungskarte Oberflächenabfluss veröffentlicht, die mögliche Fliesswege und Wassertiefen mit Farbschattierungen für jeden Standort – auch ausserhalb der Siedlungsgebiete – anzeigt. Als besonders sensibel gelten Spitäler, Schulen, Altersheime oder Verwaltungsgebäude. Für Meusburger stehen die Spitäler im Vordergrund, «hier besteht ein hohes Personen- und Sachrisiko». Handlungsbedarf sei hier schon bei einer geringen Gefährdung gegeben.

Die Standortauswertung unserer Zeitung für die Ostschweizer Akutspitäler zeigt: Gemäss der neuen Bafu-Karte sind alle von Oberflächenabfluss betroffen, bei den meisten kann das Wasser eine Fliesstiefe von 25 Zentimetern und mehr erreichen. Damit gehen die Spitäler unterschiedlich um. Bereits Massnahmen getroffen hat das Kantonsspital St.Gallen, obwohl bisher keiner der Standorte St.Gallen, Flawil und Rorschach von einem gravierenden Ereignis betroffen war.

Philipp Lutz.

Philipp Lutz.

Im Erdgeschoss des Neubaus Haus 10 wurden spezielle Druckfenster sowie ein hydraulisches Klappschott beim Haupteingang installiert. «Bei einem Hochwasser würden Mitarbeiter weitere Hochwasserbarrieren aufstellen», sagt Sprecher Philipp Lutz. Anpassungen im Gelände sollen ferner ermöglichen, dass das Oberflächenwasser auch bei extremen Regenfällen um das Spitalareal herum geleitet werden kann.

Auch beim Neu- und Umbau des Spitals Linth in Uznach 2016 wurden eine Objektschutzwand und ein Retentionsbecken unterhalb der Tiefgarage erstellt. Schadenereignisse gab es in den Thurgauer Spitälern in Frauenfeld und Münsterlingen in den vergangenen 30 Jahren zwar keine. «Trotz eher unwahrscheinlicher Schäden» habe man dennoch an beiden Standorten mehrere Millionen Franken in Rückhaltebecken und die Oberflächengestaltung investiert. Beim aktuellen Neubau des Spitals Wattwil wurden keine besonderen Massnahmen getroffen. Ein geologisches Gutachten habe keine spezielle Gefährdung aufgezeigt, heisst es auf Anfrage. Auch beim Spital Wil gab es keine Schäden nach Starkregen und daher keine Massnahmen in den letzten 15 Jahren, ebenso wenig in der Spitalregion Rheintal Werdenberg Sarganserland.

Der Werdbach hat die Strassen von Heiden in Flüsse verwandelt. (Bild: Kantonale Wasserbaufachstelle)

Der Werdbach hat die Strassen von Heiden in Flüsse verwandelt. (Bild: Kantonale Wasserbaufachstelle)

In Heiden zahlen sich Massnahmen nach 1998 aus

Anders in Heiden. Hier richteten sintflutartige Regenfälle im Juli 1998 Millionenschäden an, betroffen war auch das Spital. Eine Schlammlawine überflutete das gesamte Untergeschoss. Apotheke, Labor, Physioabteilung und Küche waren unbrauchbar. Der Patiententrakt blieb heil, Verletzte gab es keine.

Das Spitallabor – ein Bild der Zerstörung. (Bild: Kantonale Wasserbaufachstelle)

Das Spitallabor – ein Bild der Zerstörung. (Bild: Kantonale Wasserbaufachstelle)

Anders als beim «50-Jahr-Niederschlag» von 1998 blieben Heiden beim «Jahrhundertregen» von 2002 grossflächige Überschwemmungen erspart. Der investierte Millionenbetrag in Verbesserungsmassnahmen nach dem ersten Ereignis hätte sich ausgezahlt, sagt Sprecher Alain Kohler. «Die Gemeinde nutzt heute Strassen und Gehwege als Abflusskanäle. Zusätzlich gibt es direkt beim Spital an den kritischen Stellen auch Schutzmauern. Bis zum heutigen Tag gab es keine weiteren Hochwasserschäden.»

Die Hirslandenklinik rüstet auf: Sie hat als Sofortmassnahme mobile Schutzwände, Sandsäcke und manuelle Wassersperren angeschafft und mit der Planung grösserer Objektschutzmassnahmen begonnen. Die Bafu-Gefahrenkarte zeigt hier die Gefährdung durch Oberflächenabfluss bei einem örtlichen Starkregen deutlich auf.

Die neue Gefahrenkarte

Das Bundesamt für Umwelt hat im Sommer 2018 eine Gefährdungskarte für den Oberflächenabfluss in der Schweiz veröffentlicht: Demnach gehen 30 bis 50 Prozent der Hochwasserschäden nicht auf ausufernde Fliessgewässer und Seen, sondern auf oberflächlich abfliessendes Regenwasser zurück. Der von diesem Phänomen betroffene Flächenanteil beträgt pro Kanton zwischen 12 und 24 Prozent. Sowohl die inzwischen auf dem Geoportal des Kantons St.Gallen aufgeschaltete Bafu-Karte wie auch der für den Artikel verwendete Naturgefahren-Radar der Zürich-Versicherung ermöglichen für jeden Standort eine Analyse. Wichtig zu wissen: Grössere Geländeveränderungen nach 2016 sind nicht erfasst. Und: Die Karte muss im Gelände plausibilisiert werden. (cz)