neue bibliothek st.gallen
Berliner Architekt gewinnt Wettbewerb: So sieht die künftige Bibliothek mit Neubau am St.Galler Uniongebäude aus

Volker Staabs Büro gewinnt den Wettbewerb mit einem raffiniert angebundenen Neubau ans Uniongebäude: Sein Siegerprojekt für die Public Library von Kanton und Stadt am Standort Union verspricht Durchsichten, Treppenhausverbindungen, Terrassen und einen Bibliotheksplatz, die einen Bildungs- und Begegnungsort für die ganze Bevölkerung schaffen.

Marcel Elsener
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Ein Neubau mit viel Tageslicht ersetzt den Union-Anbau am Schibenertor.

Ein Neubau mit viel Tageslicht ersetzt den Union-Anbau am Schibenertor.

Bild: PD

Ein gläserner Neubau in eleganter Form eines Polygons an Stelle des Anbaus, auf zwei Geschossen mit dem Uniongebäude verbunden, der Haupteingang zum Marktplatz hin und in der Mitte ein teilweise gedeckter Platz: So sieht das Siegerprojekt des Berliner Architekturbüros von Volker Staab für die neue Bibliothek von Stadt und Kanton St.Gallen aus. Die Jury wählte dessen «Doppeldecker» aus 29 eingereichten Projekten meist namhafter Büros aus, weil es die schwierige Aufgabe des Baus «an einem städtebaulich und historisch sensiblen Ort» am überzeugendsten meistere.

Die gemeinsame Public Library erhält ein Gesicht: Nach jahrelanger Planung gibt es endlich «Bilder, Visualisierungen und Emotionen», wie die kantonale Bauchefin Susanne Hartmann am Mittwoch vor den Medien sagte. Angestrebt werde «kein Elfenbeinturm», sondern eine «Bibliothek für alle», betonte ihre Regierungskollegin und Kulturchefin Laura Bucher, «ein niederschwelliger Bildungs- und Begegnungsort mit überregionaler Strahlkraft». Das Projekt für das wahrscheinlich meist frequentierte, mithin «öffentlichste» Gebäude von Stadt und Kanton müsste demnach die Bevölkerung noch mehr interessieren als das vor zwei Monaten vorgestellte Projekt für den neuen Universitätscampus Platztor.

Kein spektakulärer, aber ein raffinierter Bau

Für den von Kanton, Stadt und Helvetia-Versicherungen (als Eigentümerin des Uniongebäudes) ausgeschriebenen Architekturwettbewerb hatten sich 163 Büros beworben; 33 Teams, darunter fünf Nachwuchsbüros, wurden von der Jury eingeladen, ein Projekt einzureichen. Die Aufgabe war komplex - wegen der Anforderungen einer modernen Bibliothek von Magazinen, Ausleihbeständen und Arbeitsplätzen für Erwachsene und Jugendliche bis hin zu Spiel-, Veranstaltungs- und Gastroangeboten, aber auch wegen des anspruchsvollen Einbezugs des zwar nicht denkmalgeschützten, aber zeittypischen Bürogebäudes aus den 1950ern.

Unter den 29 eingereichten Projekten (vier Teams verzichteten) finden sich spektakulärere, expressivere, «witzigere» oder modischere als das preisgekrönte Projekt; das Ideenspektrum reicht vom runden Turm bis zum gänzlich unterirdischen Neubau (dritter Rang). Jedoch gilt der für seine Museums- und Institutsbauten berühmte Volker Staab, 1957 in Heidelberg geboren und an der ETH Zürich ausgebildet, nicht umsonst als Spezialist für spezifische Orte und die sensible Einbettung von Neubauten in eine bestehende Substanz.

Ein eitler Wow- oder gar Bilbao-Effekt war nicht gefragt, wie Kantonsbaumeister Michael Fischer zu verstehen gab. Vielmehr betonte er den präzisen Umgang mit der historischen Umgebung, die raffinierten Verbindungswege sowie Ein- und Durchblicke mit viel Tageslicht und die geschickte Raumordnung zur angestrebten «Durchmischung von Aktivitäten und Generationen». Staabs «Doppeldecker» wirke «einladend und transparent» und sei «als öffentliche Institution erkennbar», sagte Fischer. Zu den Trümpfen des Projekts gehören die Durchgänge und die zentrale Bedeutung der Union-Wendeltreppe (bekannt geworden auch dank Roman Signers Kanu) als Gelenk zwischen Alt- und Neubau. Und eine Lern- und Dachterrasse: «Abends an einer Lesung teilzunehmen und den Blick über die Dächer schweifen zu lassen», darauf freut sich Kantonsbaumeister Fischer besonders.

Über Verkaufspreis wird noch verhandelt

Aus Sicht der Stadt verspreche die Bibliothek am dereinst neu gestalteten Marktplatz einen Begegnungsort, der dem Kern der Altstadt neues Leben einhauche, sagte der städtische Bauchef Markus Buschor. Das Bauvolumen sei «stattlich», aber «respektvoll selbstbewusst» und sorgfältig auf den Ort abgestimmt. Sein Stadtratskollege Matthias Gabathuler strich die Bedeutung der Bibliothek auch im digitalen Zeitalter für das «lebenslange Lernen» und für den Austausch zwischen den Generationen hervor.

Von den aktuell auf 137 Millionen Franken geschätzten Gesamtkosten dürften zwei Drittel auf den Kanton und ein Drittel auf die Stadt anfallen; der Kostenverteiler ist noch in Verhandlung. Dies gilt auch für den Kaufpreis des Uniongebäudes, den die Stadt übernimmt und als Beitrag einfliessen lässt. Es handle sich «um grosses, zentrales, gut vermietetes Gebäude», sagte Markus Buschor. Eine Zahl wollte er nicht nennen, doch dürfte das Union gut 25 bis 30 Millionen wert sein. Ob die Helvetia als Mitstifterin der Bibliothek auftritt, ist gemäss Regierungsrätin Laura Bucher «nicht angedacht»; an den Baukosten werde sich die Versicherung jedenfalls nicht beteiligen.

Volksabstimmungen in Stadt und Kanton im 2024

Nun geht es in die Phase der Vorprojektierung. Voraussichtlich 2023 wird die Bauvorlage den Parlamenten von Stadt und Kanton vorgelegt, ein Jahr später kommt es zu den Volksabstimmungen. Langwierige Einspracheverfahren ausgeschlossen, könnte 2025/2026 mit dem Bau begonnen und die Bibliothek drei Jahre später eröffnet werden. Ein Ja von Stadt und Kanton zum Union-Bibliotheksbau würde bei den kantonalen Hochbauten in der Stadt «einige Dominosteine auslösen», wie es der frühere Bauchef Marc Mächler 2019 formulierte. Allen voran wäre dann die seit sechs Jahren als populäres Provisorium genutzte Hauptpost wie vom Kanton erwünscht frei für Bildungsinstitutionen. Allerdings hat diese eine kostspielige Komplettsanierung nötig.

Über die konkreten Union-Aussichten freut sich nicht zuletzt die Kantonsbibliothekarin Sonia Abun-Nasr: An Staabs Projekt begeistere sie besonders die Offenheit und die Sonnenterrasse, wie sie meinte. Alle Beteiligten sind nun gespannt auf die öffentliche Diskussion, die mit der Ausstellung der 29 Projekte erst recht lanciert ist.

Die Bibliothek soll Medien für Unterhaltung, Freizeit, Bildung, Ausbildung und wissenschaftliches Arbeiten an einem Ort zur Verfügung stellen.

Die Bibliothek soll Medien für Unterhaltung, Freizeit, Bildung, Ausbildung und wissenschaftliches Arbeiten an einem Ort zur Verfügung stellen.

Bild: PD

Ausstellung der 29 eingereichten Projekte bis 3. Juli 2021 in der Hauptpost St.Gallen, 3. Stock, Eingang Gutenbergstrasse, geöffnet Montag bis Freitag, 16 bis 19 Uhr, samstags von 10 bis 15 Uhr. www.neuebibliothek.ch

Die neue Bibliothek wird als Public Library konzipiert.

Die neue Bibliothek wird als Public Library konzipiert.

Bild: PD