Sieben Coronafälle bei Prüfungen an der Universität St.Gallen: FDP-Fraktionschef spricht von «Gefährdung der Bevölkerung» – die Universität verteidigt sich

Während der schriftlichen Prüfungen an der HSG sind sieben Aufsichtspersonen an Corona erkrankt. Der Vorfall wird zum Politikum, die FDP will Antworten von der Regierung. Währenddessen verteidigt die HSG ihr Schutzkonzept. Die Prüfungen abzubrechen, sei nicht notwendig gewesen.

Adrian Vögele
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Die HSG verzichtete darauf, die Öffentlichkeit ausserhalb der Universität über die Coronainfektionen zu informieren – laut Kantonsarztamt habe es dafür aus medizinischer Sicht keinen Grund gegeben.

Die HSG verzichtete darauf, die Öffentlichkeit ausserhalb der Universität über die Coronainfektionen zu informieren – laut Kantonsarztamt habe es dafür aus medizinischer Sicht keinen Grund gegeben.

Benjamin Manser

Die Universität St.Gallen hat vor kurzem schriftliche Prüfungen durchgeführt – nicht virtuell, sondern vor Ort auf dem Campus. Dabei sei es zu Coronainfektionen gekommen: Dies schreibt Thomas Ammann, FDP-Fraktionschef im Kantonsparlament und von Beruf Mediziner, in einer Einfachen Anfrage an die Regierung. Er will unter anderem wissen, warum das nicht öffentlich kommuniziert worden sei. «Heime, Schulen, Fussballvereine und andere Institutionen informieren offen über Coronainfektionen. Dass die Universität dies nicht macht, stört mich», sagt er dazu. Und er zeigt sich grundsätzlich skeptisch gegenüber der Durchführung der Präsenzprüfungen.

«Zu diesen Prüfungen reisten viele Studenten aus dem Ausland an. Es ist schon fraglich, ob das in der aktuellen Coronasituation angebracht ist.»

Eine seiner Fragen an die Regierung lautet: «War sich die Leitung der Universität bewusst, dass sie mit der Durchführung von Präsenzprüfungen eine Gefährdung der Risikogruppen und auch der Bevölkerung in Kauf nahm?»

Sieben Fälle, keine weiteren Ansteckungen

Die Universität St.Gallen nimmt auf Anfrage ausführlich Stellung zum Thema: Während der zentralen schriftlichen Prüfungen habe das Kantonsarztamt die HSG über sieben Coronafälle informiert. Alle diese Personen gehörten zur Prüfungsaufsicht. Der erste Fall sei Ende Juni aufgetreten, die weiteren Fälle Anfang Juli, wie die Kommunikationsstelle schreibt. Die Universität habe Studierende und Mitarbeiter jeweils sofort via Intranet, E-Mail und Infobildschirme informiert und dazu aufgerufen, die Schutz- und Hygienemassnahmen konsequent einzuhalten. Den Prüfungskandidaten wurde empfohlen, Schutzmasken zu tragen.

Das Contact-Tracing in den sieben Fällen sei «umgehend und problemlos» verlaufen, schreibt die Uni. Dafür kamen Präsenzlisten zum Einsatz, auf denen Studierende, Aufsichtspersonen und das Hausdienstpersonal im Detail aufgeführt sind. So weit bekannt, kam es zu keinen weiteren Ansteckungen oder Quarantänefällen.

«Präsenzprüfungen waren auf jeden Fall vertretbar»

Die Präsenzlisten sind Teil eines besonderen Schutzkonzepts, das die Universität für die Prüfungen erarbeitet hat – «unter strikter Einhaltung der kantonalen und nationalen Weisungen», wie die Kommunikationsstelle schreibt. So wurden beispielsweise die Sitzabstände vergrössert, sämtliche zur Verfügung stehenden Räume genutzt und Wartezonen vor den Gebäuden eingerichtet. Alle Aufsichtspersonen seien nur nach ausdrücklicher persönlicher Einwilligung im Einsatz gewesen, und sie seien mit Schutzmasken ausgerüstet worden. Während der Prüfungen hätten keine anderen Veranstaltungen vor Ort stattgefunden. Den Studierenden habe man empfohlen, den Campus nach den Prüfungen sofort wieder zu verlassen – und sie hätten die Empfehlung befolgt.

Studierende wollten Semester rechtzeitig abschliessen

Tausende von Studierenden hätten sich die Präsenzprüfungen klar gewünscht, um das Semester rechtzeitig abschliessen zu können, schreibt die HSG – und die Durchführung sei mit diesem Schutzkonzept «auf jeden Fall vertretbar» gewesen. Auf einen Abbruch der Prüfungen habe man nach Rücksprache mit dem Kantonsarztamt verzichtet – aufgrund der Zahl der Fälle «und deren umgehender Rückverfolgung und Eingrenzung». Die HSG habe mit diesem Entscheid «keinesfalls eine Gefährdung der Risikogruppen und der Bevölkerung in Kauf genommen».

Da die Infektionskette sofort unterbrochen werden konnte, sah die HSG nach Absprache mit dem Kantonsarztamt auch von einer Mitteilung an die Öffentlichkeit ab. Der Kanton bestätigt dies:

«Aus medizinischer Sicht gab es keinen Kommunikationsbedarf», heisst es bei der Staatskanzlei.