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Interview

Sie weiss, was Babys brauchen

Seit 30 Jahren prägt Rosa Plattner die Mütter- und Väterberatung der Region St.Gallen. Die Geschäftsführerin des Ostschweizer Vereins für das Kind sieht viele überlastete Mütter. Und weiss von fast so vielen Vätern, denen nicht einfällt, zu Hause zu bleiben, wenn das Kind krank ist.
Odilia Hiller
1/2: Rosa Plattner weiss, wovon sie spricht: Seit 30 Jahren leitet sie die Mütter- und Väterberatung der Region St.Gallen. (Bild: Ralph Ribi)

1/2: Rosa Plattner weiss, wovon sie spricht: Seit 30 Jahren leitet sie die Mütter- und Väterberatung der Region St.Gallen. (Bild: Ralph Ribi)

Dies ist ein Artikel der "Ostschweiz am Sonntag". Die ganze Ausgabe lesen Sie hier.

Rosa Plattner sitzt in ihrem Büro an der vielbefahrenen Rosenbergstrasse, wo die Mütter- und Väterberatung der Region St.Gallen seit Jahren in bescheidenen Räumlichkeiten untergebracht ist. Hinter ihr stapeln sich Bücher und Spiele. Die freundliche Frau mit der sanften Stimme und Winterthurer Dialekt lacht viel und gerne – was aber nicht darüber hinwegtäuschen darf, dass hier eine Pionierin sitzt: Das St.Galler Modell der Mütter- und Väterberatung, das andere Kantone übernommen haben, hat über weite Strecken sie aufgebaut. Einen freien Termin mit der Geschäftsführerin des Ostschweizer Vereins für das Kind zu finden, war nicht ganz einfach.

Rosa Plattner, sind Ihnen Kinder oder Eltern lieber?

Hm, das ist jetzt eine Frage. Ich glaube, im Idealfall ist es eine Gemeinschaft, die zusammengehört. Das eine geht nicht ohne das andere. Deshalb kann ich diese Frage ehrlich nicht beantworten.

Zur Person

Die 61-jährige Rosa Plattner ist in Winterthur geboren. Nach den Ausbildungen zur Kinderkrankenschwester, zur Mütter-und Väterberaterin und einem Masterabschluss in Gesundheitsförderung und Prävention arbeitet sie seit 30 Jahren, also seit 1988, in der Mütter- und Väterberatung der Region St. Gallen. Seit 2006 ist sie Geschäftsführerin des Ostschweizer Vereins für das Kind (OVK) und Leiterin der Mütter- und Väterberatung. Die Stelle berät Eltern aus über 120 verschiedenen Nationen. Rosa Plattner ist verheiratet, hat zwei Töchter und ist zweifache Grossmutter. (oh)

Sie feiern in diesem Jahr Ihr 30-jähriges Dienstjubiläum bei der Mütter- und Väterberatung der Region St.Gallen. Diese arbeitet mit Leistungsaufträgen der Gemeinden. Leiten Sie eine Einrichtung, die dem Staat so früh wie möglich den Zugriff auf die Kinder ermöglichen soll?

Nein, es ist eine Einrichtung, die Eltern in ihrer sehr anspruchsvollen Aufgabe unterstützen soll. Ein Beispiel: Nehmen Sie die Internetsuche "Mein Kind isst nichts". Vor einigen Jahren kamen dazu bei Google etwa 20'000 Vorschläge. Später waren es dann etwa 100'000.

Heute habe ich nochmals nachgeschaut und konnte es kaum glauben: Es sind 6,2 Millionen Einträge.

Aus dieser Masse an Informationen noch herauszupicken, was für sie richtig ist, ist für Eltern reine Glückssache.

Das Meer an Erziehungstipps im Internet und all die Sachbücher reichen also nicht aus?

Die Gemeinden, die uns mittragen, fragen uns das auch immer wieder. Wir finden: Der Überfluss an Informationen ist ein wichtiger Grund, weshalb es uns immer noch braucht.

Das heisst, die Eltern sind überfordert mit der Informationsflut?

Das ist so. Wir beobachten, dass Eltern zunehmend verwirrt sind ob all der Erziehungsratschläge, Forumsdiskussionen und verschiedenen Tipps. Die Masse an Informationen ist das eine, das andere die Angebotsüberflutung. Wenn ich ein neues Auto kaufe, brauche ich schon recht viel Fachwissen, um aus Tausenden von Angeboten beispielsweise im Internet das Passende zu finden. Oder ich brauche Leute, die mich mit ihren Erfahrungen und Fachwissen unterstützen. Das Gleiche gilt für Erziehungsfragen und Beratungsangebote.

Sind junge Eltern heute schlechter auf die erste Zeit mit ihrem Baby vorbereitet als früher?

In meinen Augen hat nur schon der Kontakt zwischen Erwachsenen und Kindern im Allgemeinen abgenommen. Wenn ich werdende Eltern frage: "Wann hatten Sie zum letzten Mal ein Baby auf dem Arm?", dann müssen die meisten heute viel länger überlegen als vor 20 Jahren. Die Antwort lautet oft: "Ich hatte mein Gottenkind bei der Taufe auf dem Arm" oder "Ich habe als Teenager Babys gesittet". Ausserdem wird die Aufenthaltsdauer im Spital nach der Geburt immer kürzer. So gehen die Eltern also mit einem fertigen kleinen Menschen nach Hause. Sie wissen zwar alle, dass die ersten drei Jahre prägend sind, und man dort Fehler machen kann, die nicht so einfach wieder gutzumachen sind. Aber wie sie mit den Herausforderungen der ersten Monate umgehen sollen, müssen sie zuerst noch lernen. Zum Vergleich:

Von keinem Gemeindepräsidenten erwartet man, dass er nach drei Tagen alle Dossiers kennt. Von Eltern schon.

Der Gemeindepräsident hat seine erfahrenen Mitarbeiter und Experten. Die Mütter und Väter haben zum Beispiel uns.

Ist in den vergangenen Jahrzehnten Wissen über Säuglingspflege, das früher selbstverständlich war, verloren gegangen?

Unsere Gründerin, Frida Imboden-Kaiser, bemängelte schon im Jahr 1945 das Unwissen junger Eltern. Dabei waren die Familien damals noch deutlich grösser, es gab Mütterschulen und die Rüebli-RS, die Haushaltsausbildung für Frauen. Ich glaube aber schon, dass das individuelle Wissen über Kinderbetreuung und Erziehung eher abgenommen hat, während das Gesamtwissen exponentiell gewachsen ist. Diese Entwicklung geht klar auseinander.

Haben sich auch die Beziehungen innerhalb der Familie verändert? Nehmen junge Frauen heute weniger gern Ratschläge ihrer Mütter und Grossmütter an?

Ja. Hier erleben wir immer wieder Unterschiede zwischen Schweizer Familien und Migranten. Bei uns ist man schnell überzeugt, dass die Tipps der älteren Generationen veraltet sind. Bei vielen Migrationsfamilien hören wir hingegen oft: "Wir brauchen keine Beratung. Das weiss alles meine Schwiegermutter."

Von welchem Kulturkreis sprechen Sie?

Das gibt es in vielen Kulturkreisen. Unsere Aufgabe ist es dann, genau hinzuschauen, wo die Ressourcen in dieser Familie liegen, und wo wir sie begleiten und unterstützen können, weil bestimmtes Wissen vielleicht doch fehlt.

Als junge Mutter ist mir erst nach der Geburt aufgegangen, dass ich im Grunde keinen Plan hatte, wie Stillen geht. Ich hatte das Thema völlig unterschätzt, weil es ja alle machen.

Ja. Und dabei machen Sie das anfangs zehn- bis zwölfmal pro Tag. Wenn Sie sich dann jedes Mal Gedanken machen, ob Ihr Kind genug bekommt, oder ob Sie genug Milch produzieren, sieht Ihr Kind in den ersten Wochen oder Monaten ständig eine Mutter mit einem besorgten Gesicht. Das kann sich einprägen. Abgesehen davon, dass Stresshormone in die Milch gelangen. Da ist es dann vor allem auch für das Kind schön, wenn die Mutter Hilfe und Unterstützung annehmen kann.

2/2: Das Problem der schwer erreichbaren Familien habe sich entschärft, sagt Rosa Plattner. Dafür nimmt sie die Väter in die Pflicht. (Bild: Ralph Ribi)

2/2: Das Problem der schwer erreichbaren Familien habe sich entschärft, sagt Rosa Plattner. Dafür nimmt sie die Väter in die Pflicht. (Bild: Ralph Ribi)

Haben Sie in Ihren Beratungen vor allem "normale" Eltern, die nicht wissen, was sie mit ihrem schreienden Säugling machen sollen? Oder sind es eher Familien mit ernsteren Belastungen?

Sowohl als auch. Man hört ja immer wieder von den "schwer erreichbaren" Familien, die durch das Raster fallen, aus sozial schwachen Schichten oder Familien mit Migrationshintergrund. Diese erreichten wir in den vergangenen Jahren immer besser. Deshalb hat bei uns der Anteil an belasteten Familien stark zugenommen.

Welche Ausländerfamilien sind schwer zu erreichen?

Wir haben auch hier bei allen Kulturkreisen grosse Fortschritte gemacht, nicht zuletzt dank der hervorragenden interdisziplinären Zusammenarbeit zwischen Spitälern, Beratungsstellen und vielen anderen Akteuren. Vor einigen Jahren hatten wir festgestellt, dass es riesige Unterschiede gab, wer zu uns kam, und wer nicht. Die Tamilen beispielsweise erreichten wir zu 95 Prozent, weil sie Gesundheitszentren schon aus ihrer Heimat kannten. Albanische Familien hingegen erreichten wir kaum, da sie sich sehr auf ihre Familienstrukturen verlassen. Migration kann aber eine Belastung für die Entwicklungs- und Bildungschancen von Kindern sein. Deshalb haben wir das Engagement in diese Richtung verstärkt.

Was haben Sie getan?

Sehen Sie, in einem deutschsprachigen Kulturkreis würde man noch einmal einen Brief schicken oder die Formulierung in der Broschüre ändern, wenn man sieht, dass man einen Teil der Familien nicht erreicht. Bei Migrantenfamilien haben wir gemerkt, dass wir auch auf die Personen zugehen müssen, welche die Verantwortung für diese Familien tragen. Das sind manchmal weder die Väter noch die Mütter, sondern der Clanchef, die Schwiegereltern, Grosseltern oder der religiöse Führer.

Und das hat genützt?

Ja, sehr. Wir haben diese Personen gefragt, was sie brauchen, und was ihre Kinder brauchen. Erklärt, wer wir sind, was wir machen und unsere Arbeit vorgestellt. Oft sind in der Woche nach einem solchen Anlass die Anmeldungen bei uns sprunghaft angestiegen. Dann hiess es:

"Mein Imam hat gesagt, ich muss kommen."

So haben wir versucht, neue Wege zu finden, damit uns die Leute besser verstehen und kennenlernen. Und konnten Misstrauen abbauen: Dass wir nicht die "Kontrolle" sind, die vorbeikommt, und der man beispielsweise alle Zimmer zeigen muss. Sondern, dass wir mithelfen möchten, dass die Kinder einen möglichst guten Start bekommen.

Welches sind die häufigsten Fragen, die junge Eltern Ihnen stellen?

Es wird viel mit dem Nachbarskind verglichen. "Mein Kind tut das und das nicht, das andere aber schon." Durch Mutter-Kind-Treffs, Spielgruppen und andere Möglichkeiten des Austauschs werden die Kinder viel früher miteinander verglichen. Da werden viele Eltern unsicher, ob sich ihr Kind gesund entwickelt. Hier leisten wir viel Übersetzungsarbeit und klären auf, weshalb die Natur dies und das so eingerichtet hat. Und warum beispielsweise Kinder klammern, die Angst haben, sich von der Mutter zu entfernen. Oder weshalb Babys, die nie Chance bekommen, sich am Boden frei zu bewegen und ihre Muskeln zu brauchen, bestimmte Entwicklungsschritte unvollständig oder erst später vollziehen können, um kriechen oder gehen zu lernen.

Es ist also weniger frühe Bildung der Kinder als Bildung der Eltern, die sie leisten?

Richtig. Es geht darum, für Kinder eine entwicklungsfördernde Umgebung zu schaffen. Wir versuchen, Eltern dort zu helfen, wo sie anstehen. Und sie auf Punkte und Zusammenhänge aufmerksam zu machen, derer sie sich vielleicht nicht so bewusst sind. Oft hilft es auch, die Eltern zu fragen, wie sie aufgewachsen sind. Da zeigt sich dann in Migrantenfamilien manchmal, dass die Eltern in ihrer Kindheit sehr wohl draussen im Rudel mit anderen Kindern spielten. Sie selber aber vergessen, das es wichtig wäre, dass auch ihre Kinder unbeschwert draussen spielen können.

Welches sind die grössten Fallstricke für junge Eltern im Jahr 2018?

Diese Besorgnis, etwas falsch zu machen, kombiniert mit schlechtem Gewissen. Das geht durch alle Bildungsschichten hindurch. Da kann man sich gerne Teenagermütter zum Vorbild nehmen, die oft viel unbeschwerter mit ihrem Kind umgehen, da sie noch gar nicht so viel wissen darüber, was ihrem Kind alles schaden könnte. 40-jährige Mütter hingegen haben schon so viele Erfahrungen gemacht und so viel gehört und gelesen, dass sie mit langen Fragelisten zu uns kommen.

Ist das schlechte Gewissen ein Mütterproblem?

Total. Viele Mütter denken, sie hätten versagt, wenn ihr Kind weint oder fremdelt. Dabei sind das alles wichtige Entwicklungsschritte. Erschwerend kommt heute sicher hinzu, dass sich nach der Geburt vieles beschleunigt hat. Durch die frühe Rückkehr vieler Mütter in den Beruf muss alles, was nach der Geburt Zeit braucht und sich langsam einspielen müsste, sehr schnell gehen. Stillen, Schlaf-Wach-Rhythmus, das Aufbauen einer Bindung, die Organisation der Familie und der Kinderbetreuung. Das bringt viel Stress für die Mütter – und es bleibt auch meist an ihnen hängen. Noch heute.

Wären hier die Väter mehr gefragt?

Die Realität ist, dass die Rückkehr an den Arbeitsplatz nach der Geburt für die Mütter viel komplizierter ist als für Männer. Dort, wo die Männer könnten, sollten sie also mitwirken, so dass nicht immer die Mütter die Hauptlast tragen. Und zwar auch nach einem Vaterschaftsurlaub. Ein Beispiel: Welcher Vater bleibt zu Hause, wenn die Kinder krank sind? Wer verschiebt seine Sitzung, wer organisiert das Geschenk für den Kindergeburtstag, wer geht mit an die Spielgruppenreise? Das sind doch fast immer die Mütter.

Und was sagen Sie diesen Müttern?

Dann schauen wir, wo und von wem diese Mutter mehr Unterstützung bekommen könnte. Vielleicht muss der Vater dann auch einmal auf eine Trainingseinheit verzichten oder mit seinem Arbeitgeber sprechen.

Müssten denn die Frauen selbstbewusster werden und mehr einfordern?

Das Problem: Das mag man nicht, wenn man mit seinen Kräften am Ende ist. Ist man einmal in dieser Situation, mag man als Mutter nicht auch noch gross Forderungen stellen. Überdies hat der Kleinkinderbereich keine grosse Lobby. Deshalb war es wichtig, dass der Kanton im Jahr 2015 eine Strategie in Kraft gesetzt hat, die alle Gemeinden in der Frühen Förderung unterstützt.

Das heisst für Sie, wenn der Staat möchte, dass die Frauen arbeiten, muss er ihnen helfen?

Ja, das eine geht nicht ohne das andere. Und je früher man Kindern eine ruhige, sichere Kindheit ermöglicht, desto besser ist das für die Volkswirtschaft. Darüber gibt es genug Studien.

Mehr Informationen und Kontakte zu Mütter- und Väterberatung und Ostschweizer Verein für das Kind: www.ovk.ch

Veranstaltungshinweis

Rosa Plattner spricht am Mittwoch, 19. September 2018, 18.30 bis 20.30 Uhr an der Veranstaltung "Schule und Pädiatrie im transkulturellen Spannungsfeld" an der Fachhochschule St.Gallen, Rosenbergstrasse 59, in St.Gallen im grossen Plenarsaal im Parterre. Der Abend findet im Rahmen der Vortragsreihe "Schule & Pädiatrie" des Vereins Ostschweizer Kinderärzte und des Ostschweizer Kinderspitals statt. Weitere Referenten: Prof. Dr. Andrea Lanfranchi, Dozent und Forscher an der Interkantonalen Hochschule für Heilpädagogik in Zürich. Einführung durch Dr. med. Franz Fitze, Verein Ostschweizer Kinderärzte. Der Eintritt ist frei. (pd)

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