Sie sind die Profiteure des Klimawandels: Der milde Winter hilft Wildtieren zu überleben

Die Wildtiere trauern dem ausbleibenden Schnee nicht nach: Das milde Wetter bringt einige Vorteile mit sich.

Leoni Noger
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Ein Anblick, der den milden Januartemperaturen zu verdanken ist: Rehe auf einem offenen Feld im Rheindelta.

Ein Anblick, der den milden Januartemperaturen zu verdanken ist: Rehe auf einem offenen Feld im Rheindelta.

Leserbild: Edgar Huber

Sonnenschein und grüne Wiesen Mitte Januar. Während dies den Skilift- und Loipenbetreibern Sorgen bereitet, profitieren davon die Wildtiere. Dank der milden Temperaturen schlagen sie sich leichter durch den Winter. «Die meisten Arten finden viel mehr und besser Nahrung», sagt Roman Kistler, Leiter der Jagd- und Fischereiverwaltung im Thurgau.

Die Rehe würden bei einer geschlossenen Schneedecke im Wald ihre Nahrung suchen. «Dieses Jahr kann man aber im Januar häufiger Rehe auf den Wiesen beobachten.» Auch Störche, die nicht in den Süden ziehen, profitieren. In kalten Wintern müssen sie teilweise zusätzlich gefüttert werden, was dieses Jahr noch nicht nötig war.

Dominik Thiel, Amtsleiter für Natur, Jagd und Fischerei im Kanton St.Gallen, sagt, dass die Wildtiere dank dem milden Winter kaum von ihren Fettreserven zehren oder erfrieren müssen. «Diesen Winter rechnen wir mit einer kleinen Sterbezahl.» Doch es gebe auch eine Schattenseite: Bei milden Temperaturen gedeihen die Parasiten besser. Die Zecken sind nun auch den Winter durch aktiv und können die Wildtiere auch schädigen, so Thiel. Er sagt:

«Mit der Klimaerwärmung haben wir eindeutig mehr Wildtiererkrankungen als früher.»

Den Winterschlaf gibt’s auch noch in Zukunft

«Vögel, die in den Süden ziehen, fliegen grundsätzlich schon im Frühherbst. Im August oder September, wenn der Winter noch überhaupt nicht hier ist», erklärt Roman Kistler. Auch die Tierarten, die Fettreserven anlegen, tun dies bereits vor dem Winter.

Thiel sieht ebenfalls keine grossen Verhaltensänderungen bei den Tieren. Es könne aber durchaus einmal ein Vogel aus dem Norden auf seiner Reise nach Spanien in der Schweiz hängen bleiben.

Dass das Verhalten der Tiere nicht von der Temperatur abhängt, zeigt Thiel am Beispiel des Hirsches. Im Werdenberg seien Herzschläge und Körpertemperaturen von Hirschen mit Pansensonden gemessen worden. In einem milden Winter hätten die Tiere Mitte Dezember genauso ihren Körperstoffhaushalt heruntergefahren wie jedes Jahr. «Das ist wie ein internes Programm», sagt Thiel.

«Das Verhalten der Tiere ist primär nicht durch die Temperatur, sondern durch die Sonnenscheindauer geprägt.»

Hirsch und Gams ruhen also zurzeit sowieso, ob mit oder ohne Schnee. Nur ein Tier nennen beide Amtsleiter als Ausnahme. «Der Dachs hält eigentlich eine Winterruhe. Wenn es warm ist, kann es sein, dass er im Februar häufiger aufwacht und unterwegs ist», sagt Kistler.

Das beste Revier oder der Tod vor dem Frühling

Nicht alle Tiere halten sich aber im Winter an die bewährten Überlebensstrategien ihrer Artgenossen. «Gewisse Tiere machen auch auf Risiko», sagt Dominik Thiel. Einzelne Vögel etwa, die nicht in den Süden ziehen, oder Hirsche, die trotz Kälte in den höheren Lagen bleiben und auf einen milden Winter hoffen. Der Vorteil sei, dass sie sich im Frühling als erste das beste Revier sichern können. Kommt die Kälte aber doch, bezahlen die Tiere mit ihrem Leben.

Ob die Risikofreudigen dieses Jahr aufs richtige Pferd gesetzt haben, wird sich erst noch zeigen. «Wir haben erst Mitte Januar. Es kann durchaus noch einen Kälteeinbruch geben», sagt Thiel.

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