«Sie hat mir leid getan»: Warum der Aargauer SVP-Nationalrat Thomas Burgherr und Spendende aus der Ostschweiz Ninas Schulden bezahlt haben

Mit 15 Mutter und 25'000 Franken Schulden vom Ex-Freund: Nachdem Nina* ihre Geschichte erzählt hatte, erhielt sie viel Mitgefühl. Hilfsbereite Menschen aus der ganzen Schweiz wollten die junge Appenzellerin unterstützen. Spendende, darunter der Aargauer SVP-Nationalrat Thomas Burgherr, erzählen nun, wie sie Nina aus den Schulden geholfen haben.

Stephanie Martina
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Thomas Burgherr, Aargauer SVP-Nationalrat.

Thomas Burgherr, Aargauer SVP-Nationalrat.

Bild: Keystone

«Es war ein Entscheid aus dem Bauch heraus», sagt der Aargauer SVP-Nationalrat Thomas Burgherr. Er habe helfen wollen, weil Nina ihm leid getan habe. Vor allem deshalb, weil sie wegen der Schulden ihr Kind zu Pflegeeltern habe geben müssen. «Ich bin Vater von drei Kindern und konnte mir vorstellen, wie schlimm es für die junge Frau sein musste, von ihrer Tochter getrennt zu sein.» Er habe realisiert, dass Nina einen grossen Schuldenberg vor sich habe, den sie alleine nicht überwinden könne. Kurzentschlossen nahm Burgherr mit ihr Kontakt auf.

«Am Telefon wurde mir sofort klar, dass sie nicht einfach darauf gewartet hat, dass ihr jemand hilft.»

Sie habe selbst viel unternommen, um ihre Situation zu verbessern, habe es aber wegen ihrer beschränkten finanziellen Mittel nicht geschafft, sagt der 57-Jährige.

Burgherr bezahlte für Nina mehrere Rechnungen für insgesamt 3500 Franken, unter anderem für eine Autoreparatur. Denn ohne das Auto könnte Nina ihre Tochter nicht besuchen, da die Pflegefamilie zu abgelegen wohnt.

Persönlich habe er Nina bislang nicht getroffen. Sie hätten jedoch abgemacht, gemeinsam mit der Familie einen Ausflug mit den Kindern zu unternehmen. «Das werden wir bestimmt tun», sagt Burgherr. Ab und zu erkundige er sich bei Nina per Mail, wie es ihr gehe. Und er freue sich, dass sie inzwischen weniger bedrückt wirke. «Man merkt ihr an, dass ihre Sorgen kleiner geworden sind. Das ist schön.»

Als ihre Tochter halbjährig war, gab Nina sie zu Pflegeeltern. Denn um die Schulden ihres Ex-Freundes zu bezahlen, musste die junge Frau arbeiten gehen.

Als ihre Tochter halbjährig war, gab Nina sie zu Pflegeeltern. Denn um die Schulden ihres Ex-Freundes zu bezahlen, musste die junge Frau arbeiten gehen.

Bild: Ralph Ribi

Ein unerwartetes Wiedersehen

Ein Ehepaar aus dem Kanton Appenzell Innerrhoden, das anonym bleiben möchte, hat Ninas Schulden von rund 5500 Franken beim Sozialamt beglichen. «Wir spenden sonst keine grösseren Beträge, weil man nie recht weiss, wofür das Geld schliesslich verwendet wird», sagt der Spender. Doch die Geschichte von Nina habe ihn und seine Frau berührt, und sie hätten die Gelegenheit ergriffen, ganz gezielt einer bedürftigen Person zu helfen.

«Uns geht es gut. Deshalb wollten wir ihr das Leben leichter machen.»

Die junge Frau habe auf sie den Eindruck gemacht, als würde sie aus den Schulden rauskommen wollen, ihr das aufgrund der widrigen Umstände aber nicht gelinge. Via Sozialamt hätten sie die Schulden direkt beglichen.

Wenig später habe sich Nina bei ihm und seiner Frau gemeldet, um sich zu bedanken. «Wir haben uns dann mit ihr verabredet und uns in einem Restaurant in Appenzell getroffen. Auf Anhieb hatten wir das Gefühl, dass wir das Geld gut investiert haben», erzählt der Mann. Sie hätten Nina als willensstarke und aufrichtige Person kennengelernt.

«Ich war erstaunt, wie offen sie war. Wir waren für sie ja wildfremde Menschen.»

Im Laufe des Gesprächs stellte sich dann aber heraus, dass man sich nicht ganz so fremd war. Der Spender hatte seine Töffausrüstung im Geschäft gekauft, in dem Nina ihre Lehre zur Motorradmechanikerin absolviert. Deshalb ist das Paar auch überzeugt, dass man sich wiedersehen werde. Spätestens, wenn beim Töff der Service fällig sei.

Geld, Wolle und ein Strickkurs

Eine Frau, die im Ausserrhodischen einen Wollladen führt – auch sie möchte anonym bleiben–, bezahlte für Nina Krankenkassenrechnungen von rund 2500 Franken. «Ihre Geschichte bestürzte mich. Ich fand es schlimm, dass jemand, der so jung ist, all das erleben muss. Dass so etwas in der Schweiz passieren kann, hätte ich nie gedacht.» Als Nina von der Krankenkasse einige Wochen später 130 Franken zurückerstattet bekam, habe sich die 26-Jährige gemeldet und das Geld zurückgeben wollen. Doch sie habe ihr gesagt, sie dürfe das Geld behalten und sich etwas Schönes kaufen, erzählt die 66-Jährige.

Nina sei daraufhin bei ihr im Laden vorbeigekommen, um sich zu bedanken.

«Es war eine emotionale Begegnung. Sie war sehr nett, aber wahnsinnig traurig – vor allem wegen ihres Kindes.»

Um sie zu trösten, habe sie Nina angeboten, dass sie Wolle holen dürfe, wann immer sie wolle, und sie ihr auch einen Strickkurs geben könne. «Sie hat sich sehr gefreut, aber im Moment bleibt ihr kaum Zeit zum Lisme. Für ihre Ausbildung hat sie viel zu tun, und die freie Zeit verbringt sie meist mit ihrer Tochter.»

Freude bei der Winterhilfe

Regina Dobler, Leiterin der Geschäftsstelle der Winterhilfe Appenzell Innerrhoden.

Regina Dobler, Leiterin der Geschäftsstelle der Winterhilfe Appenzell Innerrhoden.

Bild: pd

Dass Nina heute schuldenfrei ist, freut Regina Dobler. Sie leitet die Geschäftsstelle der Winterhilfe Appenzell Innerrhoden, und diese hat die 26-Jährige bereits im vorletzten Jahr finanziell unterstützt. «Sie hat sich damals bei uns gemeldet und ihre Situation geschildert. Ein Blick in ihre Finanzen und Unterlagen zeigte deutlich, dass sie kein Geld besass und sich in grosser Not befand», erinnert sich Dobler. Die Winterhilfe habe dann einzelne offene Rechnungen beglichen.

Die Winterhilfe übernimmt nicht nur Rechnungen, die dringend bezahlt werden müssen, sondern unterstützt Menschen in Armut auch durch Sachspenden oder Einkaufsgutscheine. Diese punktuelle Unterstützung finanziert die kantonal organisierte Hilfsorganisation durch Spendengelder. Dobler ist überzeugt, dass Nina es ohne die Hilfe von grosszügigen Spendern mit ihrem Lehrlingslohn kaum geschafft hätte, dem Schulden-Teufelskreis in den nächsten Jahren zu entkommen. «Die Geschichte der jungen Frau beweist: Armut ist oft unsichtbar, aber mitten unter uns.»

* Name der Redaktion bekannt. Ebenso die Namen der Spendenden.

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