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«Ich weiss doch, was für mein Kind gut ist»: So lief der erste Tag im Prozess um das tote Mädchen von Staad

Vor drei Jahren fand die Polizei in einem Wohnhaus in Staad ein totes Mädchen. Das zweijährige Kind war offenbar stark vernachlässigt worden. Seit Dienstag stehen die Eltern in St. Gallen vor Gericht.
Regula Weik
Sie bestreiten, ihre Tochter vernachlässigt zu haben: der beschuldigte Vater und die beschuldigte Mutter gestern vor Gericht. (Illustration: Sibylle Heusser)

Sie bestreiten, ihre Tochter vernachlässigt zu haben: der beschuldigte Vater und die beschuldigte Mutter gestern vor Gericht. (Illustration: Sibylle Heusser)

Auch die beiden Beschuldigten nutzen die Mittagpause, um sich die Beine zu vertreten. Sie mischen sich unter die Passanten in den Gassen der St. Galler Altstadt. Ein unauffälliges Paar. Der Mann trägt Jeans und eine dunkle Jacke, die Kapuze hat er hochgeschlagen, eine Zigarette im Mund. Die Frau hat einen Schal um den Hals geschlungen, trägt eine schwarze Hose und eine weiss-schwarze Jacke. Auch sie hat die Kapuze hochgeschlagen. Darunter verbirgt sich eine schwarze, mit Steinen besetzte, glitzernde Mütze. Sie behält sie den ganzen Tag auf.

Gerade noch sassen die beiden im grossen Saal des St. Galler Kantonsgerichts. Sie stehen im Verdacht, ihre kleine Tochter vernachlässigt zu haben, bis sie starb. Am Dienstag standen die beiden wegen vorsätzlicher Tötung vor Gericht.

Das Vorgefallene belaste ihn. Er habe den Tod der Tochter noch nicht verarbeiten können, hatte der beschuldigte Vater am Vormittag bei der richterlichen Befragung zu Protokoll gegeben.

«Ich musste ihren Tod auf die Seite schieben – wegen des ganzen Stresses.»

Der Mann hat eine kräftige Stimme, er spricht Klartext – meistens jedenfalls. Wortkarg wird er dann, wenn es um seinen angeblichen Kokainkonsum und seine Nähe zu den Hells Angels geht. «Dazu möchte ich nichts sagen.»

Schweigsam, manchmal weinerlich, wird er auch, wenn es um seine Familie geht, seine ebenfalls beschuldigte Lebenspartnerin und die gemeinsame Tochter. Sie war im Sommer 2015, knapp zweijährig, tot im Haus ihrer Eltern in Staad aufgefunden worden.

Der Beschuldigte ist 55, Logistiker, ausgesteuert. Ende 2014 verlor er seine Arbeitsstelle. Seit 2017 hat er wieder einen Job, zu einem Stundenlohn von 30 Franken, keine Fixanstellung. «Ich gehe nicht aufs Sozialamt», sagt er.

Auf die Frage des Gerichtsvorsitzenden, wie er seine Lebenspartnerin und Mutter des gemeinsamen Kindes kennen gelernt habe, antwortet er: «Über ihre Dienste, die sie anbot. Ich buchte sie.» Also eine Prostituierte? «Nein», wehrt sich der Beschuldigte vehement. «Es war ein Begleitservice.» Später wird er sagen, dass ihm «ihre Hauptbeschäftigung ein Dorn im Auge» gewesen sei.

Von Drogenkonsum wollen
die Beschuldigten nichts wissen

Das Kind sei kein Wunschkind gewesen. «Es war ein Spiralen-Unfall.» Doch er habe sich korrekt verhalten. Sie hätten gemeinsam das Sorgerecht. Seine Lebenspartnerin habe allerdings nur eingewilligt, wenn er sich «nicht in die Erziehung» einmische. «Sie war die Chefin im Haus.» Er habe nicht den Eindruck gehabt, dass sie es mit dem Kind nicht im Griff habe. Er habe ja anfangs noch voll gearbeitet. Aber an den Wochenenden sei er für die Tochter dagewesen, auch in die Ferien seien sie mit ihr gefahren.

Später wird er sagen: Er habe seine Vaterrolle erst später richtig erfüllen wollen, dann «wenn die Tochter zu laufen und zu reden begonnen habe». Vorwürfe, er habe sich zu wenig um die Tochter gekümmert, weist er von sich. Er würde sie nie auch nur eine Minute alleine im Haus lassen. Und: Sie sei in seinen Augen kerngesund gewesen.

«Gute Geschichtenerzähler»

Anders tönt es von der Staatsanwältin. Die Tochter sei arg vernachlässigt worden. Die Eltern hätten sie jeweils über Stunden alleine zu Hause gelassen. Sie hätten das Kleinkind nicht altersgerecht ernährt und seine körperliche Hygiene vernachlässigt. So habe sich denn auch eine Halbschwester des Kindes bei den Wochenendbesuchen geweigert, im selben Zimmer zu übernachten – «weil es dort derart stark stinkt». Die Mutter wird dies später abstreiten. Ihre Kinder seien «gute Geschichtenerzähler». Sie hat drei weitere Kinder, die nicht bei ihr leben.

Die Beschuldigte ist 35, Deutsche, Hausfrau, geschieden. Sie habe viele Jahre als Prostituierte gearbeitet, bis die Wünsche der Freier immer abartiger geworden seien. Dann habe sie noch zwei Studios und einen Escort-Service geführt. So habe sie auch den Vater ihrer verstorbenen Tochter kennen gelernt. Er habe sie «übers Telefon bestellt». Sie lacht. Nach der Geburt habe sie sich fast ausschliesslich um das Kind gekümmert.

Hat sie nicht mitbekommen, dass sich ihre Mutter um die Enkelin sorgte? Sie verneint. Sie habe teils wochenlang nicht mit ihr geredet. Auf die Frage des Gerichtspräsidenten, weshalb sie mit ihrem Baby nie einen Arzt aufgesucht habe, antwortet sie: «Ich habe meine liebe Mühe mit Kinderärzten.» Und:

«Ich habe doch Mutterinstinkte. Ich weiss doch, was für mein Kind gut ist.»

Ihre Tochter sei gesund und normal entwickelt gewesen.

Die Staatsanwältin zeichnet ein völlig anders Bild. Die Eltern hätten das Kleinkind arg vernachlässigt und es immer stärker abgeschottet – «um sein krasses Alleinsein zu vertuschen», um sich keinen kritischen Fragen stellen zu müssen. Sie hätten ihr Umfeld immer wieder hinters Licht geführt. Das Leben der Eltern habe sich auch nach der Geburt der Tochter vorwiegend um die harten Drogen gedreht. Und nicht ums Kind. Ihre Erklärungen seien «reine Schutzbehauptungen, abenteuerlich und widersprüchlich». Die beiden hätten Kokain konsumiert. Fast täglich.

Der Beschuldigte habe sich innert sechs Monaten hundertmal mit «seinem» Dealer getroffen, meistens in Rorschach. Insgesamt habe er so innert drei Jahren nahezu drei Kilogramm Kokain gekauft – im Wert von 180'000 Franken. Zwei Kilo habe er selber konsumiert, ein Kilo der Mutter gegeben – unentgeltlich. Die Mutter habe gewusst, dass ihr Drogenkonsum die kleine Tochter in ihrer Entwicklung gefährdete, so die Staatsanwältin. Sie habe dies in Kauf genommen – und weiter konsumiert, während der Schwangerschaft, während des
Stillens.

Langjährige Freiheitsstrafen gefordert

«Ich habe gut zu meiner Tochter geschaut. Ich würde die Zeit gerne zurückdrehen», sagt die Mutter schluchzend vor Gericht. Auf die Frage, wann sie das Kind letztmals lebend gesehen habe, antwortet sie: «Am Abend des 25. Juni.» Am 26. Juni habe sie das Kind tot aufgefunden. Sie sei «voller Angst und Panik» gewesen. Deshalb habe sie auch niemandem etwas gesagt, auch dem Vater nicht. Sie habe dann einen Koffer geholt, die Matratze und das Kind in den Koffer gepackt und in den Keller gebracht. Später habe sie das Kind nochmals aus dem Koffer geholt. «Ich hatte Angst, dass es im Keller friert.» Sie habe es frisch und wärmer angezogen und wieder in den Koffer gepackt.

Laut Staatsanwaltschaft muss das Kind mehrere Tage im heissen Dachzimmer gelegen haben. Erst Tage später habe die Mutter den bereits stark verwesten Körper ihrer Tochter in einen Koffer gepackt und diesen im Keller hinter einer Kartoffelhurde versteckt. Dort fand es die Polizei.

Die Staatsanwaltschaft beantragt für die Mutter wegen vorsätzlicher Tötung, Verletzung der Fürsorge- und Erziehungspflichten und mehrfacher Widerhandlung gegen das Betäubungsmittelgesetz eine Freiheitsstrafe von 10,5 Jahren, für den Vater eine Freiheitsstrafe von 8 Jahren. Der Prozess wird am Mittwoch mit den Plädoyers der Verteidigung fortgesetzt.

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