Dank dieser jungen Palästinenserin aus St.Gallen können mehr Migranten studieren

An einer Deutschschweizer Fachhochschule Soziale Arbeit zu studieren, war für Flüchtlinge und Migranten bisher so gut wie unmöglich. Das ändert sich jetzt.

Adrian Lemmenmeier
Drucken
Teilen
Die 29-jährige Palästinenserin Donia Gudeh beginnt im Februar ihr Studium an der Fachhochschule St.Gallen.

Die 29-jährige Palästinenserin Donia Gudeh beginnt im Februar ihr Studium an der Fachhochschule St.Gallen.

Bild: PD/Heks/Hélène Tobler

Wer soll die deutsche Sprache besser beherrschen: eine Germanistin oder ein Sozialarbeiter? Den Zulassungsbedingungen von Deutschschweizer Universitäten und Fachhochschulen zufolge ist die Antwort klar: der Sozialarbeiter. Bislang mussten Fremdsprachige, die an einer Fachhochschule Soziale Arbeit studieren wollten, ein C2-Diplom in Deutsch vorweisen. Dieses Zertifikat ist das höchste der sechsstufigen Kompetenzskala, es attestiert «annähernd muttersprachliche Kenntnisse». Für deutsche Sprachwissenschaft an einer Uni hingegen genügt das zweithöchste, das C1-Diplom. Ebenso für andere Studiengänge an Fachhochschulen, zum Beispiel für angewandte Psychologie.

Nun hat die Fachhochschule St.Gallen (FHS) ihr Reglement geändert. Ab dem kommenden Semester genügt – neben einem ausreichenden Bildungsabschluss, Berufserfahrung und einem sozialen Praktikum – ein C1-Diplom, um mit dem Studium der Sozialen Arbeit zu beginnen. Einen entscheidenden Anstoss zu dieser Änderung gegeben hat ­Donia Gudeh. Die 29-jährige Palästinenserin aus Damaskus lebt seit sechs Jahren in St.Gallen. Sie hatte 2018 alle Zulassungsbedingungen für das Studium der Sozialen Arbeit erfüllt, scheiterte aber trotz sehr guter Deutschkenntnisse mehrfach an der C2-­Prüfung. Daraufhin setzte sich das Hilfswerk der Evangelischen Kirchen Schweiz (Heks) bei der FHS dafür ein, die Aufnahmebedingungen anzupassen – und trat gegen eine Mauer, die ohnehin wankte.

«Ich wusste nie, ob ich am Abend wieder nach Hause komme»

Donia Gudeh sitzt in einem Büro des Heks Ostschweiz, keine fünf Gehminuten von der St.Galler Fachhochschule entfernt. Sie habe schon immer studieren wollen, sagt sie. Doch 2011 stürzte Syrien in einen Bürgerkrieg. Er vereitelte Gudehs Pläne. Ruhig und detailgenau erzählt die junge Frau ihre Geschichte. Erzählt, wie sie im Krieg jeden Tag ihre beiden Kinder zur Arbeit mitnehmen musste. «Ich wusste nie, ob ich am Abend wieder nach Hause komme.» Denn der Arbeitsweg führte zeitweise über die Frontlinie. In Einerkolonne passierten Zivilisten Kontrollposten. «Ständig hörten wir Schüsse.»



Flüchtlinge an der Uni

Wie viele Asylsuchende, anerkannte Flüchtlinge und vorläufig Aufgenommene in der Schweiz einen Mittel- oder Hochschulabschluss haben, ist nicht bekannt. Das SEM erhebt im Asylverfahren keine Daten zur Ausbildung. Experten schätzen, dass gut zehn Prozent dieser Migranten ein solches Diplom vorweisen können. Die Abteilung Mosaiq des Hilfswerks der Evangelischen Kirchen der Schweiz (Heks) hat sich auf die Begleitung und Beratung gut ausgebildeter Migrantinnen und Migranten spezialisiert. Mit dem Ziel, dass deren berufliches Potenzial in der Schweiz anerkannt und genutzt wird. (al)

Gudeh wohnte in Jarmuk, einem Stadtteil im Süden von Damaskus, in den 1950er-Jahren als Flüchtlingslager für Palästinenser gegründet. Ihre Grosseltern wurden 1948 aus Palästina vertrieben und fanden hier eine neue Heimat. Zwei Generationen später musste die Familie erneut fliehen. Denn Jarmuk wurde im Syrienkrieg zum Schauplatz heftiger Kämpfe. Mal hielt die freie syrische Armee das Lager, mal Assads Truppen, mal palästinensische Milizen, mal die salafistische Al-Nusra-Front, dann der IS. Schliesslich eroberten die Regierungstruppen Jarmuk zurück. Vor dem Krieg lebte hier eine Viertelmillion Menschen. 2018 waren es noch gut 1000.

Zu diesem Zeitpunkt war Gudeh längst weg. 2014 floh sie mit ihren Kindern und ihrer Grossmutter in Richtung Türkei. Der Weg führte über das vom IS kontrollierte Aleppo. Ihr Geld versteckte Gudeh im Futter der Winterjacke, damit es die IS-Schergen, die den Bus kontrollierten, nicht fanden. Doch die Kämpfer liessen die Familie in Ruhe, herrschten nur den Fahrer an, eine Frau dürfe im Bus nicht so weit vorne sitzen. «Ich hatte unglaubliche Angst», sagt Gudeh heute. Die Flucht verlief glimpflich. Im Schutz von meterhohem Mais querte die Familie die grüne Grenze zur Türkei. In Istanbul erhielt sie auf der Schweizer Botschaft humanitäre Visa. Verwandte in St.Gallen hatten sie organisiert.

Palästinenser und Syrer warten in einer zerstörten Strasse von Jarmuk auf eine Nahrungsmittellieferung. Das Bild wurde im Februar 2014 vom UN-Hilfswerk für Palästina-Flüchtlinge UNRWA veröffentlicht.

Palästinenser und Syrer warten in einer zerstörten Strasse von Jarmuk auf eine Nahrungsmittellieferung. Das Bild wurde im Februar 2014 vom UN-Hilfswerk für Palästina-Flüchtlinge UNRWA veröffentlicht.

United Nation Relief And Works A / EPA

«Selbst manche Maturanden hätten Mühe mit dieser Prüfung»

In der Schweiz lernte Gudeh schnell Deutsch. Bald schnupperte sie als Verkäuferin, bald als Coiffeuse, brach aber wieder ab. Sie wollte nicht einfach arbeiten, um Geld zu verdienen, sondern sich entfalten, endlich studieren. Beim Frauenhaus St.Gallen machte Gudeh ein Praktikum, 2018 bestand sie die Zulassungsabklärung für das Studium der Sozialen Arbeit an der FHS. Ihr fehlte nur das C2-Diplom.

Jelena Milošević, die beim Heks qualifizierte Migrantinnen und Migranten berät, unterstützte Gudeh in der Vorbereitung. «Ich habe gemerkt, dass diese Prüfung für jemanden, der erst wenige Jahre in der Schweiz ist, fast unlösbar ist», sagt sie. Das bestätigt der pensionierte Kantonsschullehrer Max Sauter, der Gudeh als freiwilliger Mentor auf das Examen vorbereitete. «Selbst manche Maturanden hätten Mühe mit dieser Prüfung.» Diese müssen sie aber für die Zulassung an die Fachhochschule nicht ablegen – eine klare Ungleichbehandlung, findet Milošević.

Gudeh trat dreimal zur Prüfung an, bestand sie aber jedes Mal nur teilweise. Derweil lobbyierte Milošević an der Fachhochschule für eine Änderung der Aufnahmebedingungen. Sie stiess auf offene Ohren. In der Konferenz der Fachhochschulen für Soziale Arbeit der Schweiz (Sassa) habe man seit Jahren immer wieder darüber diskutiert, die Hürden für Fremdsprachige zu senken, sagt Barbara Fontanellaz. Sie ist Fachbereichsleiterin Soziale Arbeit an der FHS und Präsidentin der Sassa. «Das Heks hat zu Recht darauf hingewiesen, dass das C2-Diplom für Flüchtlinge und Migranten eine fast unüberwindbare Hürde darstellt.» Nach intensiven Diskussionen entschied die Sassa im Dezember einstimmig, die Zulassungsbedingungen anzupassen. Die Deutschschweizer Fachhochschulen änderten daraufhin die Reglemente – oder werden es noch tun.



Der Röstigraben der Sozialen Arbeit

In der Westschweiz liegt die sprachliche Hürde für Soziale Arbeit tiefer: An der Haute école spécialisée de Suisse occidentale (HES-SO) in Delémont reicht ein B2-Diplom in Französisch, um mit dem Studium zu beginnen. Man orientiere sich am Maturaniveau der deutsch- und italienischsprachigen Schweiz, sagt Olivier Grand, Bereichsleiter Soziale Arbeit an der HES-SO. Zeige sich während des Studiums, dass Studierende Mühe mit der Sprache hätten, müssten sie ihre Kenntnisse verbessern. Wer wegen schlechter Sprachkenntnisse die Prüfungen nicht bestehe, dem drohe der Ausschluss.

Wieso aber galten in der Deutschschweiz im Vergleich zu anderen Studiengängen sehr hohe Anforderungen für Fremdsprachige? Der Grund, weshalb man vor Jahren entschieden habe, C2 als Voraussetzung festzulegen, lasse sich heute nicht mehr rekonstruieren, sagt Sassa-Präsidentin Fontanellaz. In der Sozialen Arbeit sei es aber wichtig, das Gegenüber sehr gut zu verstehen. So gesehen seien hohe Ansprüche aus fachlicher Sicht berechtigt. Allerdings unterscheide sich das Niveau C2 von C1 vor allem durch die Grösse des Wortschatzes – weniger hinsichtlich des alltäglichen Sprachgebrauchs. (al)

Anderthalb Jahre konnte Doniah Gudeh ihr Studium nicht beginnen, weil sie nicht über die Deutschkenntnisse einer Muttersprachlerin verfügt. Nun klappt es dennoch; im Februar beginnt das Semester. «Ich bin überglücklich», sagt Gudeh. Wohl nicht nur sie, erleichtert die Änderung doch auch anderen Fremdsprachigen den Zugang zum Studium. Und was plant sie mit dem angestrebten Bachelor? «Ich möchte in einem Asylzentrum arbeiten.» Und später wolle sie irgendwie den Menschen in ihrer Heimat helfen.