SICHERHEIT: Senioren fühlen sich ausgebremst

In der Ostschweiz müssen immer mehr ältere Autofahrer ihr «Billett» abgeben. Seniorenvertreter bezeichnen die verschärften Kontrollen als Schikane. Verkehrsmediziner hingegen stellen die geplante Erhöhung des Kontrollalters in Frage.

Michael Genova
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Verkehrsmediziner kritisieren, dass Senioren künftig mit 75 statt mit 70 Jahren zum obligatorischen Gesundheitscheck antraben müssen. (Bild: Getty)

Verkehrsmediziner kritisieren, dass Senioren künftig mit 75 statt mit 70 Jahren zum obligatorischen Gesundheitscheck antraben müssen. (Bild: Getty)

Michael Genova

michael.genova@ostschweiz-am-sonntag.ch

Dies ist ein Artikel der "Ostschweiz am Sonntag". Die ganze Ausgabe lesen Sie hier: www.tagblatt.ch/epaper

Schon bald haben Senioren freie Fahrt, bis sie 75 sind. Dies hat das Parlament kürzlich entschieden. Bislang müssen Autofahrerinnen und Autofahrer ab 70 alle zwei Jahre zum Gesundheitscheck. Nun zeigt eine aktuelle Statistik des Bundesamts für Strassen: Seit 2015 stieg die Zahl der Ausweisentzüge bei den 70- bis 74-Jährigen schweizweit um 50 Prozent.

Ist es angesichts dieser Entwicklung überhaupt sinnvoll, das Kontrollalter für den Fahreignungstest auf 75 Jahre heraufzusetzen? «Die Verkehrsmediziner der Schweiz stehen der Erhöhung kritisch gegenüber», sagt Patrick Scheiwiler, Hausarzt und Vizepräsident der Ärztegesellschaft des Kantons St. Gallen. Die ­Zahlen würden eher für die Beibehaltung der jetzigen Regelung sprechen.

Senioren kritisieren verschärfte Kontrollen

Laut Scheiwiler hängt der Anstieg der Ausweisentzüge direkt mit den gestiegenen Anforderungen, der Dokumentationspflicht und der Ausbildung der Ärzte zusammen. Zusätzlich seien auch einige Vorschriften überarbeitet und – beispielsweise bei Diabetes-Erkrankungen – verschärft worden. «Durch die Ausweisentzüge sind sicher weniger kritische Autofahrer unterwegs», sagt Scheiwiler. Ob sich dies auch in der Unfallstatistik auswirken werde, müsse sich noch zeigen.

Ganz anderer Ansicht ist René Künzli, Präsident der Terz-Stiftung mit Sitz in Berlingen, die sich für Belange älterer Menschen einsetzt. «Wir können uns des Eindrucks nicht erwehren, dass gezielt ältere Motorfahrzeuglenkende aus dem Verkehr gezogen werden sollen.» Die Kriterien zur Überprüfung der Fahrtüchtigkeit seien in einzelnen Kantonen unangemessen verschärft worden.

Im Zuge des demografischen Wandels sei es nachvollziehbar, dass der Anteil der über 65-Jährigen weiter zunimmt, sagt Künzli. «Damit ist jedoch keineswegs die Zunahme der Ausweisentzüge um 50 Prozent zu erklären.» Es gebe genügend wissenschaftliche Studien, die belegten, dass das Schweizer Verfahren zur Überprüfung der Fahrtauglichkeit nichts bringe. «Es ist skandalös, dass die Verkehrsmediziner über all die Jahre die Wirksamkeit ihrer Methode nie wissenschaftlich evaluiert haben.»

Die Heraufsetzung des Kontrollalters sei deshalb ein überfälliger Entscheid und könne nur ein erster Schritt sein, sagt Künzli. «Die Ersetzung der jetzigen Methode der Kontrolluntersuchung muss der nächste Schritt sein.» Befragungen der Terz-Stiftung hätten gezeigt, dass die Lebensqualität massgeblich von der eigenen Mobilität abhänge. «Es ist unsinnig und kurzsichtig, Verkehrsteilnehmende zur Immobilität zu verurteilen, wenn sie noch in der Lage sind, selbst zu chauffieren», so Künzli.

Im Kanton St. Gallen ist die Zahl der Ausweisentzüge bei den 70- bis 74-Jährigen weniger stark gestiegen. 2015 mussten 105 Autofahrer in dieser Alterskategorie das «Billett» abgeben, 2017 waren es 148. Dies entspricht einer Zunahme um rund 40 Prozent und liegt unter dem Schweizer Durchschnitt. Dies zeige, dass die St. Galler Ärzteschaft schon vor den Verschärfungen ihre Aufgaben in Bezug auf die Verkehrssicherheit ernst genommen hat, sagt Scheiwiler.

Freiwilliger Verzicht könnte seltener werden

In den kleineren Kantonen ist die Entwicklung wegen der tieferen Fallzahlen weniger deutlich. In Appenzell Ausserrhoden stieg die Zahl der Ausweisentzüge bei den 70- bis 74-Jährigen zwischen 2015 und 2017 von drei auf fünf, in Appenzell Innerrhoden sank sie sogar von vier auf drei. Und im Thurgau stieg die Zahl der Fälle von 49 auf 52.

Doch die vergleichsweise tiefe Zunahme täuscht. «Aus unserer Erfahrung verzichten viele Personen freiwillig auf den Ausweis und werden deshalb von der Statistik nicht erfasst», sagt Ernst Fröhlich, Leiter Prävention beim Thurgauer Strassenverkehrsamt. So geben viele Senioren ihren Fahrausweis zum Beispiel schon nach Eingang des Aufgebots für den Arztbesuch ab – noch bevor das Strassenverkehrsamt eine Verfügung erlassen muss.

Hausarzt Patrick Scheiwiler geht davon aus, dass mit der ­Heraufsetzung des Kontrollalters künftig deutlich weniger Senioren freiwillig auf den Ausweis verzichten werden. «Da sich die Verschlechterung der Fahrfähigkeit schleichend entwickelt, gewöhnen sich viele Senioren an die Einschränkungen und nehmen sie deshalb nicht wirklich als ­Bedrohung im Strassenverkehr wahr.»