«Sich täglich überwinden»

Drucken
Teilen

Selbstdisziplin «Am Anfang der Jobsuche freut man sich noch», sagt Trevor Somerville. «Man sieht ein Inserat, informiert sich über die Firma, und denkt: Das ist mein Job.» Umso grösser ist der Frust, wenn die Absage eintrudelt. «Es ist ein Kampf, mit über 50 Jahren arbeitslos zu sein.» Es brauche tägliche Überwindung, denn «wenn man die Motivation verliert, gerät man schnell in eine Abwärtsspirale.»

Er hat nun schon einige Monate Erfahrung damit. Im März letzten Jahres eröffnete man ihm, dass seine Abteilung bei Bühler in Uzwil umorganisiert werde und künftig ohne ihn auskomme. «Es war ein Schock», sagt der 59-Jährige. «In meiner Generation identifiziert man sich mit dem Unternehmen.» 17 Jahre arbeitete er für Bühler. Aber auf dem Arbeitsmarkt habe er gute Chancen, glaubte er: Er hat Elektrotechnik studiert, einen MBA in der Tasche, sich ständig weitergebildet. Trotzdem sucht er immer noch.

«Jeden Tag dranbleiben», heisst es deshalb für Somerville. Eisern hält er seinen Wochenplan ein. Der besteht nicht nur aus Jobsuche. «Es ist wichtig, einen Ausgleich zu finden, auch seinen Interessen nachzugehen.» Denn gerade wenn man arbeitslos sei, müsse die Motivation von innen kommen. «Es gibt keinen Chef mehr, der sagt, was zu tun ist.» Und es gehöre mehr zum Leben als Arbeit. «Ich mache jetzt vieles, wofür ich früher nie Zeit hatte», sagt er. Er kocht für sich und seine Frau zu Mittag. Regelmässig besucht er Vorträge und Veranstaltungen, die ihn interessieren.

Das ist nicht nur Zerstreuung. «Früher dachte ich, Networking sei nicht wichtig. Ich müsse nicht Werbung machen für mich, meine Leistung spreche für sich.» Das habe sich unterdessen geändert. «Immer wieder treffe ich da alte Bekannte oder lerne Leute kennen. Und schon oft konnten die mir einen Tipp geben, wo ich mich noch bewerben konnte.» Dabei hilft ihm seine Offenheit. «In der Schweiz schämt man sich oft für Arbeitslosigkeit», sagt Somerville, der in Australien aufwuchs. «Ich bin arbeitslos, aber sonst geht’s mir gut. Dazu kann ich stehen.»

Vor fünf Jahren ist graue Vorzeit

Abgefunden hat er sich damit aber nicht. Aber der heutige Arbeitsmarkt mache es Leuten wie ihm schwer. «Die Loyalität nimmt ab, von beiden Seiten», sagt er. «Und es ist kurzlebig. Die Personaler interessieren sich nicht mehr dafür, was einer vor mehr als fünf Jahren gemacht hat.» Die Berufserfahrung nütze da kaum etwas. «Dabei wäre die doch oft nützlicher als theoretisches Wissen.»

So fragt er sich, was zu tun wäre, wenn es wirklich nicht klappen sollte. Ein Quereinstieg? Gar Selbstständigkeit? «Aber das ist im Hinterkopf. Noch hoffe ich auf eine Anstellung.»