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Shopping Center in der Ostschweiz: Die Apokalypse kann warten

Im Thurgau ist das grösste Outlet der Schweiz geplant. Im grenznahen Singen wird bald ein neues Einkaufszentrum gebaut. Und das, obwohl Shopping Center fast überall rückläufige Umsätze haben – mit wenigen Ausnahmen. St.Gallen ist eine.
Katharina Brenner
Die «Shopping Arena» in St. Gallen versteht sich nicht nur als Einkaufs-, sondern auch als Erlebnisort. Bild: Michel Canonica

Die «Shopping Arena» in St. Gallen versteht sich nicht nur als Einkaufs-, sondern auch als Erlebnisort. Bild: Michel Canonica

Algen überziehen die zerborstenen Scheiben des Rolltreppengeländers. In Pfützen am Boden sammelt sich braunes Wasser. Bilder der verwaisten Rolling Acres Mall in Ohio. «Googlen Sie mal retail apocalypse», hatte Stefan Nertinger gesagt. Als Dozent für Strategisches Management an der Fachhochschule St. Gallen beschäftigt er sich mit den Veränderungen im Einzelhandel durch die Digitalisierung. In den USA haben sie zur «retail apocalypse» geführt, dem Untergang des Einzelhandels, vor allem in den Shopping Malls.

«So schlimm ist es bei uns zum Glück nicht», sagt Nertinger. Gut geht es den Einkaufszentren in der Schweiz allerdings nicht. Der Onlinehandel und die Frankenstärke setzen ihnen zu. Gemäss Shoppingcenter Marktreport Schweiz 2018 schliessen in den nächsten fünf bis acht Jahren 1000 Geschäfte von heute 5500 in Schweizer Einkaufszentren; die Flächen werden demnach umgenutzt. Die Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) teilte kürzlich mit, dass der Umsatz ein weiteres Jahr in Folge zurückging. Die Fläche der Center nahm zuletzt zwar um 2,2 Prozent zu, doch die GfK relativiert: Wachstum nur aufgrund der 2017 eröffneten «Mall of Switzerland», sonst minus 0,1 Prozent.

Kinos, Spielplätze und Technik kommen gut an

Nur sehr wenige der 197 Einkaufszentren im Land mit einer Verkaufsfläche über 5000 Quadratmeter trotzen diesem Trend. Eines ist die «Shopping Arena» in St. Gallen. 2017 steigerte sie ihren Umsatz von 215 auf 216 Millionen Franken. Damit belegt sie Platz 9 im schweizweiten Vergleich, auch flächenmässig. Im Jahr 2016 konnte einzig das «Zugerland» in Steinhausen seinen Umsatz steigern – und nur die «Shopping Arena» in St. Gallen und das «Westside» in Bern ihr Niveau halten.

Warum ist die «Shopping Arena» erfolgreich? «Weil sie nicht nur Einkaufs-, sondern auch Erlebnisort ist», sagt Fabienne Diez, Leiterin Marketing und Kommunikation. Sie listet die beiden Indoor-Spielplätze, die «Matrixzone», in der Virtual-Reality-Brillen andere Welten eröffnen, und die Sportangebote auf. Ausgerechnet die «Shopping Arena», deren Name nach Konsumschlacht klingt, ist also genau deshalb erfolgreich, weil sie auf mehr als Einkaufen setzt.

Kleidung mit der Brille anprobieren

Stefan Nertinger, Dozent für Strategisches Management an der Fachhochschule St. Gallen Bild: pd

Stefan Nertinger, Dozent für Strategisches Management an der Fachhochschule St. Gallen Bild: pd

Das bestätigt Stefan Nertinger: «Shopping Center, die auf Events und Erlebnisse setzen, werden eher bestehen als andere.» Kinos, Spielplätze, Fitness, Aussergewöhnliches wie die Surfwelle in der «Mall of Switzerland» – solche Angebote nehmen zu. Ebenso Pop-Up-Stores, die nur für begrenzte Zeit bestimmte Produkte anbieten und Concept Stores, die teurere Marken kombinieren. Gerade im hochwertigen Segment wolle man die Waren vor dem Kauf sehen, fühlen. Die Bedeutung der Warenpräsentation und der Beratung werde wichtiger. Es sei nicht mehr nötig, sämtliche Produkte im Lager zu haben. «Sie werden nach dem Kauf bequem nach Hause geliefert.» «Augmented reality» komme immer mehr – die Computer gestützte Erweiterung unserer Realität. «So können unterschiedliche Kleidungsstücke kombiniert werden, ohne dass der Kunde sie anprobieren muss.»

Ein wachsender Markt sind laut Nertinger auch Läden in Bahnhöfen und Flughäfen, weil Pendlerströme zunehmen, was auch am Bahnhof St. Gallen gelte.

«Einkaufszentren, die in den 1970er und 1980er Jahren gebaut und seitdem kaum erneuert wurden, werden es hingegen schwer haben.»

Das zweitgrösste der Ostschweiz, der Rheinpark in St. Margrethen, wurde 1974 eröffnet – und vor zehn Jahren umfassend umgebaut. Umsatzzahlen veröffentlicht der Rheinpark, der in Hand der Migros Ostschweiz ist, nicht. Das Center nahe der Grenze spürt den Einkaufstourismus, der sich auf hohem Niveau etabliert habe. Durch den erstarkten Euro habe man in jüngster Zeit aber wieder vermehrt Kunden aus dem Ausland begrüsst. Die «Shopping Arena» spüre den Einkaufstourismus stark, sagt auch Diez.

«Lago» in Konstanz hält seinen Umsatz geheim

Auf der anderen Seite der Grenze profitiert der «Messepark» in Dornbirn. Dort wurde der Umsatz 2017 um über zwei Millionen auf 197,5 Millionen Euro gesteigert. Etwa ein Viertel der Besucher kommt aus dem Ausland; die Erstarkung des Euro spiele nur geringfügig eine Rolle. Auf deutscher Seite ist das «Lago» in Konstanz der grosse Gewinner. Mit zehn Millionen Besuchern pro Jahr ist es eines der profitabelsten Einkaufszentren des Landes. Der Jahresumsatz bleibt aber geheim. Fest steht: Kunden zahlen häufig mit Euro, die eben noch Franken waren, 40 Prozent kommen aus der Schweiz.

Jetzt bekommt das «Lago» Konkurrenz – von vier Buchstaben und 16000 Quadratmetern Verkaufsfläche. Im 30 Kilometer entfernten Singen entsteht das «Cano», mitten in der Innenstadt. Im Juli startet der Abbruch alter Gebäude, um Platz für das neue zu machen. Geplante Eröffnung: 2020. Beim «Lago» äussert man sich nicht zur kommenden Konkurrenz. Das haben Vertreter der Stadt übernommen. Der Stadtrat wehrte sich gegen das Projekt und argumentierte mit dem «Landesentwicklungsplan», dem es widerspreche. Eigentlich ging es aber um – natürlich – Geld. Die Konstanzer fürchten um ihre Kunden.

Schweizer Kunden sind wichtig für Center in Singen

In den Überlegungen zum «Cano» haben Schweizer Kunden «eine wichtige Rolle gespielt», heisst es bei den «Cano»-Planern. Schweizer sorgten für «eine gewisse Sonderkonjunktur in Grenznähe». Hinter «Cano» steckt ECE. Das Unternehmen betreibt bereits 200 Shopping Center; es gilt in Europa als führend. Doch auch in Deutschland ist der Markt mit Einkaufszentren rückläufig – man wird sich bei ECE gut überlegt haben, wo es sich noch lohnt, ein Center zu eröffnen. Was sagt man in der «Shopping Arena» und im «Rheinpark» zu den Singener Plänen? Zu weit entfernt, um Auswirkungen zu haben.

Es gibt noch einen weiteren Mitspieler auf dem Feld der grossen Verkaufsflächen: das geplante Outlet «Edelreich» in Wigoltingen. Es wäre das grösste der Schweiz mit 30000 Quadratmetern Verkaufsfläche. Das gefällt nicht allen. Der Regionalverband Bodensee-Hochrhein hatte beim ersten Gestaltungsplan vor einigen Jahren Einsprache eingereicht; noch immer fürchtet er Kunden aus Konstanz und Radolfzell zu verlieren. Juristen kamen damals aber zum Schluss, dass die deutschen Nachbarn nicht zur Einsprache berechtigt seien.

Auch auf Thurgauer Boden hatte es das geplante Outlet nicht leicht. Ein hohes Verkehrsaufkommen und der Hochwasserschutz waren Streitthemen. Nach der Zustimmung aus Wigoltingen kam Anfang 2017 das Ja aus Müllheim – die benötigten zwei Zufahrtstrassen liegen auf dem Gebiet der Nachbargemeinde. Momentan läuft das Rekursverfahren. Vier Einsprachen sind eingegangen. «Es waren keine Überraschungen dabei», sagt die Kommunikationsverantwortliche Sabine Ruf. Nach einem positiven Entscheid für die Bauherrin JTM Rütenen AG rechnet man dort mit einem Baubeginn im Frühling 2020.

Im Gegensatz zu den Einkaufszentren geht es Outlets gut. Das in Landquart verzeichnete 2016 elf Prozent mehr Umsatz; das bisher grösste der Schweiz, die «Foxtown Outlet Factory» in Mendrisio, hat seinen Umsatz in den letzten Jahren jeweils gesteigert. Ruf sagt:

«Ins Outlet kommen Kunden ein oder zweimal im Jahr und dann mit der ganzen Familie»

Darum sei es wichtig, klingende Marken anzubieten. Und etwas für die ganze Familie: Kleidung, Schuhe, Sportartikel.

Bei den Outlets scheint Nähe zur Grenze kein Nachteil zu sein. Die fünf Schweizer Outlets mit über 10000 Quadratmetern liegen alle nahe der Grenze. Da würde sich das «Edelreich» gut einfügen. Das Modell zeigt viel Glas, glänzende Scheiben, genauso wie das des «Cano» in Singen, dazu schlanke, junge Menschen, die durch Läden schlendern. Von Apokalypse keine Spur.

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