Sexuelle Belästigung: Nur ein Bruchteil der Opfer geht zur Polizei +++ Die Zahlen aus St.Gallen und dem Thurgau +++ Wie Sie sich in bedrohlichen Situationen verhalten sollten

Die Zahl der Anzeigen ist klein, die Dunkelziffer hoch: Sexuelle Belästigung bleibt oft ungeahndet.

Noemi Heule
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Sexuelle Belästigung wird von Betroffenen oft als Bagatelle abgetan.

Sexuelle Belästigung wird von Betroffenen oft als Bagatelle abgetan.

Symbolbild: Keystone

In Kreuzlingen belästigten mehrere Männer eine 15-Jährige. Als der Vater des Mädchens die Belästiger zur Rede stellte, kam es zu einer Auseinandersetzung, und in der Folge musste die Polizei bei der Verhaftung der Verdächtigen sogar einen Schuss abgeben.

Der Vorfall bringt ein Delikt in die Schlagzeilen, das es oft nicht einmal bis zur Anzeige schafft: sexuelle Belästigung. Sie trauen sich gar nicht mehr nachts allein auf die Strasse, schreiben Frauen in die Kommentarspalten. Entgegen dieser Wahrnehmung steigen die Zahlen nicht, sondern sind seit Jahren konstant. Rund 50 Vorfälle von sexueller Belästigung registriert die Kantonspolizei St. Gallen jährlich, im Thurgau sind es halb so viele:

Im Schnitt einmal pro Woche wird in St.Gallen also Anzeige erstattet. Die Zahlen der Polizei bilden jedoch nur einen Bruchteil der Realität ab. «Ich gehe von einer hohen Dunkelziffer aus», sagt Brigitte Huber, Geschäftsleiterin der Opferhilfe St.Gallen, Appenzell Ausserrhoden und Innerrhoden. Im Gegensatz zu gewalttätigen Sexualdelikten ist die sexuelle Belästigung ein Antragsdelikt. Das Opfer entscheidet, ob es Anzeige erstattet will. Darauf verzichten viele, aus vielfältigen Gründen: Die Opfer schämten sich, wollten den Vorfall vergessen oder sähen keinen Sinn in einer Anzeige, da es sich «nur» um eine Belästigung handle.

Nur 8 Prozent erstatten Anzeige

Dieselben Gründe führt eine Studie auf, die vergangenes Jahr im Auftrag von Amnesty International in Auftrag durchgeführt wurde. Die Studie hatte sich zum Ziel gesetzt, die viel zitierte Dunkelziffer zu beziffern. Die Zahlen unterscheiden sich drastisch von jenen der Polizeistatistiken. Mehr als jede zweite der rund 4500 befragten Frauen gab an, bereits sexuelle Belästigung erfahren zu haben durch unerwünschte Berührungen, Umarmungen oder Küsse, genauso viele berichten von suggestive Kommentaren oder unangemessenes Anstarren. Jede fünfte Frau gab zudem an, sexuelle Gewalt erlebt zu haben. Lediglich acht Prozent der Betroffenen erstatteten Anzeige.

Übergriffe sind traurige Normalität

Was sich sonst im Halbdunkel der Partyszene abspielt, tritt mit dem Übergriff in Kreuzlingen ans Tageslicht der medialen Öffentlichkeit: Männer, die junge Frauen sexuell belästigen. Wir haben vier junge Frauen aus den Kantonen St. Gallen und Thurgau zu ihren Erlebnissen im Ausgang befragt.

Das Fazit: Grapschen, Antanzen von hinten oder übergriffige Anmachsprüche gehören für Frauen in einem Club dazu – wie Tanzen, Drinks und Musik. «An einem Abend auf der Tanzfläche wird man etwa zwei Mal begrapscht», schätzt Alexa (27) aus Arbon. Es sei fast normal, meint auch Romina (34) aus St.Gallen. Beide sagen aber auch, dass sie vor allem belästigt wurden, als sie noch jünger gewesen seien. «Wie es heute für junge Frauen ist, weiss ich nicht», sagt Romina.

«Jemand hat mir auf der Tanzfläche in den Schritt gelangt»

Offenbar genau gleich, wie die 18-jährige Theresa aus Rorschach erzählt. «Man wird oft plötzlich von hinten angetanzt.» Die jungen Frauen schildern unangenehmes Antanzen aus dem Nichts. Dazu kommen oft auch «scheinbar zufällige Berührungen» in der Anonymität der Masse. Vor allem in Menschenmengen werde man oft an der Brust oder am Po berührt, sagt Sandra (24) aus Wil. Romina berichtet von Schlimmerem: «Jemand hat mir auf der Tanzfläche in den Schritt gefasst.»

Wie aber reagiert man in einer solchen Situation? Man flieht oder Kolleginnen eilen zur Hilfe, erzählen die Frauen. «Ich kann einem solchen Typen schon mal die Meinung sagen», sagt Romina. Oft reagiere der übergriffige Mann mit den Worten, man solle sich nicht so anstellen. Viele Übergriffe, so die Frauen unisono, spielen sich in Clubs ab. In Bars passiere dies weniger, meint Alexa. Auf Partys auf dem Land seien eher unangemessene Sprüche das Problem, sagen die Frauen. (dar)
 
* Namen der Redaktion bekannt.

70 Personen nehmen Soforthilfe in Anspruch

Für Opfer von sexueller Gewalt haben die Opferhilfe und das Kantonsspital St.Gallen eine Soforthilfe eingerichtet. 66 Frauen und vier Männer haben sie im vergangenen Jahr in Anspruch genommen. «Mehr als die Hälfte hatten bereits vor der Betreuung durch die Soforthilfe Anzeige erstattet», sagt Brigitte Huber. Andere hätten sich nach der Spurensicherung für eine Anzeige entschieden. Ein Strafverfahren stelle jedoch eine Belastung dar und die Beweislage sei oft schwierig, begründet sie die Furcht vieler Frauen vor dem Gang zur Polizei. Eine Anzeige sei dennoch sinnvoll, selbst wenn sie sich gegen unbekannt richte.

«Unter Umständen kann so ein Täter, der schon mehrfach Übergriffe gemacht hat, eruiert werden.»

Gleiches sagt Hanspeter Krüsi, Sprecher der Kantonspolizei: «Nur wenn die Polizei Kenntnis einer Straftat hat, kann sie auch versuchen, die Täterschaft zu ermitteln.»

16'000 Frauen lassen sich virtuell nach Hause begleiten

Viele jungen Frauen fühlten sich im Ausgang unsicher, sagt Huber. Die diffuse Angst vor dem Fremden, der in der Dunkelheit auflauert, deckt sich jedoch nicht mit den realen Vorfällen. «Sexuelle Übergriffe erfolgen oftmals durch Personen, die Frau oder Mann bereits kennt.» Viele Vorfälle geschehen denn auch nicht im öffentlichen Raum, sondern in den eigenen vier Wänden.

Dass sich viele unsicher fühlen, zeigen auch die Zahlen der «WayGuard App», die AXA-Versicherung im November in der Schweiz lancierte. Mithilfe des Standort-Tracking begleitet sie die Nutzerinnen virtuell nach Hause, im Ernstfall wird ein Notruf ausgelöst. Sie Innert zweier Monate registrierten sich über 16'000 Nutzer; 16'800 Mal liess sich jemand von der App nach Hause begleiten. Die Zahl der Notrufe, die an die Polizei weitergeleitet wurden, blieb trotz hoher Nutzerzahlen im einstelligen Bereich.

Hanspeter Krüsi begrüsst jede Möglichkeit, sich sicher zu fühlen. Dazu könne bereits eine beleuchtete Strasse beitragen oder der Schlüsselbund in der Hand. Brigitte Huber sieht dieselbe Gefahr wie bei einem Pfefferspray. «Die Bedienung ist gerade in Stresssituationen schwierig.»

In bedrohlichen Situationen raten die Experten:

  • Laut zu sagen, dass man sich belästigt fühlt.
  • Auf Abstand zu gehen und direkt um Hilfe zu bitten, beispielsweise bei einem Buschauffeur oder beim Barpersonal.
  • Kontakt zu Betrunkenen oder Personen unter Drogeneinfluss zu meiden. Eigener Übermässiger Alkohol oder Drogeneinfluss zu vermeiden, vor allem, wenn man alleine unterwegs ist.
  • Getränke nie unbeaufsichtigt zu lassen.
  • Bei einem tätlichen Angriff rät die Polizei: «Reissen Sie sich los, schlagen Sie um sich, treten und boxen Sie. Gegenwehr ist der sicherste Weg zur erfolgreichen Abwehr sexueller Gewalt.»
  • In Notfall 117 wählen!