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SEXTING: Nacktfotos sind unter Jugendlichen Alltag - trotz unüberschaubarer Risiken

Ein sexy Foto als Flirt, Liebesbeweis oder als Mutprobe per Smartphone verschickt: Für Jugendliche ist das heute normal. Sensibilisierung und Prävention durch Schule und Staat laufen auf Hochtouren. Dennoch ignorieren viele die Risiken.
Ursula Wegstein
Mit den Gefahren, die sich über das Smartphone auftun, sind Kinder und Jugendliche oft allein. (Bild: Getty)

Mit den Gefahren, die sich über das Smartphone auftun, sind Kinder und Jugendliche oft allein. (Bild: Getty)

Dies ist ein Artikel der «Ostschweiz am Sonntag». Die ganze Ausgabe lesen Sie hier: <strong style="margin: 0px; padding: 0px; vertical-align: baseline; border: none; outline: 0px; background: transparent;"><em style="margin: 0px; padding: 0px; vertical-align: baseline; border: none; outline: 0px; background: transparent;">www.tagblatt.ch/epaper</em></strong>

Flirten im Chat, Aufklärungsseiten im Netz suchen, Pornos anklicken. Das alles ist für Jugendliche normal geworden. Auch Sexting – eine Wortschöpfung aus «Sex» und «Texting» – gehört mittlerweile dazu: der Austausch selbst aufgenommener intimer Fotos oder Filme via Internet oder Smartphone über Plattformen wie Whatsapp, Snapchat oder Ins­tagram. Meist geschieht Sexting innerhalb einer intimen Beziehung. Manchmal sind auch ganze Freundesgruppen Empfänger von aufreizendem Material.

Laut der James-Studie 2016 der ­Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften (ZHAW) und der Swisscom haben 43 Prozent der befragten ­Jugendlichen in der Schweiz zwischen 12 und 19 Jahren schon einmal erotische oder aufreizende Fotos und Videos von anderen auf ihrem Handy oder Com­puter erhalten. Solche Inhalte selbst ­verschickt haben insgesamt elf Prozent.

Bei der Beratungshotline 147 der Pro Juventute haben sich im Jahr 2016 in diesem Zusammenhang schweizweit 70 Kinder und Jugendliche gemeldet. Im Vergleich zu den Vorjahren ist das zwar ein Rückgang. Ein ähnliches Bild zeigt sich bei der Kriseninterventionsgruppe des Schulpsychologischen Dienstes des Kantons St. Gallen: Sind während des anfänglichen Hypes um das Thema «Sexting» zwei Anrufe pro Woche eingegangen, hat es im Schuljahr 2016/2017 noch etwa 20 Fälle gegeben. Gleichwohl schätzen Experten die Dunkelziffer in diesem Bereich sehr hoch ein.

Selbstoptimierung entspricht dem Zeitgeist

Sexting kann verschiedene problematische Folgen haben. Das grösste Risiko ist, dass sich die Inhalte im Netz schnell weiterverbreiten – und nur in seltenen Fällen löschen lassen. Ist die Liebe vorbei, wird ein intimes Foto unter Umständen aus Rache an einen grösseren Kreis weitergeschickt, etwa an die ganze Klasse, die Schule, oder es gelangt im Internet an eine noch breitere Öffentlichkeit. Auch spielen intime Fotos bisweilen in Mobbingsituationen eine Rolle.

Dass Jugendliche unter 16 sich mit Sexting wegen Herstellens oder Verbreitens von Kinderpornografie auch strafbar machen können, ist vielen nicht bekannt. Unter 16 Jahren ist auch «Posing», wenn die fotografierte Pose aufreizend oder lasziv ist, strafrechtlich relevant. Nebst einer möglichen Strafverfolgung ist für das Opfer weiterverbreiteter intimer Fotos die psychische Belastung erheblich: Schuldgefühle, Blamage, Ängste, Schutzlosigkeit, vor allem aber grosse Scham beeinträchtigen dann eine gesunde Entwicklung der Minderjährigen. Das kann in Einzelfällen bis zu suizidalen Absichten führen oder einen Schulwechsel notwendig machen.

Für Céline Loop, Sozialarbeiterin beim Kinderschutzzentrum St. Gallen, ist Sexting eine Ausprägung der grassierenden Selfie-Kultur. Sich mit Hilfe des Selfie-Sticks stets im besten Licht zu ­präsentieren, sei der aktuelle Zeitgeist, Selbstoptimierung das Zauberwort. «Wie man in 30 Tagen zu einem Sixpack kommt, ist eine Frage, die Jugendliche sehr interessiert», sagt die Sozialarbeiterin. Im Grunde spiegelten die Jugendlichen jedoch nur wider, wie sich auch die Erwachsenen präsentierten. Vor ­allem die Vorbilder der Jugendlichen – Stars wie Ariana Grande, Selena Gomez oder Justin Bieber – präsentierten sich in den sozialen Medien meist in sexy Posen und mit viel nackter Haut. «Da ist es nur logisch, das Jugendliche das imitieren. Sich da abzugrenzen ist schwierig. Auch wenn Jugendliche bewusst oder unbewusst ihre Intimsphäre damit riskieren», sagt André Baeriswyl-Gruber, Co-Geschäftsführer a. i. des Kinderschutzzentrums St. Gallen.

Prävention zeigt Wirkung

Weshalb es unter Jugendlichen zu Sexting kommt, hat unter anderem der auf Internetprävention spezialisierte Verein Zischtig.ch analysiert. Die Motive sind vielfältig und reichen von Langeweile, einfach ausprobieren, mangelnder Selbstkontrolle, Feedback auf die eigene sexuelle Attraktivität einholen bis zu Liebesbeweis, Erpressung, auffallen, provozieren.

Dennoch scheint Prävention zu wirken: Pro Juventute, Zischtig.ch, das Kinderschutzzentrum St. Gallen oder auch der Jugenddienst der Kantonspolizei St. Gallen leisten Öffentlichkeits- und Präventionsarbeit für Schüler, Eltern und Lehrer – auch zum Thema Sexting. Mit Einführung des Lehrplans 21 zum Schuljahr 2017/18 ist das Fach «Medien und Informatik» in der 5. und 6.Klasse sowie in der 1. und 2. Oberstufe Pflicht geworden. Auch so kommen Themen wie Sexting oder Cybermobbing auf den Stundenplan.

«Wenn die Aufklärung auch nicht bei allen etwas bewirken kann und es schon vorgekommen ist, dass kurz nach einem Workshop mit Schülern genauso ein Fall in dieser Gruppe eingetreten ist, nützt sie doch bei vielen Jugendlichen und Eltern», so Esther Luder, Leiterin Krisenintervention des Schulpsychologischen Dienstes des Kantons St. Gallen. Regelmässige Sensibilisierung sei mit Abstand effizienter als eine grosse Kampagne, sagt André Baeriswyl vom Kinderschutzzentrum St. Gallen. «Besonders wenn wir Jugendliche, Eltern und Lehrer gleichzeitig informieren können und so alle an einem Strang ziehen.»

«Jung sein ist anstrengend»

Klar ist: Die neue Jugendkultur, intime Fotos zu versenden, ist letztlich eine Ausprägung einer durch die digitalen Möglichkeiten veränderten Gesellschaft. Seit Erfindung der Kamera haben sich Heranwachsende gegenseitig sexuell eindeutige Bilder zugesendet. Neu ist die einfache Art, Fotos zu machen und per Knopfdruck zu versenden. Heranwachsende beschäftigen sich naturgemäss stark mit Sexualität. Haben früher ­Jugendliche auf der Suche nach Porno­heften etwa bei der Altpapiersammlung mitgeholfen und sich wie Schneekönige ­gefreut, wenn eines zu finden war, läuft heute alles über das Smartphone.

«Auch wenn sich Jugendliche inzwischen der Konsequenzen eines verschickten Nacktfotos eher bewusst sind, scheint der Reiz, es dennoch zu tun, oft grösser zu sein», sagt Céline Loop. «Jung sein ist heute anstrengend. Sich überall präsentieren. Vielleicht fehlt es manchmal auch an Selbstwertgefühl.»

Oft sind die Jugendlichen auch sich selbst überlassen. Gruppendruck ist ein weiterer Faktor, der zu unüberlegten Handlungen führt. Hinzu kommt der jugendliche Geltungsdrang: Wer im Besitz von Nacktaufnahmen ist, kann – je nach Freunden – in seinem Kollegenkreis punkten. Jugendliche zeigen damit, dass sie dazugehören. Wie auf Zischtig.ch zu lesen ist, landet man als Jugendlicher in bestimmten Cliquen eine Sensation, indem man «krasse» Bilder weiterleitet.

Kommentar: Die Verantwortung liegt bei den Eltern

Das Thema Sexting ist emotional und beschäftigt nahezu alle Eltern mit Kindern ab der Mittelstufe. Viele Erwachsene zerbrechen sich den Kopf, wie der Umgang des Nachwuchses mit Smartphone, Tablet und Desktop zu regeln ist. Irgendwo zwischen dem Bewusstsein, dass dieser lernen muss, mit den Geräten samt Inhalt zurechtzukommen, und dem Unwillen, ihn den grenzen- und tabulosen Möglichkeiten des Internets schutzlos auszusetzen, gelangen viele Familien zu Kompromissen. Der Teenager darf ein Handy haben, es aber nur eine bestimmte Anzahl Stunden pro Tag nutzen.

Computer und Videospiele gibt es nur am Wochenende. Die Eltern kennen den Code des Handys und überwachen die Internetaktivitäten der Heranwachsenden.

Das sind nur Beispiele. Manche Familien wählen den Weg der totalen Freiheit. Sei es aus der Überzeugung, das Kind brauche seine Privatsphäre und sei der Sache gewachsen, oder dem fehlenden Willen, anstrengende Regeln durchzusetzen. Das sieht dann schnell so aus: Fernseher im Zimmer? Aber sicher.

Tablet im Auto, Zug und Restaurant, und zwar immer? Ja doch. Pausenloses Smart­phone-Getippe von früh bis spät? Unbedingt. Man vertraut seinem Kind. «Ein bisschen die Grenzen ausloten müssen sie ja.»

Dass es dann plötzlich der eigene Bub sein könnte, der auf dem Pausenplatz zum Gaudi seiner Kollegen kleinere Kinder mit Schockbildern aus Billigstpornos der gigantischen Müllhalde namens Internet erschreckt, würde vielen nicht im Traum einfallen. «Aber der Luca doch nicht», rufen Lucas Eltern dann erstaunt.

Die naive und fast vollständige Weigerung mancher Eltern, Verantwortung zu übernehmen, ist eines der grössten Probleme in Sachen Sexting unter Kindern und Jugendlichen. Es ist relativ simpel: Schuld, wenn es schiefläuft, sind nicht die allein gelassenen Jugendlichen und auch nicht die Schule. Die Verantwortung, die Pubertierenden mit all ihren Flausen im Kopf im Zaum zu halten, liegt primär bei den Eltern und bei niemandem sonst.

Dazu gehört eine intakte, enge und liebevolle Beziehung zu den Kindern. Interesse zeigen daran, was sie umtreibt, ist nicht das gleiche wie autoritäre, allumfassende Kontrolle. Sich selber und sie über die Gefahren, die im Netz lauern, umfassend zu informieren, ist kein Akt fehlenden Vertrauens, sondern das absolute Minimum. Nicht zuletzt gehört es dazu, die Kinder immer wieder wissen zu lassen, welches die eigene Haltung gegenüber Pornografie und Nacktfotos ist.Und noch viel wichtiger ist, sie wissen zu lassen, was gesunde Beziehungen und ein ­erfülltes Liebesleben ausmacht.

Odilia Hiller

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