SEXLEBEN IN PARTNERSCHAFTEN: "Frauen müssen mehr in körperliche Erregung investieren"

Ostschweizer Paare haben laut einer Studie von allen Landesteilen das beste Sexleben. Sexualtherapeutin Dania Schiftan über die Wichtigkeit von Sex, wie Paare zufriedener werden und wieso sie bei ihren Wünschen lügen.

Alexandra Pavlovic
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Paare sollen ruhig einmal mutig sein und einfach mal ausprobieren. Dann klappt es auch mit der Zufriedenheit im Sexleben. (Bild: Z1036/_HENDRIK SCHMIDT (DPA dpa-Zentralbild))

Paare sollen ruhig einmal mutig sein und einfach mal ausprobieren. Dann klappt es auch mit der Zufriedenheit im Sexleben. (Bild: Z1036/_HENDRIK SCHMIDT (DPA dpa-Zentralbild))

Dania Schiftan können Sie erklären, wieso die Ostschweizer zufriedener sind als etwa die Berner oder Zürcher?
Dafür gibt es nicht wirklich eine statistische Erklärung.

Warum sind denn Schweizer Paare unzufrieden mit ihrer Sexualität?
Das ist kein schweizspezifisches Phänomen, sondern ein allgemeines. Über die Dauer der Beziehung wird jeder Mensch unzufriedener. Es ist bewiesen, dass in den ersten sechs Jahren einer Beziehung das Paar in Sachen Sexualität verdrossener wird. Danach bleibt es für die nächsten 20 bis 30 Jahre konstant auf dem gleichen Niveau.

Jeder Mensch definiert Zufriedenheit aber anders. Welche Faktoren sind ausschlaggebend?
Zum einen etwa die Häufigkeit des Geschlechtsverkehrs. Für Frauen spielen des Weiteren eher emotionale Werte wie Nähe oder sich begehrt fühlen eine Rolle, für Männer sind dann eher harte Fakten wie Sexpraktiken oder Einfallsreichtum entscheidend. Es zeigt sich eine klare Rollenverteilung, bei der Frauen wie Männer die typischen, geschlechtsspezifischen Klischees bedienen.

Beim Umfragenkatalog gaben die meisten an, mit dem Familienleben am glücklichsten zu sein. Wie relevant ist aber Sexualität für eine zufriedene Partnerschaft?
Sehr entscheidend. Fragt man Paare nach dem Trennungsgrund, so ist es häufig ein Streit, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat. Läuft es mal nicht gut in einer Beziehung, machen viele einfach nur die Faust im Sack und ändern nichts. Ein wichtiger Zermürbungsgrund ist aber meist die fehlende Sexualität.

Was kann ein Paar tun, um die Zufriedenheit in der Sexualität zu steigern?
Frauen wie Männer haben die gleiche Verantwortung in dieser Hinsicht. Da Frauen Sex mit emotionalen Werten gleichsetzen, haben sie nicht gelernt, viel in körperliche Erregung zu investieren. Doch genau darum geht es. Wenn einem etwas gut tut, will man das Glücksgefühl immer wieder erleben. Frauen haben die Möglichkeit, das in Orgasmus- oder Lustkursen zu erlernen. Männer hingegen müssen mehr lernen, dass der Weg das Ziel und nicht nur der Orgasmus relevant ist.

Wie aber lässt sich erklären, dass gemäss der Studie 72 Prozent angeben ihrem Partner, ihrer Partnerin zu zeigen, was sie sich im Bett wünschen?
Dieser Zahl traue ich nicht. Vielmehr glaube ich, dass hier nach sozialer Erwünschtheit geantwortet wurde. Die Befragten trauen sich also nicht ihre richtigen Wünsche zu äussern, um nicht als Egoisten abgestempelt zu werden. Vielmehr wollen sie der Norm entsprechen.

Dann stimmt es wohl auch nicht, dass 74 Prozent der Männer und 61 Prozent der Frauen zeigen, dass sie ihre Partner begehren?
Genau. Würde jeder ehrlich sagen, was er oder sie begehrt oder worauf derjenige jeweils Lust hat, gäbe es viel weniger Probleme in Partnerschaften und auch weniger Scheidungen. Auch wenn der Mensch einer gewissen Gewohnheit folgt und sich eine Beziehung nach Jahren festfährt, muss ein Paar ständig an sich arbeiten.

Dania Schiftan, Sexualtherapeutin. (Bild: PD)

Dania Schiftan, Sexualtherapeutin. (Bild: PD)

Wieso empfinden denn Frauen in Partnerschaften weniger sexuelle Lust und haben weniger Freude am Sex im Gegensatz zu den Männern?
Frauen erlernen die Sexualität mit emotionalen Werten, die sich mit der Zeit abnützen, wenn die Beziehung länger dauert. Sobald Frauen für sich mehr Erregung und somit mehr Genuss aus der Sexualität an sich holen können, dann wünschen sie sich diese auch mehr.

36 Prozent aller Schweizer Frauen geben an mit der Sexualität in der Beziehung sehr zufrieden zu sein. Ist das befriedigend?
Im Gegenteil: Die Zahl ist frustrierend, denn sie zeigt, dass Frauen das Gefühl haben, dass sie Sexualität nicht so sehr brauchen, wie die Männer. Was nicht stimmt. Welche Frau wünscht sich nicht eine einfache und befriedigende Sexualität?

Beim Thema Sex wird also viel gelogen.
Das ist völlig normal und auch nichts Ungewöhnliches. Schliesslich will sich jeder besser verkaufen, als er ist. Dabei ist das gar nicht nötig, denn jeder ist unterschiedlich. Nichtdestotrotz spiegelt die Studie die Realität wider. Und das ist ein doch sehr freudiges Ergebnis.

Gibt es Unterschiede zum Sexualleben von früher und heute?
Nicht wirklich. Die Sexualfragen, die früher in den Jugendzeitschriften wie etwa der "Bravo" gestellt wurden, sind bei den heutigen Jugendlichen dieselben. Heute ist aber Pornografie vermehrt Thema, da sie überall konsumiert werden kann, ebenso wie Nacktfotos. Die sozialen Medien spielen hier eine ganz grosse Rolle. Was heute auch mehr Thema ist, ist etwa die Lustlosigkeit bei Männern. Positiv fällt aber auf, dass heute Vielfalt besser akzeptiert wird als früher.

Was meinen Sie?
Etwa Homosexualität oder die Vorliebe für bestimmte Sexpraktiken oder Fetisch. Heute ist das normaler, früher wäre man als abnormal abgestempelt worden.

Was empfehlen Sie als Sexaultherapeutin einem Paar, damit es die Zufriedenheit in der Beziehung behalten kann?
Da gibt es ein ganz einfaches Rezept: Man darf nie vergessen, dass Sexualität ein Leben lang dauert. Daher muss man stets daran arbeiten und sich nicht auf Gewohnheiten ausruhen. Man soll ruhig einmal mutig sein und einfach mal ausprobieren. Die eigenen Wünsche gilt es offen anzusprechen und man sollte nie vergessen: Es muss nicht immer alles super sein, es reicht auch einmal einfach nur gut zu sein.