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Ostschweiz
Erst durften sie nicht, dann konnten sie nicht, jetzt wollen viele von ihnen nicht mehr. Gar nichts mehr. Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter leben vom Geschäft mit der Nähe, das seit Corona immer mehr zu einem Geschäft mit der Angst wurde.
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Alles ist aufgeräumt, extrem aufgeräumt. In dem Milieu, das als schmuddelig gilt und anrüchig, stehen Desinfektionsmittel, ist jede Fläche klinisch rein, nirgends ein Staubkorn zu sehen. «Das Milieu» ist in Nicoles Fall ihr Zuhause. In ihrer Drei-Zimmer-Wohnung stossen auf wenigen Quadratmetern Privat- und Berufsleben aufeinander, nicht erst seit Corona die Homeoffice-Ära einläutete. Durchquert man in wenigen Schritten Nicoles Wohnzimmer und tritt in den «Massageraum», nimmt der automatische Duftsensor davon augenblicklich Kenntnis und umhüllt den Fremden mit einer Wolke aus künstlichem Flieder. Eine Massageliege erwartet die Gäste, daneben steht Nicole, die Masseurin mit Diplom. Professionell wie der Titel und ihrer Wirkung bewusst, überlässt die 50-Jährige nichts dem Zufall. Der Lidstrich sitzt perfekt, ihre Kleidung betont hier und kaschiert dort. Man sieht ihr das Alter kaum an. Das wisse sie, sagt sie, und kurz huscht ein stolzes Schmunzeln über ihr sonst so sorgenvolles Gesicht.