Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Sex-Therapeutin Dr. Ruth über ihre Kindheit in Heiden: «Ich kenne den Ausdruck 'Cheibe Usländer'»

Ruth K. Westheimer ist die bekannteste Sextherapeutin der USA. Sie ist lebensfroh, aktiv und gerade 90 geworden. Dabei war ihre Kindheit traumatisch: Westheimers Familie wurde in Auschwitz ermordet. Sie überlebte – in einem Heim in Heiden.
Katharina Brenner
«Ich bin jeden Abend unterwegs, das hält aktiv», sagt die 90-jährige Ruth Westheimer. (Bild: imago/Future Image)

«Ich bin jeden Abend unterwegs, das hält aktiv», sagt die 90-jährige Ruth Westheimer. (Bild: imago/Future Image)

Anruf aus der Ostschweiz bei Ruth K. Westheimer in New York, die prägende Jahre in Heiden verbrachte. «Hallo», sagt sie freundlich und bestimmt am ­anderen Ende der transatlantischen Leitung. Nach über 60 Jahren in den USA spricht Westheimer ihre hessisch gefärbte Muttersprache immer noch fliessend. Sie war eine der Ersten, die in den USA öffentlich Wörter wie Vagina und Masturbation benutzte. Auch mit 90 beantwortet die als Dr.Ruth bekannte Westheimer in Sendungen, auf Twitter und per Mail Fragen rund um das Thema Sex.

Ruth K. Westheimer, stellen Ihnen Schweizer andere Fragen zu Sex als Amerikaner?

Egal, wo ich bin, alle haben dieselben Probleme. Schweizer sprechen nur weniger offen darüber. Aber auch andere tun sich schwer. Darum sage ich vor ­Diskussionen: Wer eine Frage hat, soll sie im Namen eines Freundes oder einer Freundin stellen. Schon wird es leichter.

Welche Probleme hören Sie häufig?

Gerade leiden sehr viele Menschen unter Einsamkeit. Das ist sehr bedauerlich.

Was raten Sie ihnen?

Gehen Sie unter Leute! Gehen Sie in die Oper oder besuchen Sie Kurse – was immer Ihnen Spass macht! Zu Hause lernt man niemanden kennen.

Sie haben die Zuschauer Ihrer ­Fernsehsendung jahrelang mit «have good sex» in die Nacht ­verabschiedet. Was ist guter Sex?

Wenn man jemandem vertraut.

Bekannt wurden Sie in den USA in den 1980er-Jahren mit Ihrer Radiosendung «Sexually Speaking». Wie kam es, dass Sie als Dr. Ruth intime Zuhörerfragen beantworteten?

Ich arbeitete damals in New York in der Familienplanung und stellte fest, dass vielen das nötige Wissen fehlte. Also ging ich auf einen Radiosender zu. Nie hätte ich gedacht, dass ich selbst sprechen würde mit meinem Akzent; ich wollte nur die Informationen liefern. Doch dann gaben sie mir eine Sendung.

Ruth Westheimer zu Gast in der Talkshow von David Letterman 1983.

Sie sind jetzt 90, unterrichten an ­Universitäten, schreiben Bücher und planen eine neue Fernsehsendung. Wo nehmen Sie Ihre Energie her?

Ich habe viel Glück, dass ich gesund bin. Ich habe viele Freunde, tolle Kinder und Enkel und bin jeden Abend unterwegs, das hält aktiv. Das Schöne an New York ist, dass es viele Intellektuelle und Veranstaltungen gibt. Und ich halte mich von Leuten fern, die alles negativ sehen.

Ihre eigene Geschichte enthält dunkelste Kapitel. Ihre Familie wurde in Auschwitz ermordet.

Das habe ich erst nach dem Krieg ­erfahren. Auf Listen wurden erst die Namen der Überlebenden veröffentlicht, dann die der Ermordeten.

1939 kamen Sie mit einem Kindertransport von Frankfurt nach Heiden, wo Sie die Kriegsjahre im jüdischen Kinderheim Wartheim verbrachten. Erinnern Sie sich an den Abschied von Ihrer Familie?

Am 5. Januar 1939 sah ich meine Mutter und Grossmutter zum letzten Mal. Ich war zehn. Meinen Vater hatten sie bereits abgeholt und in ein Arbeitslager gebracht. Auf der Fahrt nach Heiden gab es im Zug heisse Schokolade. In Basel und Rorschach mussten wir umsteigen.

Sagten Ihnen Ihre ­Mutter und Grossmutter, warum Sie gehen ­mussten?

Sie erzählten mir von der guten Schweizer Schokolade und dass sie mich bald holen würden. Ich wusste, dass es Juden in Deutschland schlecht ging, wollte aber nicht weg. Erst als sie mir eine Postkarte meines Vaters zeigten, war ich bereit dazu. Er schrieb, dass ich Deutschland verlassen müsse, damit er zurückkommen kann.

Wie empfing man Sie in Heiden?

Die Dorfbewohner haben uns Kinder hinter ihren Vorhängen beobachtet. Ich kenne den Ausdruck «cheibe Usländer». Ich bin der Schweiz aber sehr dankbar. Ohne sie hätte ich nicht überlebt.

Hatten Sie Heimweh?

Ja, aber es ging uns ja allen so. Und ich habe auch gute Erinnerungen. Ich hatte Freunde im Heim und ich war bei den Pfadfindern; ich leitete sogar eine Bubengruppe. Das Kinderheim wurde vom Israelitischen Frauenverein Zürich geführt. Die Erziehung war sehr religiös; das hat mir geholfen.

Später haben Sie eine Ausbildung zur Haushälterin gemacht.

Ich hätte so gerne die Sekundarschule besucht. Aber Mädchen durften das nicht. Mein Freund Walter aus dem Heim lieh mir Geschichts- und Englischbücher aus. Die las ich nachts auf der Treppe. Einmal die Woche besuchte ich dann die Haushälterinnenschule. Ich bin also ein Dienstmädchen mit Diplom aus Herisau. Ich sage gerne: Wenn ich einmal als Sextherapeutin kein Geld mehr verdiene, arbeite ich als Haushälterin.

Ursprünglich sollten Sie nur ein halbes Jahr in Heiden bleiben.

Alle sechs Monate mussten wir aufs Amt und unser Visum verlängern. Aber wo hätten wir auch hingehen sollen? Aus dem Kinderheim wurde ein Waisenhaus.

Zur Person

Ruth K. Westheimer wurde 1928 als ­Karola Siegel in der Nähe von Frankfurt am Main geboren. 1939 kam sie mit einem Kindertransport nach Heiden in das ­jüdische Kinderheim Wartheim. Nach Kriegsende kämpfte sie als überzeugte Zionistin in Palästina und nahm den Namen Ruth K. Westheimer an. Anschliessend studierte sie in Paris, dann in New York,
wo sie in Soziologie promovierte. In den 1980er-Jahren wurde die
140 Zentimeter grosse «Dr. Ruth» mit Radio- und Fernsehsendungen zur bekanntesten Sextherapeutin der USA. Sie hat über 30 Bücher geschrieben und lehrt an Universitäten. Westheimer hat zwei Kinder und war drei Mal verheiratet, zuletzt 38 Jahre mit Fred Westheimer. (kbr)

Als der Krieg vorbei war, sind Sie nach Palästina. Wären Sie gerne in der Schweiz geblieben?

Das wäre nicht gegangen. Und ich wollte helfen, einen jüdischen Staat aufzubauen. Ich bin Zionistin und der festen Überzeugung, dass jeder Mensch sein eigenes Land braucht.

Macht Ihnen der zunehmende Antisemitismus in Europa Sorgen?

Er macht mir grosse Sorgen. Auch in Amerika nimmt er zu. Wir müssen miteinander reden und junge Menschen bilden. Dasselbe gilt für den Umgang mit Flüchtlingen. Als ehemaliges Flüchtlingskind macht mich das sehr betroffen.

Wie sollte Europa handeln?

Eine politische Lösung habe ich nicht. Aber wir dürfen die Grenzen nicht schliessen. Wir haben gesehen, was dann passiert.

In Frankfurt und Heiden hiessen Sie Karola Siegel. Warum haben Sie Ihren Namen geändert?

In Palästina wollte niemand einen deutschen Namen hören. Deshalb wurde ich Ruth K. Westheimer. Karola habe ich als Initial behalten. Ich schloss mich der Haganah an. Die zionistische Untergrundorganisation kämpfte für Israel als Land der Juden. Ich war eine exzellente Scharfschützin.

Warum haben Sie das Land verlassen, für das Sie kämpften?

Ich wurde im Krieg 1948 schwer verletzt und mein erster Mann wollte Medizin studieren. Das ging in Israel nicht. Also sind wir nach Paris. Ich habe die Sprache gelernt und Psychologie studiert.

Sie waren drei Mal verheiratet. Die ersten beiden Ehen hielten nur kurz, mit Ihrem dritten Mann waren Sie 38 Jahre – bis zu seinem Tod – verheiratet. Was war anders mit ihm?

Bei den ersten beiden war ich zu jung. Nur Fred Westheimer war mein richtiger Ehemann.

Was hat Sie nach Amerika geführt?

Ich wollte eigentlich bloss meinen Onkel in San Francisco besuchen. Doch dann habe ich meinen Master in Soziologie in New York gemacht und bin ­geblieben.

Der Schweiz sind Sie nach wie vor verbunden.

Meine Masterarbeit schrieb ich darüber, was aus den Heimkindern in Heiden wurde. Ich war lange nicht dort; das Heim gibt es nicht mehr. Früher habe ich mit meiner Familie jeden Sommer Urlaub in der Schweiz gemacht. Mein Lieblingsweg auf der ganzen Welt ist der zur «Kleinen Scheidegg». Heute reise ich einmal im Jahr nach Zürich und besuche Freunde; in Uster meine Freundin Ilse Wyler-Weil, die mit mir im Kinderheim in Heiden war. Sie ist vor Kurzem gestorben. Das Erste, was ich mache, wenn ich in Zürich ankomme: Ich gehe zu «Sprüngli», trinke Kaffee und esse Vermicelles. Und bei der Party zu meinem 90. Geburtstag in New York tanzte ich mit dem Schweizer Botschafter ­einen wunderbaren Walzer.

Vom Kinderheim zum Waisenhaus

Das Kinderheim Wartheim in Heiden wurde 1927 vom Israelitischen Frauenverein Zürich gegründet. In einem Brief an potenzielle Sponsoren von 1926 heisst es: «Seit Jahren beschäftigten wir uns mit diesem Plane, da bis jetzt in der Schweiz kein jüdisches Heim besteht, in dem wir Kinder, die aus sozialen Gründen vom Elternhaus entfernt werden müssen und solche, die nach Krankheit geschwächt und erholungsbedürftig sind, unterbringen konnten.» Im ersten Jahr seines Bestehens besuchten 66 Kinder das «Wartheim». Während des Zweiten Weltkriegs wurde es zu einer Einrichtung, die Leben rettete. Zeitweilig lebten dort bis zu 90 jüdische Pflegekinder. In einem Text des Israelitischen Frauenvereins aus dem Jahr 1953 ist von zirka 40 Kindern die Rede, die vor Kriegsbeginn mit einem Kindertransport von Frankfurt nach Heiden kamen – darunter Ruth K. Westheimer. Der Israelitische Frauenverein Zürich verkaufte das «Wartheim» 1988, da es keinen Bedarf mehr an dem Angebot gab. Heute sind Privatwohnungen in dem ehemaligen Heim untergebracht. (kbr)

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.