Seltenen Pflanzen auf der Spur

In einem neuen Projekt will das Naturmuseum St. Gallen sein botanisches Erbe aufarbeiten. Zusätzlich soll eine Datenbank mit allen Pflanzenarten des Kantons St. Gallen und beider Appenzell erstellt werden.

Anna Viola Bleichenbacher
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Die einzige Strauchbirke der Schweiz wächst im Gründenwald bei Abtwil. (Bild: Ralph Ribi)

Die einzige Strauchbirke der Schweiz wächst im Gründenwald bei Abtwil. (Bild: Ralph Ribi)

ST. GALLEN. Der Keller ist aufgeräumt, sauber und mit Lampen ausgerüstet, um nicht finster zu wirken. Vieles ist schon in Kisten verpackt, bereit für den grossen Umzug in den Neubau im kommenden Jahr. Dennoch hat das Naturmuseum St. Gallen Kapazität für Vergangenheitsbewältigung. Im Untergeschoss lagern rund 100 000 Pflanzenbelege – fein säuberlich gepresste Pflanzen in Papiermappen mit entsprechender Beschriftung.

Bis zu 200 Jahre alt

Wie alt die Herbarbelege sind, kann Alfred Brülisauer, zuständig für die botanischen Bestände am Naturmuseum, nicht genau sagen. Viele würden jedoch noch aus der Zeit von Jacob Wartmann stammen. Er war Botaniker und Mitte des 19. Jahrhunderts der erste Direktor des Museums. Unter ihm wurde dieses riesige Herbarium angelegt, das in den folgenden Jahren mal gepflegt, mal vernachlässigt wurde, im Trend jedoch immer mehr in Vergessenheit geriet.

Der aktuelle Direktor, Toni Bürgin, will daher wieder einen Fokus auf die Botanik setzen. «Wenn es um die Artenvielfalt von Pflanzen geht, arbeiten wir mit den Verantwortlichen des Botanischen Gartens zusammen. Sie sind für die lebenden Pflanzen zuständig, wir für die Aufbewahrung von Belegen», sagt Bürgin. Deshalb lancierte er im Auftrag des kantonalen Amtes für Natur, Jagd und Fischerei ein Projekt, dessen Ziel es ist, eine digitale Datenbank von Pflanzenarten des Kantons St. Gallen sowie beider Appenzell zu erstellen. Das Augenmerk liegt dabei auf sogenannten prioritären Arten. Diese entstammen der Roten Liste des Bundesamtes für Umwelt, die schützenswerte und bedrohte Pflanzenarten enthält. Die Datenbank soll vor allem Fundort und Verbreitung festhalten. Für ausgewählte Pflanzenarten wird zudem ein Aktionsplan erstellt, der Massnahmen zum Schutz und auch zur Vermehrung der jeweiligen Art enthalten soll.

Mit dem Projekt betraut wurde Alfred Brülisauer, der seinerseits den botanischen Zirkel St. Gallen kontaktierte. Auf seine Anfrage meldeten sich einige Botaniker, mit denen nun die nächsten Schritte besprochen werden. Geplant ist, dass die Botaniker an bereits belegten Fundorten nach den Pflanzen suchen und dann Angaben zum Ort und der Anzahl der gefundenen Gewächse festhalten.

Ob die Pflanzen an den einstigen Fundorten überhaupt noch wachsen, kann bei einigen Arten momentan nicht gesagt werden. Die letzten Belege mancher Pflanzen liegen bereits 20 Jahre zurück.

St. Gallen in der Pflicht

Der Kanton St. Gallen hat bis anhin kein vergleichbares Projekt unterstützt. Der Bund wurde bereits einmal hier aktiv und hat Aktionspläne für einige Arten erstellt. Brülisauer sieht jetzt St. Gallen in der Pflicht: «Schweizweit sind uns etwa 3500 verschiedene Pflanzenarten bekannt. Allein in unserem Kanton konnten schon 2000 davon belegt werden. Das ist eine enorme Vielfalt.» Für die Erhaltung ebendieser sei das Aufzeigen von Handlungsmöglichkeiten unabdingbar. Genau das ist das Ziel der neuen Aktionspläne.

Unter den prioritären Arten befindet sich eine ganz besondere: Die Strauchbirke im Gründenwald bei Abtwil ist das letzte Exemplar ihrer Art in der Schweiz. Es gab bereits Vermehrungsversuche, die jedoch scheiterten. Doch Alfred Brülisauer will nicht aufgeben. Auch für diese besondere Birkenart will er einen Aktionsplan erstellen.

Das Projekt läuft bis Ende 2017. Bis dahin soll die digitale Datenbank fertig sein.