Sekunden veränderten sein Leben

Wegen versuchter vorsätzlicher Tötung hat das Ausserrhoder Kantonsgericht gestern einen Drogenabhängigen zu einer Freiheitsstrafe von 39 Monaten verurteilt. Er hatte in Herisau einen Nachbarn mit drei Messerstichen verletzt.

Margrith Widmer
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Wenige Sekunden veränderten das Leben des 28jährigen Polytoxikomanen (Konsument mehrerer Drogen), als ihm am 25. September 2013 die «Sicherungen durchbrannten»: Aus nichtigem Anlass – seine Partnerin zoffte sich mit dem 22jährigen Opfer und dessen Freundin wegen lauter Musik und einer offenen Tür lautstark im Hausflur des Mehrfamilienhauses in Herisau – packte er ein Küchenmesser mit 14 Zentimeter langer Klinge und stürzte sich «von blanker Wut getrieben» auf den Widersacher. Das Opfer packte den Täter am Arm – da rammte dieser seinem Kontrahenten das Messer in den Brustkorb, zog es raus und stach nochmals zu. Das Opfer stürzte, der Täter versetzte ihm einen Schnitt am Oberarm. Schliesslich landete der Messerstecher unter seinem Gegner; als dieser ihn aufforderte, das Messer abzulegen liess er die Waffe fallen.

Ein Stich verletzte das Lungengewebe und führte zu einer Ansammlung von Luft und Blut in der linken Brusthöhe – «Pneumo-Hämatothorax»; das war laut den Gerichtsmedizinern mindestens «potenziell lebensgefährlich». Gemäss den Ärzten erlitt das Opfer keine «bekannten physischen Verletzungen». Dagegen habe der Mann wegen grosser psychischer Probleme psychiatrische Hilfe in Anspruch nehmen müssen, so der Anwalt des Verletzten.

«Sippe ausrotten»

Im Sommer 2015 sandte der Beschuldigte in betrunkenen Zustand und unter Drogeneinfluss einem Herisauer Berufsbeistand wüste Droh-E-Mails. Darin kündigte er an, er werde die Familie des Mannes ausrotten und beleidigte ihn mit hässlichen Beschimpfungen. Der Grund: Inzwischen hatte die Freundin des Täters eine Tochter geboren; sie wurde ihr weggenommen. Kurz darauf starb die junge Frau. Der Beschuldigte machte den Sozialarbeiter für den Tod verantwortlich. «Ich wollte nicht töten»

Die Staatsanwältin forderte eine unbedingte Gefängnisstrafe von über 30 Monaten, eine Busse und eine ambulante Massnahme. Der Mann habe die Tötung des Opfers in Kauf genommen; er habe lebenswichtige Organe nur knapp verfehlt, als er seinem Opfer das Messer «mit massiver Gewalt in Rage in den Bauch» gerammt habe.

Der Verteidiger plädierte auf versuchte schwere Körperverletzung, eine bedingte Strafe von unter 24 Monaten, eine Busse und ambulante Massnahme. Die Reaktion des Täters angesichts der Anklage sei gewesen: «Ich wollte ihn doch nicht töten.» Der Nachbarschaftsstreit zwischen den Frauen habe schon länger gedauert.

Unbedingt

Das Gericht sah es anders: Es war keine Notwehr, es gab keine Bedrohung, die andern waren unbewaffnet. Aber: «Wir glauben Ihnen, dass Sie keine Tötungsabsicht hatten; doch Sie haben den Tod in Kauf genommen; das ist Eventualvorsatz.» Das Gericht ging von einer leicht verminderten Schuldfähigkeit aus und verurteilte ihn zu 39 Monaten Freiheitsstrafe, 200 Franken Geldstrafe und 400 Franken Busse wegen Drogenkonsums. Er muss Schadenersatz und Genugtuung leisten und Kosten von 40 000 Franken tragen.