Seit Jahren nimmt häusliche Gewalt zu: So will der Kanton St.Gallen schlagende Männer in den Griff kriegen

Der Kanton St.Gallen will häusliche Gewalt eindämmen – und setzt auf Kurse für Männer, die ihre Partnerinnen schlagen. Das Ziel: Die Teilnehmer sollen lernen, ihre Wut zu kontrollieren.

Adrian Lemmenmeier
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Die gemeldeten Fälle häuslicher Gewalt haben zwischen 2018 und 2019 schweizweit um sechs Prozent zugenommen.

Die gemeldeten Fälle häuslicher Gewalt haben zwischen 2018 und 2019 schweizweit um sechs Prozent zugenommen.

Bild: Luis Berg/Keystone

Er ist vielerorts nicht eingetreten. Der zu Beginn der Pandemie befürchtete Anstieg der häuslichen Gewalt während des Lockdown. Das vermeldete die Bundestaskforce gegen häusliche Gewalt Anfang des Monats. Über längere Sicht hat die Anzahl gemeldeter Delikte, die innerhalb des Haushaltes zwischen den Partnern vorkommen, aber schweizweit zugenommen. Das zeigen Zahlen des Bundesamtes für Statistik. Von den 51 Tötungsdelikten, die 2019 in der Schweiz begangen worden sind, handelt es sich gar in 29 Fällen um häusliche Gewalt.

Für den St.Galler Justizdirektor Fredy Fässler ist deshalb klar:

«Es ist dringend nötig, dieses Problem besser in den Griff zu kriegen.»

Dazu haben National- und Ständerat vor zwei Jahren verschiedene Massnahmen beschlossen. Unter anderem können Kantone ab Juli anordnen, dass beschuldigte Personen ein Programm besuchen müssen, in dem sie lernen, Konfliktsituationen nicht in Gewalt ausarten zu lassen. St.Gallen beginnt mit einem solchen Programm im August.

20 Abende gegen Gewalt

Das Programm besteht aus Unterricht und Gruppentraining. «Während zwanzig Wochen treffen sich vier bis acht Teilnehmer und lernen die Grundlagen für eine gewaltfreie Partnerschaft», erklärt Silvia Hilber, Leiterin Bewährungshilfe beim Sicherheits- und Justizdepartement. «Dabei geht es nicht nur darum, Wissen zu vermitteln.» Die Teilnehmer sollen ein Gefühl dafür entwickeln, dass es andere Arten im Umgang mit Konflikten gebe als Gewalt.

Das Pilotprojekt richtet sich ausschliesslich an Männer. Der Frage nach der Männlichkeit ist denn auch eines von sechs Modulen gewidmet. Hilber sagt:

«Die Teilnehmer sollen ihr Rollenverständnis reflektieren und das Risiko von falsch verstandener Männlichkeit erkennen.»

Auch sollen sie lernen, fair zu streiten und eine gleichwertige Beziehung aktiv zu gestalten. «Ziel ist, dass sie den Zeitpunkt erkennen, wann ein Konflikt eskaliert, und lernen, sich dann gegen Gewalt zu entscheiden.» So sollen die Chancen eines Rückfalles vermindert werden. Statt zu schlagen, solle ein Mann lieber eine Runde um den Block drehen, um seinem Ärger Luft zu machen.

Angelehnt an Baselbieter Modell

Wann aber muss ein Mann an diesem Programm teilnehmen? Das Lernprogramm kann etwa verordnet werden, wenn das Opfer die Sistierung des Verfahrens gegen seinen Partner beantragt. Seit 2004 sind die Mehrheit der Straftaten in Ehe und Partnerschaft Offizialdelikte. Schlägt etwa ein Mann seine Frau, muss die Polizei von Amtes wegen ermitteln. Zuvor brauchte es dazu eine Anzeige.

Regierungsrat Fredy Fässler (SP)

Regierungsrat Fredy Fässler (SP)

Bild: Benjamin Manser (4. Juni 2020)

Im Unterschied zu den übrigen Offizialdelikten kann das Opfer bei häuslicher Gewalt aber eine Sistierung des Verfahrens beantragen, da eine Strafuntersuchung nicht immer im Interesse des Opfers liegt. «Diese Sistierung kann neu mit der Teilnahme an einem Lernprogramm verknüpft werden», sagt Regierungsrat Fässler. Die Teilnahme könne aber auch bei einer bedingten Strafe verordnet werden oder als Ersatzmassnahme statt Untersuchungshaft.

Im Umgang mit häuslicher Gewalt hat der Kanton St.Gallen vor 17 Jahren eine Vorreiterrolle eingenommen. Als erster Kanton führte er damals die Regelung ein, dass beschuldigte Personen in Fällen häuslicher Gewalt für zehn Tage weggewiesen werden können. Die Frist wurde mit dem 8. Nachtrag zum Polizeigesetz Ende Jahr auf 14 Tage verlängert. Das neue St.Galler Lernprogramm gegen häusliche Gewalt lehnt sich inhaltlich an ein Programm der Interventionsstelle gegen häusliche Gewalt des Kantons Baselland an.


Die Frau hinter dem Lernprogramm Silvia Hilber im Interview: «Männer sind die Haupttätergruppe»

Silvia Hilber, Leiterin Bewährungshilfe St.Gallen.

Silvia Hilber, Leiterin Bewährungshilfe St.Gallen.

Bild: PD

Entwickelt hat das neue Lernprogramm die Bewährungshilfe St.Gallen. Leiterin Silvia Hilber erklärt, wo sie die grössten Herausforderungen sieht – und weshalb es kein Lernprogramm für Frauen gibt.

Manche Männer dürften nicht begeistert sein, dass sie an diesem Programm teilnehmen müssen. Wo sehen Sie die grössten Herausforderungen für die Kursleiter?

Silvia Hilber: Die Leute abzuholen und zu motivieren, wird sicher eine gewisse Herausforderung darstellen. Ihnen zu zeigen, dass sie und ihre Beziehung von diesem Programm profitieren, stell ich mir nicht allen Fällen einfach vor.

Was geschieht, wenn sich ein Teilnehmer querstellt und den Kurs sabotiert?

Wenn ein Teilnehmer die Arbeit in der Gruppe sabotiert, wird er verwarnt. Falls das nichts nützt, werden wir der Staatsanwaltschaft berichten.

Das Programm orientiert sich an einem Vorbild aus dem Kanton Baselland. Hat es dort zu weniger Rückfällen geführt?

Ja, die Rückfallrate konnte gesenkt werden. Auch in Zürich hat man mit einem ähnlichen Programm positive Erfahrungen gemacht.

Auch Frauen können in den eigenen vier Wänden Gewalt ausüben. Weshalb richtet sich das Programm ausschliesslich an Männer?

Natürlich gibt es gewalttätige Frauen, aber Männer sind bei häuslicher Gewalt ganz klar die Haupttätergruppe. Wir reagieren mit dem Programm auch auf den Bedarf der Staatsanwaltschaft.

Wie hat sich der Lockdown auf die Anzahl Anfragen bei der Beratungsstelle für häusliche Gewalt ausgewirkt?

Während des Lockdowns war es eher ruhig, danach sind wieder mehr Anfragen reingekommen.

Wie erklären Sie sich das?

Ich vermute, dass eine Bedrohung wie eine Pandemie auch zusammenschweisst. Ist sie vorbei, können alte Konfliktmuster wieder aufbrechen. (al)