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Seit frühester Kindheit ist Anwalt Severin Bischof auf den Rollstuhl angewiesen – jetzt hilft ihm ein Assistenzhund

Der St.Galler Rechtsanwalt Severin Bischof leidet an spinaler Muskelatrophie, im Volksmund Muskelschwund genannt. Seit drei Monaten hilft dem 32-Jährigen ein Assistenzhund im Alltag.
Sandro Büchler
Labradorhündin Arley assistiert Severin Bischof: «Sie drückt zum Beispiel Lichtsignalknöpfe.» (Bild: Benjamin Manser)

Labradorhündin Arley assistiert Severin Bischof: «Sie drückt zum Beispiel Lichtsignalknöpfe.» (Bild: Benjamin Manser)

In der Kanzlei im St.Galler Stadtzentrum fällt Severin Bischof der Kugelschreiber aus der Hand. Auf sein Kommando «Apporte!» trottet die schwarze Labradorhündin Arley daher, die eben noch unter dem Tisch geschlafen hatte. Sie nimmt den Stift zwischen die Zähne und hält ihn Bischof hin. «Sie kann auch Münzen und Büroklammern aufheben.» Arley ist ein Assistenzhund und begleitet den 32-Jährigen seit drei Monaten.

Bischof ist seit frühester Kindheit auf den Rollstuhl angewiesen. Im Alter von fünf Monaten wurde bei ihm spinale Muskelatrophie Typ 2 diagnostiziert. Dabei erkranken die Nervenzellen, die Impulse an die Muskeln weiterleiten. Da diese Reize bei den Betroffenen fast gänzlich fehlen, bilden sich die Muskeln zurück. Bischof kann sitzen, gehen konnte er aber nie. «Für mich war es normal, dass ich mit anderen Kindern nicht überall spielen konnte.» Ungefähr eines von 10'000 Neugeborenen ist in der Schweiz von der bislang unheilbaren Erkrankung betroffen. Nach der Diagnose gingen die Ärzte bei Bischof von einer verminderten Lebenserwartung aus.

Auszeit nach der Anwaltsprüfung

Severin Bischof wächst in Schmerikon auf. Um die erste Klasse zu besuchen, benötigt er einen Elektrorollstuhl. Er habe aber das Glück gehabt, dass er trotz seiner Behinderung die Regelschule besuchen konnte. Die Lehrerin habe es mit ihm probieren wollen, sagt Bischof. «Wäre ich damals in eine Sonderschule gekommen, wäre ich jetzt nicht da, wo ich bin.» Seit eineinhalb Jahren ist er selbständiger Rechtsanwalt.

Auf dem Weg dahin hat er die Matura in Wattwil absolviert, anschliessend an der HSG Rechtswissenschaften studiert, den Doktortitel errungen und schliesslich die Anwaltsprüfung abgelegt. Sein Werdegang habe sich so ergeben. «Dass ich nicht auf dem Bau arbeiten werde, war klar», sagt Bischof lakonisch. «Dass ich am Schreibtisch arbeiten werde, schon eher.» Auch der Entscheid für das Jus-Studium folgte einer simplen Logik. «Es ist der einzige Lehrgang an der HSG ohne Mathe.»

Es habe aber auch Zeiten gegeben, da habe er vor lauter Büffeln die Flinte ins Korn werfen wollen. Nach der Anwaltsprüfung hat Bischof erst mal genug. Er nimmt sich eine Auszeit von einem halben Jahr. «Für alles andere, wofür zu wenig Zeit geblieben war.» Viel lesen, Mallorca, Strand. Ihm, dem frischgebackenen Anwalt, habe die Kraft gefehlt, sich gleich auf eine Stelle zu bewerben. Es sei die Ungewissheit im Bewerbungsprozess gewesen, die ihn abgeschreckt habe. «Mit einer Behinderung muss man sich doppelt erklären.» Bischof gibt bewundernswert offenherzig Auskunft über Hochs und Tiefs in seinem Leben. Wofür er seine Energie aufwendet, überlegt er sich stets aufs Neue.

Die Jobsuche entpuppte sich dann als einfacher als gedacht. Die Kollegen der neu gegründeten Kanzlei Degginger Bischof Zlabinger empfingen Bischof mit offenen Armen.

Französischsprachig erzogen

Zur gleichen Zeit keimt beim frischgebackenen Anwalt der Wunsch nach einem Haustier auf. Auf Anraten einer Kollegin bewirbt er sich um einen Assistenzhund. Eineinhalb Jahre verstreichen. Dann im Juni ist es so weit. Bischof fährt ins Wallis, wo der vierbeinige Partner zuvor während zweier Jahre ausgebildet worden war. Sie beschnuppern sich gegenseitig, er trainiert Kommandos ein, lernt die Psychologie und Gesundheit von Hunden kennen. «Wie ein zweiwöchiges Lager», sagt Bischof.

Die schwarze Hündin ist mittlerweile zweieinhalb Jahre alt. Da sie in der Romandie aufgezogen wurde, sind auch die erlernten Kommandos auf Französisch. «Assis!», «Au pied!», sagt Bischof. Arley kann Türen aufmachen, mit den Pfoten den Knopf beim Lichtsignal oder beim Lift drücken. «Dazu kommt der soziale Aspekt.» Man komme mit Leuten ins Gespräch. Ein gelbes Geschirr kennzeichnet den Assistenzhund und weist darauf hin, dass man ihn nicht streicheln darf. «Mit ihr fühle ich mich sicherer, komme raus und gehe auch allein in den Wald.» Von seiner St.Galler WG, die Bischof mit einem Mitbewohner teilt, fährt und läuft das Duo jeden Tag zwei Kilometer zur Kanzlei – bei Wind und Regen.

Arley ist stets in der Nähe von ihrem Herrchen. Deshalb muss Bischof nun seine Klientinnen und Klienten jeweils fragen, ob sie keine Angst vor dem Hund haben. Oftmals sei aber das Gegenteil der Fall: «Arley bricht das Eis, löst die Anspannung meiner Klienten vor einem heiklen Gespräch.» Der Anwalt behandelt oft Familienrecht, häufig auch Scheidungen. Zu einer halbstündigen Schlichtungsverhandlung nahm Bischof seinen Hund schon mit. Bei längeren Verhandlungen lasse er ihn aber vorerst in der Kanzlei. In Zukunft will er Arley auch mit ans Gericht nehmen.

Ein Förderverein und eine App für andere Betroffene

Neben Hund Arley unterstützen Bischof 14 Personen. Sie helfen ihm bei der Körperhygiene, beim Anziehen, kochen oder machen seinen Haushalt. Von der Invalidenversicherung erhält Bischof einen Assistenzbeitrag, womit er die Helfer anstellen kann. Die Einsatzpläne muss er eigenhändig erstellen, er koordiniert Kalender, zahlt Löhne aus, stellt Rückforderungen an die IV. «Das funktioniert wie ein KMU, bloss verkaufe ich nichts.» Mit den Assistenten, die ihn auch im Beruf unterstützen, vereinbare er zudem Geheimhaltungen, damit das Anwaltsgeheimnis gewahrt bleibe.

Viele behinderte Personen seien nicht in der Lage, die Assistenzbeiträge selbstständig zu beantragen. Hier will Bischof mit dem eigens gegründeten Förderverein CléA Unterstützung leisten. Sein Wissen will er in einer App bündeln und automatisieren. «So wird anderen der Zugang zu den Assistenzbeiträgen erleichtert.»

Ein Medikament verspricht Linderung – doch es ist teuer

Gegen spinale Muskelatrophie ist seit 2017 das Medikament «Spinraza» auf dem Schweizer Markt. Es stabilisiert den Gesundheitszustand von Betroffenen, stoppt den Muskelschwund. «Ich kann nicht wieder laufen dadurch, aber es geht nicht weiter abwärts», sagt Severin Bischof. Als einer von wenigen erwachsenen Betroffenen hat er das Glück, dass die Krankenkasse die Kosten übernimmt. Denn Spinraza ist vor allem wegen seines Preises umstritten. Eine Dosis des Wirkstoffs, der ins Rückenmark iniziiert wird, kostet 93'000 Franken. Sechs Dosen sind im ersten Jahr der Behandlung nötig, drei in jedem weiteren Jahr – bis ans Lebensende.

Bischof schwankt zwischen Glück und Frust. Einerseits schätze er sich glücklich, mit dem Medikament verfüge er über mehr Energie. Auf der anderen Seite habe er ein schlechtes Gewissen gegenüber all jenen, die das Medikament nicht erhalten. Mit Mitstreitern wurde Bischof auf politischem Weg aktiv – bis zum Bundesrat. Inzwischen übernimmt die Invalidenversicherung zumindest für betroffene Kinder die Kosten. (sab)

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