Seilziehen um Ostschweizer Rinder

Vorarlberg möchte seine Alpen bewirtschaftet haben, die Ostschweizer Kantone haben Angst vor der Rindertuberkulose. Beide Seiten locken mit Geld – in der Schweiz werden neu Direktzahlungen ausbezahlt.

Andreas Kneubühler
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Schweizer Veterinäre empfehlen, die Kühe auf TBC-freie Alpen zu schicken. (Bild: Urs Jaudas)

Schweizer Veterinäre empfehlen, die Kühe auf TBC-freie Alpen zu schicken. (Bild: Urs Jaudas)

Rund 1000 Rinder aus der Ostschweiz sömmern jedes Jahr auf Alpen in Vorarlberg. Bisher zumindest. Denn seit in Österreich Fälle von Rindertuberkulose aufgetreten sind, ist der Grenzverkehr für Rinder nicht mehr unproblematisch. Die Bauern im Kanton St. Gallen, die diese Tradition pflegten, müssen sich nun entscheiden, ob sie das Risiko eingehen und ihre Tiere im nahen Vorarlberg auf einer Alp weiden lassen – oder irgendwo in der Ostschweiz oder in Graubünden einen Platz suchen wollen.

Etwa die Hälfte der Landwirte werde nach Alternativen suchen, schätzt Andreas Widmer, Geschäftsführer des St. Galler Bauernverbandes (Ausgaben vom 27.1.2014/4.3.2014). Kantonstierarzt Albert Fritsche wagt keine Prognose. Er wartet auf die Zeugnisse, die für einen Grenzübertritt eingeholt werden müssen. Erst wenn er diese durchgezählt hat, weiss er, wie sich die Bauern entschieden haben.

Krinauer sucht neue Lösung

Hans Brunner aus Krinau ist einer der Landwirte, die eine neue Lösung gesucht haben. Er – und zuvor sein Vater – schickten in den letzten 30 Jahren jeden Sommer Rinder nach Vorarlberg in die Region der Alp Stuben. Dabei waren eigene Tiere – 50, 60 Rinder –, dazu nahm Brunner weitere an. Letztlich kamen so etwa 200 Tiere zusammen. Rund 30 Rinder haben jeweils Platz in einem Lastwagen.

Es war also eine kleine Kolonne, die jeweils die Grenze überquerte. Einen Einschnitt gab es letzten Herbst: Dreizehn seiner Rinder seien nach der Rückkehr als Verdachtsfälle bezeichnet worden, sagt Brunner. Sie mussten geschlachtet werden. «Schöne Tiere waren dabei», bedauert er. Bei den anschliessenden Untersuchungen stellte sich dann heraus, dass die Rinder nicht angesteckt waren. Dieses Erlebnis war mit ein Grund, dass sich Brunner nun gegen die Sömmerung in Vorarlberg entschied. Er hat seine Tiere aufgeteilt und gibt sie anderen Bauern mit. Einen eigenen Platz auf einer geeigneten Alp fand er in der kurzen Zeit nicht.

Neben dem Risiko, Tiere zu verlieren, spielen aber vor allem auch die Finanzen eine wichtige Rolle: Die Ostschweizer Kantone haben fürs laufende Jahr neue Auflagen erlassen, die verlangen, dass neu alle Tiere auf Rindertuberkulose getestet werden müssen, wenn sie aus Vorarlberg zurückkommen. Die Kosten dafür werden auf die Landwirte abgewälzt.

Wie viel dies ausmacht, hänge vom Aufwand ab, sagt der St. Galler Kantonstierarzt. Er rechnet pro Tier zwischen 20 bis 40 Franken. Nach der Rückkehr gilt zudem eine Tierverkehrssperre von sechs bis acht Wochen. Das bedeutet unter anderem, dass die Rinder in dieser Zeit nicht verkauft werden dürfen. Am besten würden sie in der Zeit auf einer separaten Weide gehalten, rät Fritsche.

Weiter muss einkalkuliert werden, dass die Rindertuberkulose tatsächlich ausbrechen könnte. Neu werden aber die Schlachtungen nicht mehr wie bisher aus der Tierseuchenkasse entschädigt. Dies könne sich schnell auf ein paar Tausend Franken summieren, weiss Andreas Widmer, Geschäftsführer des St. Galler Bauernverbandes.

Kosten und Qualität abwägen

Neben der Peitsche gibt es allerdings auch Zuckerbrot: Neu werden für in der Schweiz gesömmerte Rinder Direktzahlungen von 370 Franken ausbezahlt. Pro Stück. Da dürfte es nur wenig ins Gewicht fallen, dass Vorarlberg angekündigt hat, das Land wolle die Kosten für die TBC-Tests übernehmen. Es gibt aber noch andere Faktoren, die allenfalls für Vorarlberg sprechen könnten: die Transportkosten und die Qualität der Alpweiden. Es gebe dort sehr gute Alpen, bestätigt Andreas Widmer. In der Ostschweiz sind viele vergleichbare Weideplätze bereits besetzt. Die Suche nach Alternativen ist deshalb nicht einfach und die Transportkosten beispielsweise nach Graubünden sind hoch.

Alp in der Region suchen

Hans Brunner sagt, dass er wohl auch künftig nicht mehr in Vorarlberg sömmern werde. Die Alp dort sei bereits wieder verpachtet worden. In seinen Überlegungen spielen die neuen Direktzahlungen eine wichtige Rolle. Er vermutet, dass die Landwirte, die ihm jeweils die Rinder anvertraut hatten, «einer nach dem anderen abgesprungen wären.» Und alleine hätte es sich nicht mehr gelohnt. Er hofft nun, für nächstes Jahr eine passende Alp in der Region zu finden.

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