Seeuferweg in Rorschacherberg: Es gibt noch viele Hürden nach dem knappen Ja

Nach dem knappen Ja an der Urne kann Rorschacherberg sein Seeufer im Neuseeland natürlicher und öffentlich zugänglich gestalten. Das freut auch den Kanton, der den Seeuferweg seit 1977 fordert. Doch der Weg bis zum Weg dürfte unbequem werden.

Marcel Elsener
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Das Seeufer im Rorschacherberger Neuseeland, im Vordergrund das Bootshaus des Mang-Villengrundstücks, dessen kantonale Konzession in diesem Jahr ausläuft. (Bild: Urs Bucher)

Das Seeufer im Rorschacherberger Neuseeland, im Vordergrund das Bootshaus des Mang-Villengrundstücks, dessen kantonale Konzession in diesem Jahr ausläuft. (Bild: Urs Bucher)

Es geht um nicht einmal einen Kilometer, den man dereinst in zehn Minuten gelaufen ist. Aber die paar hundert Meter Rorschacherberger Seeufer auf dem Bahnbau-Aushubgebiet Neuseeland sind umstritten wie selten etwas im Kanton St.Gallen – und der Urnengang in der Gemeinde hat das erneut bestätigt: 1084 Stimmbürger dafür, 1073 dagegen, eine hauchdünne Mehrheit für ein Generationenprojekt. Dabei ging es nach langem Streit und einem versenkten ersten Anlauf (2015) bei der Abstimmung über die «Revitalisierung des Seeufers Neuseeland mit Uferweg» um jetzt oder nie. Oder wie Gemeindepräsident Beat Hirs meinte: 

«Wenn diese ausgewogene Vorlage an der Urne scheitert, ist das Projekt für die nächste Generation gestorben.»

Niemand wagt eine Prognose für die Umsetzungsdauer

Nun ist das Vorhaben nicht gestorben, sondern im Gegenteil geboren worden, eine Zangengeburt, das Baby noch nicht im Trockenen. Auf allen Seiten wird die Stirn gerunzelt: Bei Hirs und dem Gemeinderat, der zwar verhaltene Freude zeigt, aber schnell «die grossen Bedenken» der Gegner erwähnt, «wegen möglicher Störungen der Badi, Abfall, Nachteilen für die Natur, Friktionen mit den Anstössern und hohen Kosten». Und der darauf achten will, diese Bedenken in der Planung «bestmöglich zu berücksichtigen, im Wissen, dass fast die Hälfte gegen dieses Projekt war». Was wohl auch für den Gemeinderat selber galt, der sich im Abstimmungskampf auffällig zurückhielt. Vor einer internen Abstimmung schreckte die Behörde zurück, weil sie ein Patt befürchten musste, wie Insider wissen wollen. Ein Eiertanz, der andauern wird, wie es weiter heisst:

«In der nächsten, zeitlich sehr aufwendigen Phase wird das Projekt nun detailliert fertig geplant und anschliessend öffentlich aufgelegt.»

Auch in der Ausführung sei der «ausgewogene Kompromiss zentral». Dafür müsse auch das Projekt für den Radweg entlang der Kantonsstrasse konkret werden. «Seeseitig sind konzessionierte Anlagen in Betrieb, für welche mit dem Kanton und den Anstössern passende Lösungen gefunden werden sollen.» Von einem Zeitplan spricht niemand – im Gutachten sind als nächste Meilensteine im Frühling 2019 das Ausführungsprojekt und im Frühling 2020 die Auflage vorgesehen. Als mögliche Eröffnung des Wegs wird dort Sommer 2023 genannt. Der Gemeinderat schliesst mit leiser Hoffnung:

«Wenn es gelingt, diese Arbeiten gegenseitig abzustimmen und pragmatische Kompromisse zu finden, scheint eine vernünftige Umsetzungsdauer möglich.»

Angesichts des knappen Resultats ist die Freude auf Befürworterseite nicht grenzenlos. «Ein deutlicheres Ja würde es einfacher machen», sagt der lokale CVP-Präsident Gregor Thurnherr. Nun befürchte man, dass Gegner bei jeder Hürde auf dem unbequemen Weg auf die «andere Hälfte» verwiesen und «sich zum Bremsen legitimiert» fühlten. Entsprechend pocht das Pro-Komitee auf eine «zügige» Umsetzung: «Es kann sein, dass die Verlierer die Realisierung des Vorhabens durch eine kritische Begleitung des Projektes doch noch zu verhindern versuchen.» Was meint Sven Bradke von der IG Neuseeland zu den Befürchtungen, die Anstösser würden das Projekt so lange verzögern, wie sie nur können – allenfalls durch alle Instanzen bis vor Bundesgericht? Grundsätzlich gelte, dass am Sonntag «eine Projektskizze zur Aufschüttung des Seeufers mit Fusswegen und Stegen inklusive Budget hauchdünn angenommen wurde», erklärt Bradke.

«Das Projekt wird jetzt erst ausgearbeitet und alsdann aufgelegt. Wir werden die Ausarbeitung kritisch begleiten. So wie knapp 50 Prozent der Bevölkerung wohl auch.»

Von kritischer Begleitung spricht indes auch die andere Seite: Die Befürworter aus der bisherigen Arbeitsgruppe wünschen sich eine «Begleitgruppe».

Sie wissen die kantonalen Baubehörden auf ihrer Seite: Bruno Thürlemann, Leiter Ortsplanung, freut sich seitens des Kantons, «einen Schritt weiter» zu sein. Gefordert sind nun die Wasserbau- und Strassenbehörden, die das Projekt der Gemeinde vertieft begleiten werden. Die Fachstellen seien «sehr sensibilisiert» und hätten heikle Punkte «auf dem Radar», so Thürlemann. Dazu gehört etwa das 1939 bewilligte Bootshaus auf dem Grundstück des Schönheitschirurgen Werner Mang, für das die Konzession nach 80 Jahren ausläuft – eine Zugbrücke könnte wie der Erdwall für die Anstösser über den gegenseitigen Goodwill der Parteien entscheiden.

Der frühere St.Galler Bauchef und Rorschacherberger FDP-Regierungsrat Walter Kägi unterstützte die Befürworter mit einem Testimonial. Und ein zweiter früherer FDP-Bauchef, Willi Haag, freut sich «riesig» über den Entscheid – doppelt: als Ex-Regierungsrat, der sich über die eigenmächtigen Handlungen des damaligen Gemeindechefs Ernst Tobler ärgerte, und als Vorstandsmitglied der St.Galler Wanderwege. Der Wanderverein, stets bemüht um ein flächendeckendes Netz im Kanton, hatte dem Pro-Komitee ihr Logo für Flyer und Plakate zur Verfügung gestellt – so wie es auch die Umweltverbände WWF und Pro Natura taten.

Positive Signale und Anschlüsse in den Nachbargemeinden

Erfreut über das Ja ist man in den Nachbarorten. Robert Raths, Gemeindepräsident von Thal und FDP-Kandidat fürs Stadtpräsidium Rorschach, verweist auf sein Vorhaben, den Steg in Staad um den Abschnitt vor dem zum Abbruch geweihten «Weissen Rössli» zu verlängern. Von einem öffentlichen Weg von Rorschach bis Altenrhein träumt auch der Rorschacher Stadtrat und SP-Kandidat fürs Präsidium, Guido Etterlin: Der Weg im Neuseeland ermögliche den Anschluss für den geplanten Uferweg im Strandbad und Schlachthof, beides Einrichtungen und Grundeigentum von Rorschach, aber auf Boden Rorschacherbergs.

Am Thema dran bleibt der Verein ­Rives publiques, der freie Seeufer an allen Seen fordert. Man vertrete nach wie vor die Ansicht, so Regionalvertreter Jörg Steiner, dass für einen kostenlosen Fussweg «einzig die damals illegal erstellten Gatter beseitigt werden müssten». Dabei verweist er auf bestehende Wegrechte: Wegen der «Vermischung der ökologischen Aufwertung mit einem zusätzlichen Fussweg» drohe ein «jahrelanger Prozess auf Kosten der Steuerzahler». Der Verein werde «Hand bieten, sollte sich das Projekt verkomplizieren».

Horns Uferweg vorbildhaft

Den populären Seeuferweg in Horn brachten in Rorschacherberg Befürworter wie auch Gegner ins Spiel: als gutes Beispiel eines regional geschätzten Naherholungs- und Lebensraums für Menschen, Tiere und Pflanzen am Seeufer, oder als abschreckendes Beispiel für mehr Rummel und Abfall. Die an wärmeren Wochenenden Hunderten von Spaziergängern und – parallel – Velofahrern auf den 1300 Metern zwischen evangelischer Kirche Horn und Steinacher Hafen (mit Auslauf via Hängebrücke ins Flussdelta) bezeugen indes eine Erfolgsgeschichte, die politisch gewollt war: Anders als Rorschacherberg schrieb der Gemeinderat der Thurgauer Enklave den Fuss- und Radweg 1976 in einen Gestaltungsplan, der die neuen Grundeigentümer im «Seehof» in die Pflicht nahm. Auf dem früheren Villengrundstück der Industriellenfamilie Raduner durften die Neubauten näher als 30 Meter an den See zu stehen kommen. Dafür mussten die Bauherrschaften im Gegenzug einräumen, dass später vor ihren Häusern der Bodensee aufgeschüttet und ein Fussgänger- und Radweg gebaut werden konnte. Das passierte in den 1990ern, und erst noch günstig: Das Aushubmaterial vom Bau des Autobahnzubringers Arbon wurde von der Gemeinde ins Seehof-Areal gefahren und gratis in den See geschüttet. So erwuchsen Horn Kosten von nur 600000 Franken. Rorschacherberg verpasste die Chance, weil es auf seinem ebenfalls von einer Industriellenfamilie (Kopp) genutzten Areal die Prioritäten anders setzte: Es wollte lieber vermögende Zuzüger statt einen Seeuferweg, den es aus dem kommunalen Richtplan strich. (mel)