Seegfrörni: Das Jahrhunderteis von 1963

Vor fünfzig Jahren fror der Bodensee zu. Bereits ab Mitte Januar 1963 war der Untersee begehbar, ab 7. Februar inoffiziell dann der ganze Bodensee. Zehntausende tummelten sich auf dem 537 Quadratkilometer grossen Eisfeld.

Marcel Elsener / Daniel Wirth
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Sonntagsausflüge auf das grosse Eisfeld Bodensee wie hier vor Arbon wurden im Februar 1963 schon fast zur Normalität. (Bild: Christian Bötschi/Zeppelin-Museum)

Sonntagsausflüge auf das grosse Eisfeld Bodensee wie hier vor Arbon wurden im Februar 1963 schon fast zur Normalität. (Bild: Christian Bötschi/Zeppelin-Museum)

«Irrtum: Nicht der Bodensee, nur der Untersee zugefroren» titelt das St. Galler Tagblatt am 22. Januar 1963 und korrigiert das deutsche Fernsehen: Der Untersee, auf dem am Wochenende «ein wahres Volksfest herrschte», gehöre «zwar ebenfalls zum Bodensee», sei aber mit seiner kleinen Fläche «in diesem Fall nur als Teil des Bodensees zu betrachten». Wenn die Kältewelle noch weiter anhalte, so das Tagblatt weiter, liege jedoch «ein Zufrieren einzelner Teile des Ober- und Überlingersees durchaus im Bereich des Möglichen».

Eis von Schiffen durchbrochen

Sollte der Obersee, weitester, breitester, tiefster Teil des Bodensees, erstmals seit 1880 zufrieren, sogar überall begehbar sein wie 1830? Es bestand eine leise Hoffnung. Derweil in jenen Januartagen vor fünfzig Jahren schon die meisten Schweizer Gewässer zugefroren warten, am 24. Januar sogar – erstmals seit 1929 – der Rhein in Basel, konnte vom Zufrieren des Obersees noch lange nicht die Rede sein. Die in manchen Bodenseehäfen festgestellten Eisdecken seien keinesfalls tragfähig, schrieb unsere Zeitung, da sie ständig von den ein- und ausfahrenden Schiffen gebrochen würden. Jedoch mehrten sich im strengen Winter europa- und weltweit immer noch verrücktere Meldungen: So waren in der Normandie küstennahe Meeresabschnitte gefroren und in den USA die Niagarafälle. Und so begannen auch die letzten Zweifler an das Jahrhundertereignis zu glauben.

Erste Überquerung 6. Februar

Nach vielen Minustagen im November und Dezember war die Temperatur seit Wochen nicht mehr über null Grad gestiegen. In einem «Lagebericht» über die «Folgen der grossen Kälte in der Ostschweiz» wird das Tagblatt am 26. Januar von Fischereiaufsehern, Wildhütern, Hafenbehörden, Wasserwirtschaftsämtern, Heizöllieferanten und Polizei bestätigt: «Alle diese Instanzen sind sich einig: Wir erleben einen Winter, wie er in dieser Härte und Ausdauer seit Menschengedenken nicht mehr vorgekommen ist.» Zu den Leidtragenden gehören das Wild und die Vögel, und den Menschen bereitet die Strom- und Brennstoffknappheit Sorgen.

«Bodensee-Gfrörni in Sicht!» heisst es erstmals in der Ausgabe vom 6. Februar, «Schiffsverkehr wird eingestellt», auch die lange frei gebaggerte Fährenpassage. Tags darauf die Meldung vom «historischen Ereignis»: Erstmals seit 133 Jahren hätten am 6. Februar Menschen zu Fuss den Bodensee überquert – sechs Männer sowie ein Schüler von Hagnau nach Altnau, gefolgt von weiteren Gruppen. Zurück dürfen sie aber nicht mehr zu Fuss, weil die Schweizer Polizei ihrerseits das Eis noch nicht freigegeben hat.

Bei aller Vorsicht und roten Verbotsmarkierungen ausserhalb der Ufergebiete wandern nun immer mehr Leute den See, und am 12. Februar – am Tag, an dem auch die denkwürdige Eisprozession stattfindet – notiert der Berichterstatter eine Völkerwanderung: «Der Bodensee wird bedenkenlos überquert, und Sicherheitsvorschriften werden kaum beachtet.»

Grosser Chilbi- und Sportplatz

In den folgenden Wochen bis zum 10. März wird der Bodensee zu einem Chilbiplatz für gross und klein. An den Wochenenden spazieren Zehntausende von Arbon nach Langenargen oder von Rorschach nach Nonnenhorn – nicht nur Seeanwohner: die Seegfrörni lockt Menschen aus der ganzen Schweiz und Süddeutschland aufs Eis. Mit Schlittschuhen, mit dem Velo oder mit dem Auto wird der See überquert.

Das grosse Eis wird auch zu einem Sportplatz: Vielerorts wird Eishockey gespielt, vor dem Hotel Rietli in Goldach wird Curling bevorzugt, manches Mädchen avanciert zur Eisläuferin. Die Musik kommt live vom Klavier, das von der «Rietli»-Bar aufs Eis getragen worden ist. «Marroni-Meier» aus Rorschach bietet seine gebratenen Edelkastanien nun draussen auf dem See an, und Dutzende Glühwein- und Punschverkäufer tun es ihm gleich.

Besonderes Klima

Den Menschen schien die Kälte nichts mehr auszumachen: Sie strömten auf das Eis. Das Klima im Februar 1963 war wegen der Seegfrörni angenehmer, trockener als üblich. Zudem hatte sich die Bevölkerung nach wochenlanger scharfer Kälte an die «Eiszeit» gewöhnt, wie der Horner Willi Langenberger erzählt.

Langenberger, der als Feuerwehroffizier die Eisfläche kontrollierte und den zugefrorenen See dreimal überquerte, erinnert sich an die Seegfrörni, als wäre sie gestern gewesen. Und er weiss manche Geschichten zu erzählen, die ab heute Anlass geben zu einer kleinen Serie (Teil 1 unten).

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