Seeforellen auf Hochzeitsreise stürmen die Steinach hinauf

Die Seeforellen – Leitfischart des Bodensees – sind auf die natürliche Fortpflanzung angewiesen. Die Hochzeiter zogen nun ungestüm und in grosser Zahl zu den angestammten Laichgründen in die Steinach.

Gernot Grabher
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Vor dem unüberwindlichen Wasserfall im oberen Teil der Gemeinde Steinach stauen sich die Seeforellen. Die Fischer haben alle Hände voll zu tun, um die Fluchtversuche der flinken Fische zu vereiteln. (Bilder: Gernot Grabher)

Vor dem unüberwindlichen Wasserfall im oberen Teil der Gemeinde Steinach stauen sich die Seeforellen. Die Fischer haben alle Hände voll zu tun, um die Fluchtversuche der flinken Fische zu vereiteln. (Bilder: Gernot Grabher)

Die wegen der langen Trockenperiode niedrigen Wasserstände in den Bodensee-Zubringerflüssen verlangten den laichwilligen Seeforellen eine lange Geduldsprobe ab, bis endlich Regen fiel. Dann konnten über 80 der grossen Tiere für die Nachzucht abgefischt werden. «Sie müssen erst in den letzten vier, fünf Tagen aus dem Bodensee in die Steinach gezogen sein», erklärt der St. Galler Fischereiaufseher Fredi Fehr, der täglich am Gewässer war, um den Zug der Seeforellen nicht zu verpassen. Besonders helle Flecken im Kies am Bachgrund – von den Fischen ausgeschlagene Laichgruben – wiesen darauf hin, dass die Seeforellen mit der Fortpflanzung begonnen hatten. Für den vergangenen Mittwoch berief er nun sein Team ein, das für die künstliche Nachzucht laichreife Fische abfing.

Mit Elektrosonde abgefischt

Mit der Elektrosonde abgefischt wurde eine gut einen Kilometer lange Strecke im oberen Ortsgebiet der Gemeinde Steinach. Waren im seenäheren Teil der Steinach nur vereinzelt Forellen vorhanden, nahm die Zahl im Oberlauf des Bachs rasch zu, und die Männer im Wasser – unter ihnen auch Helfer aus Vorarlberg und vom deutschen Seeufer – bekamen alle Hände voll zu tun. Das Waten im rutschigen Bachbett, das Fangen der flüchtigen Tiere mit dem Feumer und das Weiterreichen der gefangenen Forellen bis zum Transporter mit den mit Sauerstoff versorgten Behältern ist eine kräfteraubende Angelegenheit.

Vor einem kleinen, für Fische aber unüberwindlichen Wasserfall im oberen Teil der Gemeinde Steinach entwickelte sich im Fängerteam einige Hektik. In dem Becken unterhalb des Falls hatten sich über 50 grosse Seeforellen angesammelt, die mit allen Kräften zu entkommen versuchten. Einige schossen an den Keschern der Fischer vorbei bachabwärts, andere versuchten springend weiter nach oben zu kommen. Aufseher Fredi Fehr, zuständig für das Rheintal und die Bodenseezuflüsse, brach schliesslich das Abfischen ab: «Stop, wir haben genug», kommandierte er.

Die Seeforellen wurden anschliessend in die Zuchtanstalt in Rorschach gebracht und nach einer Betäubung vermessen, gewogen und dann abgestreift und befruchtet, um Laichmaterial für die künstliche Nachzucht zu erhalten. Einige der Fische zeigten beeindruckende Masse. Die meisten waren über 60 Zentimeter lang und wogen zwischen drei und vier Kilo. Den Rekord lieferte ein Weibchen: Es war 87 Zentimeter lang und brachte fast sieben Kilo auf die Waage. Grosse Rogner (weibliche Fische) liefern an die 6000 Eier. Der für die Steinach zuständige Aufseher Fredi Fehr, dem auch sein Toggenburger Kollege Christoph Birrer beistand, war zufrieden. Mit den noch ausstehenden Laichfisch-Aktionen kann er in Rorschach an die 200 000 kleine Seeforellen erbrüten. Die Fische aus der Steinach sind auch ein wichtiger Beitrag zur Erhaltung des Genpools.

Die Leitfischart des Bodensees, in den 1980er-Jahren noch vor dem Aussterben, hat zwar die kritische Phase dank internationaler Hilfsprogramme überstanden. «Wirklich über den Berg ist sie aber erst, wenn die natürliche Fortpflanzung ausreicht, um einen stabilen Bestand zu erhalten», sagt der Fischereibiologe Peter Rey vom Konstanzer Institut Hydra, das gegenwärtig mit einer Interreg-Studie über die langfristigen Chancen der Seeforelle beauftragt ist.

Langer Weg zum Laichgrund

Bäche wie die Steinach oder die Goldach bieten abgesehen vom Alpenrhein die günstigsten Laichgründe für die «Salmo trutta lacustris», die lateinische Bezeichnung der Seeforelle. Im Alpenrhein ziehen zwar mehr der Wanderfische auf, ihre Hochzeitsreise führt sie bis zu 130 Kilometer weit in den Bündner Vorderrhein. Fraglich ist allerdings der Abstieg des Nachwuchses der Weitreisenden in den Bodensee, dem steht das Kraftwerkswehr in Domat/Ems im Weg. Seeforellen, die zur Fortpflanzung die Steinach oder die Goldach nutzen können, bieten sich entscheidende Vorteile. Der Weg zu den Laichgründen ist kräfteschonend kurz, der Abstieg in den See unbehindert.

Zukunft der Steinach offen

«Noch ist es so», sagt Kantonsaufseher Fredi Fehr. Wie die Zukunft in der Steinach aussehe, sei aber offen. Derzeit bezieht die Steinach rund die Hälfte des Wassers aus der Kläranlage Hofen, die die Abwässer des Ostteils von St. Gallen aufnimmt. Künftig wird eine Rohrleitung diese Abwässer direkt in den See abführen. Dann, so fürchtet Fehr, könnte die Steinach besonders im Sommer zum Rinnsal werden. «Das Wasser wird dann wohl sauber sein», so Fehr, «aber es könnte für den Aufstieg der Forellen nicht mehr reichen.»

Aufseher Fredi Fehr und sein Kollege Christoph Birrer leisten in der Zuchtanstalt Rorschach einer Seeforelle Geburtshilfe.

Aufseher Fredi Fehr und sein Kollege Christoph Birrer leisten in der Zuchtanstalt Rorschach einer Seeforelle Geburtshilfe.