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SEE-GASTER: Eine Region in der Identitätskrise

Kein einheitlicher Name, kein eindeutiges Zentrum: Die Bevölkerung im Wahlkreis See-Gaster identifiziert sich laut einer Studie deutlich weniger mit «ihrer» Region als andere Kantonsteile.
Roland Lieberherr
Der Wahlkreis See-Gaster reicht von Rapperswil-Jona am Zürichsee ... (Bild: Benjamin Manser)

Der Wahlkreis See-Gaster reicht von Rapperswil-Jona am Zürichsee ... (Bild: Benjamin Manser)

Roland Lieberherr

ostschweiz@tagblatt.ch

Während Toggenburger, Sarganserländer oder Rheintaler mit Stolz ihre regionale Herkunft betonen, fehlt diese Bindung im Linthgebiet, im Gaster und am Obersee. Der Wahlkreisname See-Gaster ist vielen seiner Bewohner zwar geläufig, so richtig identifizieren damit können sich aber immer weniger. Bald 200 Jahre nachdem die Bezeichnungen ins Leben gerufen worden sind (siehe Kasten), lösen die früheren Bezirksnamen in den Köpfen der hiesigen Bevölkerung nur bedingt Heimatgefühle aus.

Nicht ohne Grund: Der Begriff Gaster (vom lateinischen castrum – Wehranlage) ist bei den über 50-Jährigen weitherum akzeptiert, doch er wirkt altbacken. Insbesondere Jüngeren fehlt der Bezug dazu. «Die Bedeutung von Gaster ist heute zahlreichen Bürgern nicht mehr bekannt», sagt Markus Schwizer, Präsident der Region ZürichseeLinth. Noch beliebiger scheint der Begriff See gewählt worden zu sein. Er ist zu unspezifisch. Der Wiedererkennungswert für die Bewohner ist marginal. Das bestätigt eine Umfrage der «Südostschweiz». Diverse Befragte spüren keine besondere Bindung zum Wahlkreisnamen. Sie fühlen sich viel eher als Benkner oder Eschenbacher denn als Einwohner des Gebiets See-Gaster.

Eine künstlich geschaffene Region

«Die Identifizierung der Bürger mit der Region ist eher schwach ausgeprägt. Sie ist vermutlich deutlich geringer als beispielsweise im Toggenburg», sagt Silvan Manhart. Es ist eine der Haupterkenntnisse seiner Di­plomarbeit, die der heutige Projektleiter der Region ZürichseeLinth 2016 verfasst hat. Er hat über 200 Personen befragt – dar­unter lokale Akteure aus Politik, Kultur und Wirtschaft. Gemäss seiner Auswertung gibt es mehrere Gründe für das eher tiefe regionale Zusammengehörigkeitsgefühl. Einerseits die historische Komponente: «Die Bezirke ­Gaster und See – bedingt durch die kantonale Einteilung Napoleons – waren künstlich geschaffene Gefässe, welche die Region etwa 170 Jahre in zwei Gebiete teilte. Deshalb konnte eine gemeinsame regionale Identität kaum reifen, bis heute nicht.»

Ein weiterer Faktor ist die geografische Ausrichtung der Bewohner. Im östlichen Teil des Wahlkreises orientieren sich viele in Richtung Glarus, im mittleren Teil eine Mehrheit nach Uznach. Für die Bürger der Seegemeinden ist Rapperswil-Jona ein wichtiger Anziehungspunkt, und fast jeder zweite Befragte im St. Galler Linthgebiet orientiert sich Richtung Zürich. Ein klassisches, grosses Zentrum inmitten des Wahlkreises fehle, sagt Manhart. «Dieses Manko begünstigt die Identifizierung mit der Region ebenso wenig.»

Die geringe regionale Verankerung der Bürger hat gravierende Nachteile – sozial wie wirtschaftlich: Das Engagement des Einzelnen für das hiesige Gemeinwohl schwindet, Gelder werden häufig ausserregional investiert. Hinzu kommt das Namenwirrwarr: So wird die Region als St. Galler Linthgebiet, Oberer Zürichsee, See-Gaster oder ZürichseeLinth bezeichnet – und von Bewohnern des nördlichen Kantonsteils oft despektierlich nur mit «ennet dem Ricken» ­betitelt. «Die verschiedenen ­Bezeichnungen für denselben Raum rivalisieren sich», sagt Schwizer.

Auch für Manhart ist klar: Der Region fehle eine klare, einheitliche Bezeichnung. Das hemme die Entwicklung der regionalen Identität. Er verdeutlicht dies anhand eines Beispiels: «Wenn Eltern ihr Kind mal Peter, vereinzelt Lukas und dann wieder Jakob ­rufen, gerät das Kind in eine Identitätskrise.» Um dieser vorzu­beugen und die regionale Verbundenheit zu stärken, sei ein homogener Begriff für den Grossraum zwischen Amden und Rapperswil-Jona zweckmässiger.

Verein schlägt andere Bezeichnung vor

Mit diesem Anliegen gelangte der noch junge Verein «RI – Bidäbii, Regionale Identität OberseeLinth» an die politischen Amtsträger der Region. Der Verein, dessen Vorstand auch Manhart angehört, schlug der Region ZürichseeLinth (RZL) vor, aus den genannten Gründen eine einheitliche Bezeichnung für Wahlkreis und Region zu überdenken. Die Anregung stiess bei den Mitgliedern der RZL auf offene Ohren.

Rasch mauserte sich ZürichseeLinth zum Favoriten für ­einen allfälligen Nachfolgenamen des Wahlkreises. Keine allzu grosse Überraschung: Nicht nur die zehn Gemeinden im Linthgebiet treten seit längerem politisch unter diesem Namen auf, auch immer mehr Organisationen verwenden ihn, beispielsweise Energie ZürichseeLinth, Pro Senectute ZürichseeLinth und Kultur ZürichseeLinth. Das komme nicht von ungefähr, ist RZL-Präsident Schwizer überzeugt: «Die Bezeichnung ist von funktionaler Natur, national bekannt und lässt sich geografisch klar zuordnen.»

Repräsentative Umfrage in Bevölkerung gefordert

Die eindeutige geografische Begrenzung ist auch für Manhart ein Hauptargument, dem Begriff ZürichseeLinth den Vorzug zu geben. Denn: Seine Studie kommt zum Schluss, dass sich die Bürger am stärksten über den Bereich Landschaft mit dem St. Galler Linthgebiet identifizieren. Um auszuloten, wie die Bevölkerung einer Umbenennung des Wahlkreises gegenübersteht, wäre für Manhart eine repräsentative Umfrage unabdingbar und wünschenswert. «Voraussetzung einer Namensänderung ist aus unserer Sicht eine Mitwirkung der Bevölkerung.»

Inwiefern die Bürger bei dieser sensiblen Frage einbezogen werden sollen, ist völlig offen. Und obwohl RZL-Präsident Schwizer Ende vergangenen Jahres verkündete, die Region unterstütze eine Namensänderung des Wahlkreises von Gaster-See zu ZürichseeLinth, krebst er nun ein wenig zurück. «Die Region hat derzeit nicht vor, die dafür notwendigen politischen Vorstösse zu lancieren.» Denn die Hürden, einen Wahlkreis umzutaufen, sind hoch – dazu bräuchte es eine Verfassungsänderung samt obligatorischer Volksabstimmung im gesamten Kanton.

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